Zinnsoldaten auf Wanderschaft

Ich mag solche Andachten eigentlich nicht. Man muß ganz früh aufstehen, es kommt fast niemand, es geschieht nichts, keine Predigt, kaum Musik. Dass alles auf Dänisch passiert, macht die Sache für mich nicht  leichter.

Immerhin, diese Andacht hat eine ziemlich besondere Note: Sie wird seit 80 Jahren live im dänischen Radio übertragen und ist damit Dänemarks älteste Radiosendung. Außerdem findet sie in der Vor Frue Kirke statt, der Hauptkirche von Kopenhagen, für die sich seit der Hochzeit von Kronprinz Frederik mit Mary Donaldson anno 2004 auch wieder vermehrt Touristen interessieren.

kopenhagen-andachtDer Pfarrer, ein stämmiger Herr mit dünnem Bart und Brille, trägt einen schwarzen Talar mit unbequemer weißer Halskrause (wie in Dänemark üblich), seine Aufgabe ist es lediglich, halbwegs radiotauglich aus der Bibel vorzulesen. Nach dem Ende der Andacht tritt er hinunter ins Kirchenschiff und verabschiedet jeden der neun Besucher mit einem herzhaften »Godmorgen« in den Tag.

Die Berufsneugier treibt mich, auf einem Aushang nachzuschauen, wie der Mann eigentlich heißt. Auf dem Zettel steht: »Liturg: PSJ«. PSJ steht für Peter Skov-Jacobsen, es ist der Bischof von Kopenhagen und der »primus inter pares« unter den Bischöfen der dänischen Kirche, sozusagen Dänemarks oberster Protestant. Siehe da!

Die Dänen gelten als ein ausgesprochen anti-autoritäres Volk, dem ausgeprägte Hierarchien suspekt sind. Dänen duzen sich, auch ihre Chefs und ihre Würdenträger. Eine Ausnahme gibt’s nur für die Königin. Und so ist auch die hiesige Kirche hochdemokratisch und so hierarchiefrei wie möglich. Wer sich von der Basisnähe protestantischen Amtsverständnisses überzeugen will, ist hier richtig.

Bis zur besagten königlichen Traumhochzeit war unter Kopenhagen-Touristen vor allem eine andere Kirche gefragt: die Grundtvigskirke im Stadtteil Bispebjerg, eines der ungewöhnlichsten Gotteshäuser des 20. Jahrhunderts.

Ist Kirche überhaupt das richtige Wort? Die Grundtvigskirke sollte von Anfang an mehr sein als eine Kirche, sie ist ein Denkmal, ein architektonisches Bekenntnis, das den halben Stadtteil miteinbezieht. Sie erinnert an den Pfarrer, Dichter und Politiker Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783-1872), einen Mann, der wie kein anderer die jüngere Geschichte Dänemarks beeinflusst hat. Im »Danske Salmebog«, dem dänischen Gesangbuch von 1992  finden sich über 200 Lieder aus seiner Feder, seine Idee von einer ländlichen »Volkshochschule« als Bildungsinstitution für Bauern ging um die halbe Welt.

kopenhagen-grundtvigskirkeDie  Grundtvigskirke, 1940 nach 19 Jahren fertiggestellt, sieht von außen aus wie eine zu groß geratene dänische Dorfkirche, von innen wie eine mild angegilbte gotische Kathedrale. Verbaut hat man über fünf Millionen gelbe dänische Ziegel, die von ausgewählten dänischen Maurern eingesetzt wurden. An dieser Kirche ist nichts zufällig – die Sichtachse zum Park, die Erkennbarkeit vom Meer aus.  Grundtvig ist neben dem Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) derjenige Denker aus Dänemark, der Kirche und Welt am nachhaltigsten beeinflusst hat. Die letzten 33 Jahre seines Lebens wirkte er an der kleinen Kirche des Vartov-Krankenhauses im Zentrum von Kopenhagen.

Dort hat heute die Grundtvig-Akademie ihren Sitz. Und anders als an der Grundtvigkirke hat der große Denker hier auch ein eigenes Standbild: Es steht im Innenhof und zeigt einen milde lächelnden Herrn mit eckig-modernem Gesichtsschnitt und riesigen Händen. Hier hat Birgitte Stoklund Larsen ihr Büro, die Leiterin der Grundtvig Akademie.

 »Seine Persönlichkeit hat überall Bedeutung, in der Kirche, in der Kultur, für das ganze Volk«, sagt Larsen. Die Akademie versteht sich als Diskussionsscharnier zwischen Kirche und Gesellschaft, und da Grundtvig überall zuhause war, auch in der Dichtung, auch in der Politik, ist er der ideale Pate.

Grundtvigs Vokabular ist mitunter völkisch angehaucht – freilich zu einer Zeit, als dieses Wort noch nicht durch das krude Rassedenken einiger ausgetickter Rechtsaußen-Ideologen in Deutschland und Österreich desavouiert war. Seine Vorstellungen von einer Welt, in der »die Sonne für alle aufgeht, die Bauern und die Gelehrten« (Larsen), erwachsen aus einem christlichen und nationaldänischen, später aber auch tiefdemokratischen und freiheitlichen Denken. Auch ging dem Pfarrer Grundtvig Freiheit über alles, theologischer Dogmatismus war ihm ein Greuel, und das bis heute liberale Klima in der dänischen Kirche samt  Abneigung gegen Hierarchien und großer Gemeindeautonomie hat viel mit ihm zu tun.

kopenhagen-vorfrelserkirkeKaum eine europäische Großstadt ist in ihrem Herzen baulich derart protestantisch geprägt wie Kopenhagen. Allein die City zählt zwölf evangelische Kirchen, die Nikolaikirche, die heute eine Kunsthalle und ein Restaurant beherbergt, noch gar nicht mitgerechnet. Zum meinem Programm gehört – natürlich – die Vor Frelsers Kirke draußen in Christianshavn, »Dänemarks billigstes Fitneßcenter«, wie es in einer Touristenbroschüre heißt.

Das Spannende an dieser Kirche ist der Turm. Ab Stufe 251 geht der Aufstieg noch 149 Absätze im Freien weiter, und zwar als Wendeltreppe, die sich mehrmals um die Turmlaterne windet, dabei am Ende immer schmäler wird und schließlich kurz unter der Christusstatue ausläuft.

Die Treppe ist die ehrlichere Methode, Kopf und Magen flau zu kriegen, als in den Fahrgeschäften im Tivoli. Zuerst geht es nur über ausgetretene Holzstiegen hinauf, vorbei an der Carillon-Kammer und am stillgelegten mechanischen Uhrwerk, schließlich geradewegs durch den Glockenstuhl – glücklicherweise ist es gerade 15.36 Uhr, kein Läuten in Sicht. Wenn man zum ungünstigen Zeitpunkt vorbeikommt, kann man sein Trommelfell beim Schloß Rosenborg wieder einsammeln.

Endlich kommt die Turmplattform. Ich bin von babylonischem Stimmengewirr umgeben, alle streben aufwärts zu Christus. Einige Amerikanerinnen kreischen sogar »Oh my God!«, aber sie meinen es sicher nicht spirituell. Beim Gruppenfoto passen alle sehr auf, nicht zu nah außen stehen zu müssen.

Ein Mittzwanziger aus Deutschland schleppt sich mit bleichem Gesicht und zitternden Knien Stufe für Stufe nach oben, immer eng an die Turminnenseite gepresst. Ich bin glücklicherweise schwindelfrei, aber oben, am engen Auslauf der Wendeltreppe, bin ich dann doch froh, dass es wieder abwärts geht. Bei Sturm soll der Turm auch noch schwanken. Wer dann auch noch zur falschen Zeit durch die Läutkammer geht, ist bedient. Beim Abstieg ist es 15:57 Uhr, wieder Glück gehabt.

Auch jenseits des Klettergruselns kann man spielend seine Tage im Bannkreis der Kirche verbringen. Das kulturelle Angebot ist in Breite und Qualität überwältigend: Zufällig gerate ich in eine nachmittägliche Chorandacht mit einem Ensemble aus New York (!), dessen Klangpräzision atemberaubend ist.

In der Trinitatis Kirke sitzen am Abend gut 100 junge Leute bei Kerzenschein auf Polstern im Mittelgang zwischen den Bänken und lauschen den Bands, die heute Abend zur »natkirke« aufspielen. Pfarrerin Mia Rahr Jacobsen hat den Auftrag, Jugendliche möglichst niederschwellig anzusprechen. Die Bands kommen nicht aus der christlichen Szene, Liturgie gibt es keine. Aber viele der jungen Menschen, die donnerstags abends hierher kommen, hören zum ersten Mal ein Gebet.

kopenhagen-denkmalDänemark war neben Schweden das einzige eigenständig agierende Land Europas, das mit Mann und Maus zur Reformation überging. Es gab keine Notwendigkeit, sich möglichst deutlich abzugrenzen: Das tradierte Liedgut wurde lange beibehalten, die Liturgie nur maßvoll angepasst. Die Dänen kennen daher kein Reformationsfest, schon gar keines mit Glanz und Gloria, wie es vielerorts hierzulande begangen wird, sondern feiern vielmehr den guten alten »alle helgens dag«.

Die dänische Geschichte kennt die schmerzhaften Brüche und blutigen Zäsuren nicht, die andere Nationen mit sich herumtragen. All die Frederiks und Christians, die seit der Reformation in Dänemark herrschten (immer abwechselnd), taten das jedenfalls so umsichtig, dass auch in turbulenteren Zeiten niemand auf die Idee kam, sie ernsthaft in Frage zu stellen. Immer wieder haben sie auch die lutherische (Staats-)Kirche, an deren Spitze sie bis 1849 standen, im Glanz ihres Königtums strahlen lassen. Das beste Beispiel ist die Frederiks Kirke, von König Frederik V. in der Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen und erst 1894 endgültig fertig gestellt, natürlich unter maßgeblichem Anschub von Grundtvig. Die Kuppel mit dem riesigen Bibel-Schriftzug im Inneren ist eine der größten in Europa, und besonders, wenn man das ganze Ensemble mit der Kirche und den Flügeln von Schloß Amalienborg vom Wasser aus betrachtet, ist unübersehbar, dass die königlichen Architekten den Petersplatz in Rom samt Peterskirche vor Augen hatten. Heute baut die Königin keine Kirchen mehr; aber immerhin wurde das »Danske Salmebog« noch 2002 ausdrücklich von ihr autorisiert. 

Die ungebrochenen Traditionslinien, die dieses Land durchziehen, erlebe ich unverhofft ganz hautnah mit, als ich zufällig Punkt 11.30 Uhr an der Livgardens Kaserne vorbeikomme. Gerade öffnet sich das Tor, und 19 milchgesichtige Zinnsoldaten biegen im Gleichschritt auf die Gothersgade ein, flankiert von einem Vorgesetzten in Grünzeug und zwei Polizisten. Links und rechts rauscht der Verkehr einer europäischen Hauptstadt, aber mitten auf der Straße marschiert unbeirrt von der Welt das Wachbataillon gen Schloß Amalienborg.

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Pardon, natürlich sind es keine Zinnsoldaten, sondern Elitekämpfer, von denen viele schon den Hindukusch gesehen haben. Aber mit ihren rotweißen Uniformen und den schwarzen Pelzhauben sehen sie aus, als wären sie eben einem Märchen von Hans Christian Andersen entsprungen. Es stört sie nicht weiter, dass ich, fleißig fotografierend, nebenher trotte; aber den Radfahrer, der sich anschickt, die Königliche Garde rechts zu überholen, holt der Polizist mit einem Schrei der Empörung fast vom Sattel.

Die wunderbarsten Momente aber kommen, wenn die Verkehrsampeln auf Rot schalten: Dann schallt ein zweisilbiger Ruf durch die Häuserschluchten, und die Soldaten halten an. Bei rot musst du stehn, bei grün darfst du gehn. Das gilt auch für das Wachbataillon Ihrer Königlichen Majestät. Beim Schloß Amalienborg wartet schon eine vielhundertköpfige Touristenschar. Viele wundern sich über das Spektakel, einige lachen auch, es fallen uncharmante Worte wie »Kasperltheater«. Die Dänen mögen vielleicht auch manchmal lächeln, aber sie tun es loyal und leise.

Südlich des Hauptbahnhofes sinkt die Attraktivität von Kopenhagen rasend in den Keller. In der Istedgade gibt es kein schickes Dänen-Design und nicht mal mehr die obligatorischen Ansichtskarten von der Kleinen Meerjungfrau. Meinen Weg säumen jetzt Erotikshops, Döner-Buden und Spielhallen inmitten von häßlichen Wohnsilos. Mittendrin  erhebt sich auf einmal ein dürrer Glockenturm, gesäumt von Ziegelwänden, und zwar: aus dem Nichts. Hinter der Fassade herrscht gähnende Leere, bevor 50 Meter weiter auf einmal doch die dazugehörige Kirche beginnt.

kopenhagen-apostelkirkeFür Pfarrer Niels Nyman Eriksen ist diese Kirche ein starkes Symbol: »Wir sind in die Mitte der Welt gestellt«, und zwar egal, wie schön oder attraktiv die Mitte gerade ist.  Die Wohnblöcke links und rechts der kirchlichen Ziegelwände sind im Laufe des letzten Jahrhunderts abhandengekommen.

Die Apostelkirke ist kein Gotteshaus, das einen Machtanspruch verkündet. Kein Tourist verirrt sich hierher. Sie ist Symbol dafür, wie sich die Kirche in dieser Stadt auf ihre diakonische Verpflichtung besonnen hat. Hier entstand 1907 einer der ersten Kindergärten Dänemarks, hier kämpften Pionier-Pfarrer gegen den Alkoholismus unter den Arbeiterfamilien oder gaben Obdachlosen Herberge.

Aus der Seelsorge für Strafgefangene und Strafentlassene entstand das Café Exit nebenan. Hier werden Ex-Knackis bei der Rückkehr ins Leben unterstützt. Im Café entstand auch der  »Fangekoret« (Gefangenenchor), ein inzwischen international beachtetes Sozialprojekt im Vorortgefängnis Vridsløselille.

Derzeit im Fokus von Pfarrer Eriksen ist die Flüchtlingshilfe: Jeden Samstag nachmittag kommen etwa 25 Asylsuchende aus dem Iran und Afghanistan aus einer staatlichen Asylunterkunft, um in der Kirche zu übernachten und am nächsten Morgen den Gottesdienst mitzufeiern. Kopfhörer an den vorderen Bänken bieten Übersetzungen in farsi und afghanisch. So wird eine Sozialkirche im fernen Dänemark zu einer iranischen Missionsstation.

Braucht eine Stadt wie diese auf dem Weg durch das 21. Jahrhundert noch eine liebevoll archaische Organisation wie die Kirche? »Manche sagen: Religion ist was für die Dummen«, sagt Gertrud Hojlund vom Radiosender 24syv, die in ihren Wochenendtalks gerne christliche Themen aufgreift: »Dahinter stecken Vorstellungen von Kirche, wie sie schon vor 200 Jahren überholt waren.«

Doch die Urfragen des Lebens bleiben auch in einer noch so säkularen Welt. Die Protestanten glaubt die Redakteurin dabei in einer vergleichsweise komfortablen Position: "Wir haben den geistigen Freiraum, die Welt zu interpretieren und werden nicht von der Tradition niedergehalten." "Kein Pfarrer soll uns was vorschreiben", versichert auch Akademieleiterin Stoklund Larsen. Ganz einig sind sich die Dänen nicht mal beim Vaterunser: Das Gesangbuch verzeichnet zwei Versionen.