Weltweite Erfolgsgeschichte (Reportage)


Eine Kleinstadt in der Oberlausitz ist Ausgangspunkt für den erstaunlichsten Medienerfolg in der Geschichte des Protestantismus. Seit 1731 gehen von hier die »Herrnhuter Losungen« aus – mit internationaler Millionenauflage.
Das Ritual, das sich einmal jährlich im Frühling im barocken Vogtshof von Herrnhut in der sächsischen Oberlausitz abspielt, ist einmalig – eine Mixtur aus Ziehung der Lottozahlen und Bibelstunde für Kenner.

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Das Ambiente ist betont nüchtern: ein wohnzimmergroßer Raum mit einem weißen, runden Holztisch, weiße Holzstühle, auf der Fensterbank Blumen, an den Wänden einige Ölgemälde, von denen streng die Gründerväter der Herrnhuter blicken, das war’s dann.
Auf dem Tisch: Eine silberne Schüssel, in die kurz vor Beginn der Ziehung eine Protokollantin viele Hundert Papierschnipsel hineinkippt. Außer den Schnipseln, auf denen handschriftlich Zahlen notiert sind, gehört ein schwarzes Findbuch zum Ritual, mit dessen Hilfe jeder Zahl eine Bibelstelle im Alten Testament zugewiesen werden kann, insgesamt 1824. Die Zettel, die in den beiden vorhergehenden Jahren gezogen wurden, bleiben draußen, um Wiederholungen zu vermeiden.
Weitere Hilfsmittel: ein Kalender und ein Protokoll, in dem die gezogenen Lose fixiert werden. Zur Sicherheit gibt’s beides zweimal.
Vor der eigentlichen Handlung gibt es eine kurze Andacht, bei der kräftig gesungen und ausgiebig gebetet wird. Um den Tisch sind die Mitglieder der Kirchenleitung versammelt, die bei der Herrnhuter Brüdergemeine »Kollegium« heißt, Platz genommen haben außerdem einige Presseleute und etliche Mitarbeiter, die aber gleich nach dem letzten »Amen« den Saal verlassen.
Im Vogtshof werden heute die »Herrnhuter Losungen« gezogen. Diese Zusammenstellung von Bibelversen, die jeweils einem Tag im Jahr zugeordnet sind, ist bis heute der größte Medienerfolg in der Geschichte des Protestantismus – von der Bibel selber einmal abgesehen. Finanzminister Wolfgang Schäuble und Katrin Göring-Eckardt von den Grünen lassen sich durch die Losungen begleiten, auch Otto von Bismarck und Dietrich Bonhoeffer taten es.
Die Losungen werden heute in mindestens 54 Sprachen veröffentlicht, darunter Inuktekuk, Miskio und Xhosa. Allein die deutsche Ausgabe hat eine Auflage von rund einer Million. Für die Gesamtausgabe gib es keine gesicherten Zahlen; man spricht von rund drei Millionen. Es gibt die Losungen in Blindenschrift und für Gehörlose, als Comic oder als Bildschirmschoner. Die recht junge »Losungen-App« nutzen rund 100 000 Menschen, Tendenz stark steigend.


Am Tisch im Vogtshof hat das Ziehungsquartett für die ersten vier Monate des Jahres 2018 Platz genommen: Losungsredakteur Erdmann Becker, der in die silberne Schüssel mit den Losungen greift, Pfarrer Andreas Tasche von der Herrnhuter Missionshilfe am Findbuch sowie Corina Halang und Dagmar Zachmann als Protokollantinnen.
Es ist kurz nach neun, das Kamerateam des Bayerischen Rundfunks hat Ton und Bild feinjustiert und ist in Position gegangen. Gefilmt werden darf nur beim ersten Monat, und nur aus einer Perspektive.
Becker zieht den ersten Zettel und verliest die Nummer: 190. Protokollantin Halang wiederholt, der Mann am Findbuch ermittelt die zugehörige Bibelstelle und liest sie vor. Die Protokollantin nennt die Bibelstelle noch einmal und schreibt sie dann auf.
Weiter zum 2. Januar.
1284, 15.1., 1. Mose 1, 3, 169, Hiob 21, 22, 4.2., 1500, Jes. 29, 15, 879, Ps. 36, 7: Was nach heillosem Zahlensalat klingt, ist der Schlüssel zum Losungsjahrgang 2018. Von dem hier natürlich nichts vorab preisgegeben werden darf –
auch das gehört zu den strengen Regeln der Ziehung.
Nach einem Monat tauschen die beiden Herren ihre Plätze, die andere Protokollantin übernimmt. Tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Herr, du hilfst Menschen und Tieren. Du bist doch der Herr und Gott, auf den wir hoffen. Lobe den Herren, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag...

Die Wurzeln der Herrnhuter Brüdergemeine reichen zurück bis zum böhmischen Reformator Jan Hus. Fast 200 Jahre lang behaupteten sich die Anhänger der alten Brüder-Unität, auch »Böhmische Brüder« genannt, in Böhmen und Mähren, bevor sie im 30-jährigen Krieg von dort vertrieben wurden. Als ihre theologischen Kennzeichen galten die Wertschätzung von Bibel und Bildung sowie eine entschiedene Ablehnung jeglicher Gewalt. Berühmtester und letzter Bischof der Unität war der Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670). Die letzten Mitglieder der alten Brüder-Unität wanderten im frühen 18. Jh. ins benachbarte evangelische Sachsen aus. Eine Exulantengruppe von zwei Familien, die unter Führung des Zimmermanns Christian David im Mai 1722 im ostmährischen Fulnek losgezogen waren, wurde zur Keimzelle für die Belebung der schon untergegangenen Gemeinschaft.

In der Oberlausitz siedelte sich die Gruppe zwischen Zittau und Löbau auf dem Land des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) an. Die neue Siedlung sollte unter dem besonderen Schutz Gottes stehen und bekam daher den Namen »Herrnhut«. Bis 1727 war sie schnell auf rund 220 Personen angewachsen, Flüchtlinge und Abenteurer aus allen Himmelsrichtungen, sozialen Herkünften und mit vielen unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Zinzendorf übte nun nicht nur die herrschaftliche Gewalt über seine Untertanen aus, sondern verhielt sich auch als geistliche Führungsgestalt.
Zur eigentlichen Geburtsstunde der Herrnhuter wurde ein Abendmahlsgottesdienst am 13. August 1727 im benachbarten Berthelsdorf. Dort geschah die berühmt gewordene Herrnhuter Erweckung: »Alsbald darauf fiel die Gemeinde vor Gott nieder, fing zugleich an, zu weinen und zu singen«, heißt es im Tagebuch der Brüdergemeine: »Man konnte kaum unterscheiden, ob gesungen oder geweint würde, und es geschah beides.« Der Pietismus-Experte Peter Zimmerling hat dieses Ereignis so eingeordnet: »In der Folgezeit entstand ein neues Modell gelebten Glaubens, wie es die evangelische Christenheit bis dahin noch nie gesehen hatte.«
HEUTE gehören der Freikirche der Evangelischen Brüder-Unität etwas über eine Million Mitglieder in 35 Ländern auf allen Kontinenten an, davon allein die Hälfte in Tansania. Demgegenüber bringen es alle 16 Gemeinden in Deutschland zusammen nur auf 5700 Angehörige, die der Provinz »Festlandeuropa« zugeordnet sind. 

Herrnhut war immer ein Fremdkörper in der Oberlausitz«, sagt Erdmute Frank, die Gästepfarrerin der Brüdergemeine. Die Indikatoren dafür sind zahlreich: Alle umliegenden und inzwischen eingemeindeten Dörfer sind viel älter. Dort wird breite Mundart mit einem retroflexen »r« gesprochen, das jedem US-Amerikaner Ehre machen würde. Herrnhut ist traditionell mundartfreie Zone.
Dann die Architektur: Hier sind die üppigen Formen des Barock so schlicht und zweckmäßig entschlackt, dass man vom »Herrnhuter Barock« spricht. Musterbeispiel ist die nach 1945 wiedererbaute Kirche, die so schmucklos, unter anderem auch turmlos, daherkommt, dass man sie gleich »Kirchensaal« nennt. Er besteht aus weißen Bänken und einem Tisch, der als Kanzel, Altar und Tauftisch dient: Keine Kanzel, keine Bilder. Ein Festsaal, kein Sakralraum.
Hier der stolze Vogtshof, dort das Komenský-Tagungshaus, das nach dem Brüderbischof Comenius benannt ist (wie auch die benachbarte Buchhandlung). Hier das Zinzendorf-Gymnasium, dort ein Zinzendorf-Denkmal. Auch der moderne Exportschlager der Stadt, der »Herrnhuter Stern«, der in der Adventszeit sogar das Bundeskanzleramt ziert, ist auf dem    
    Nährboden der Brüdergemeine gewachsen. Bis heute gehört die Sternmanufaktur der Brüder-Unität. In Herrnhut kann sich nicht mal die Döner-Kneipe der Historie entziehen: Sie heißt »Stern Kebab«.
Besonders eindrucksvoll ist der Gottesacker vor den Toren der kleinen Stadt. Die Mitglieder der Brüdergemeine werden dort bis heute in Gräbern mit gleich gestalteten flachen Grabsteinen bestattet, und zwar nicht nach Familien, sondern, getrennt nach Männern und Frauen, in einer Reihung, die der Tod vorgibt.
Herrnhut hat sich mit rund zwei Dritteln christlicher Bevölkerung eine Volkskirchlichkeit bewahrt, die in Deutschlands Osten ihresgleichen sucht. Die Mitglieder der Brüdergemeine, gut 550, sind allerdings inzwischen im Ort in der Minderheit.

Drüben im Vogtshof beginnen nach gut einer Stunde oder vier Monaten die Bibelverse in den Köpfen zu verklumpen, Zeit für eine Pause. Noch einmal gibt’s einen Kontrollcheck, denn zum Ritual gehört auch, dass der Ziehende die Losungszettel vor sich genau der Reihe nach ablegt, von links nach rechts, von oben nach unten. Nochmal Zahlen: 1240, 915, 1101, 1500, 401, 708 ...
Es ist so spröde, wie es klingt: Der dramatische Höhepunkt der Veranstaltung ist erreicht, als dem Losungszieher aus Versehen ein Los aus der Schüssel fällt, das er nach sofortigem Fingerzeig einer Protokollantin wieder zurücklegt. Spannung entfalten die »Herrnhuter Losungen« erst mit Verspätung – wenn Menschen sie am gültigen Tag als Wegmarke im eigenen Leben oder gar als Fingerzeig Gottes erleben und verstehen. Ein berühmtes Beispiel für einen Losungstext, der die Welt in Staunen versetzte, war derjenige für den 1. Juli 1990: »Der Herr macht arm und reich« (1. Samuel 2,7). Denn es war just der Tag, als die westdeutsche D-Mark in der DDR eingeführt wurde, der Beginn der Währungsunion.
Die Idee einer Tagesparole für die Gemeinde geht noch auf Zinzendorf zurück. Am 3. Mai 1728 gab er seinen Herrnhutern in der Singstunde einen Spruch für den nächsten Tag mit, den er selbst gedichtet hatte: »Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riss ihn vom Thron. Und ich sollte ihn nicht lieben?« Bald bürgerte es sich ein, dass einzelne Mitglieder der Gemeinde am Morgen ein Wort Zinzendorfs in die 32 Häuser von Herrnhut brachten. 1731 gab der Graf erstmals ein Losungsbuch in Druck, das seither in ununterbrochener Folge erschienen ist.
Ausgelost wurden die Losungen erst seit 1763, nach dem Tod Zinzendorfs. Seit 1788 liegt ihnen eine Sammlung von rund 2000 alttestamentarischen Bibelstellen zugrunde. Etwa alle zehn Jahre sondiert eine Kommission die ausgewählten Stellen, streicht und ergänzt. Standen etwa nach Kriegsende Worte über Witwen und Waisen hoch im Kurs, gewannen später Fragen wie das Verhältnis von Christen und Juden oder die Themen Gerechtigkeit, Friede und Schöpfung große Bedeutung.
Im Vogtshof ist es gut zwölf Uhr mittags. Das dritte Losungsteam, Schwester Benigna Carstens aus Herrnhut und Bruder Raimund Hertzsch aus Bad Boll, hat das Losungsjahr 2018 komplettiert. Nun beginnt die redaktionelle Nacharbeit für Losungsredakteur Becker: Jedem gelosten Text aus dem Alten Testament muss ein halbwegs passender aus dem Neuen Testament beigefügt werden. Dritter Baustein ist ein Gedicht, ein Gebet oder eine Liedstrophe. Ein Ausschuss begleitet die Arbeit. Es folgt wie bei jeder Anthologie das Ringen um die Veröffentlichungsrechte – übrigens auch bei den Bibeltexten!


Wenn die deutsche Ausgabe steht, beginnen die Übersetzungsarbeiten. Etwa die Hälfte aller Ausgaben werden direkt aus der deutschen Urausgabe übersetzt, die andere Hälfte aus der US-amerikanischen. Auf Schwedisch heißen die Losungen »Dagens Lösen«, auf Ovambo »Ondjalula masiku«.
Fürs Erste aber kommt die silberne Schüssel zurück ins Unitätsmuseum neben dem Kirchensaal, die Kiste mit den Zahlenlosen zurück ins Archiv. Vor allem für die beiden Protokollantinnen, die als einzige 365 Losungen lang durchhalten mussten, gilt nun das Bibelwort aus Jesaja 35, 3, Herrnhuter Findbuch Nummer 1246: »Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie.«