Schätze aus Holz und Papier

Als Kežmarok der Hohen Tatra noch Kesmark hieß, war es das kulturelle Zentrum der vorwiegend deutschsprachigen Zips. Seit 1945 sind die Deutschen weg - und eine kleine slowakische Gemeinde hütet ein gewaltiges kulturelles Erbe.

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Die größten Schätze von Kežmarok liegen in einer Vitrine im zweiten Stock des evangelischen Lyzeums, inmitten eines Raumes, dessen Mauern ringsum bis zur Decke hinter Büchern verborgen sind, Bücher über der Tür, zwischen den Fenstern, auf Tischen und in Schränken, Bücher, Bücher, Bücher.

Katharina SlaviČkova befreit die Vitrinen von den grünen Stoffdecken, die sie vor dem gleißenden Sonnenlicht dieses herrlichen Frühlingsmorgens schützen. Dann muss die Leiterin der Lyzealbibliothek nur noch zum Hinsehen einladen.

In der Vitrine liegt eine handschriftliche Chronik der Stadt Köln aus dem Jahr 1437. Seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist es das einzige erhaltene Exemplar auf der Welt. In der Vitrine liegt ein Heft des Autors Martin Luther: »eyn deutsch Theologia«, ein Erstdruck von 1518. In der Vitrine liegt eine handcolorierte Postille über Jan Hus, das zweite erhaltene Exemplar gehört zum Heiligtum der tschechischen Nationalbibliothek in Prag.

Die Lyzealbibliothek von Kežmarok, die sich im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde befindet, ist die größte historische Schulbibliothek Mitteleuropas. Zum Bestand gehören rund 150 000 Bände in allen Weltsprachen, etwa ein Drittel in Deutsch, ansonsten viel Latein, Slowakisch und Ungarisch. Es sind Inkunabeln darunter aus der Frühzeit des Buchdrucks, 3000 Bände aus dem 16. Jahrhundert, Tausende von Graphiken, Musikalien, Wappenbüchern und Handschriften. Man kann einen kleinen Spleen der Bibliotheksleiterin gut verstehen: »Wenn ich  zuhause ein Feuerwehrauto höre, werde ich nervös.«

Kežmarok hat gut 17 000 Einwohner, es ist eine kleine Landstadt in der Hohen Tatra, deren Gipfel hier zum Greifen nahe in der Morgensonne strahlen. Im alten Ortskern schmiegen sich zwischen Burg und Rathaus entlang der breiten Hauptstraße kleine Häuser in vielen bunten Farben eng aneinander, die meisten sind schön renoviert, manche beherbergen kleine Läden oder Kneipen. In den Außenbezirken herrscht noch viel postsozialistischer Tristesse aus Ruinen und Plattenbauten, nur Lidl, Billa und Nokias Klingeltöne erinnern hier an den Westen. Von Kežmarok aus sind es noch gut 100 Kilometer bis zur ukrainischen Grenze, dem Ende der Europäischen Union.  Zur evangelischen Gemeinde mit ihren 650 Mitgliedern gehört nicht nur die gewaltige Bibliothek, sondern auch die bedeutendste der hölzernen Artikularkirchen, von denen drei die seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen, und auch die größte evangelische Kirche der Slowakei, ein Bau des späten 19. Jahrhunderts.

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Alles stammt aus einer Zeit, als Kežmarok noch Kesmark hieß und die heimliche Hauptstadt der vorwiegend von Deutschen besiedelten Zips war, die im Nordosten der heutigen Slowakei einen Riegel von der polnischen bis kurz vor die ungarische Grenze bildet.

Wie fast die gesamte Slowakei, das damalige Oberungarn, hatte sich die Stadt sehr bald der Reformation angeschlossen und hielt unter dem Schutz der siebenbürgischen Fürsten gegenüber dem wachsenden Druck der habsburgischen Zentralregierung in Wien an dem neuen Glauben fest. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts konnte die katholische Kirche die Rückgabe ihrer Kirch- und Schulbauten erzwingen; dafür erlaubte der Ungarische Landtag 1681 unter Billigung von Kaiser Leopold I. den Evangelischen, sich an manchen Orten eigene Kirchen zu bauen.

Sie mussten am Rande der Ortszentren liegen, aus dem billigsten Material gebaut (insbesondere ohne Stein und Metall)  und ausschließlich aus eigenen Mitteln  der Gemeinden gebaut sein.

An  38 Orten entstanden so diese sogenannten Artikularkirchen, ein weltweit einzigartiger Typus protestantischen Kirchbaues. Nur fünf von ihnen sind erhalten.

In Kežmarok baute man zunächst ein schnelles Provisorium, ging dann überall im evangelischen Europa auf Betteltour und errichtete im Sommer 1717 binnen zehn Wochen die bis heute erhaltene Holzkirche. Rund 60 Jahre später kam der Neubau der Schule nebenan zustande, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts  als Lyzeum einen Status erlangte, der dem einer Universität ähnlich war. Seit dem Jahr 1894 komplettierte die riesige Neue Kirche das evangelische Bauensemble vor den Toren der Altstadt.

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Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges  mussten die meisten Deutschen der Zips für Hitlers zerstörerisches Wirken in Europa bezahlen und ihre Heimat verlassen. Eine fast 700jährige Erfolgsgeschichte friedlicher Koexistenz zwischen vielen Volksgruppen endete über Nacht. Nur wenige Familien, die nicht in Verdacht standen, mit dem Faschismus sympathisiert zu haben und sich fortan zur slowakischen Nationalität bekannten, durften bleiben.

Der größte Teil der Häuser in der Zips stand plötzlich leer, in vielen Dörfern erstarb  das evangelische Leben für immer. In Kesmark waren von 3000 Evangelischen noch rund 200 übrig. Russische Soldaten plünderten die Lyzealbibliothek, warfen das deutsche Schriftgut in den Hof und hätten es um ein Haar angezündet.  Die Bücher überstanden den späten Kriegsfuror zwar, viele aber blieben unsortiert auf großen Haufen in den Räumen liegen. Die Holzkirche blieb jahrzehntelang nur für ausgesuchte Parteifunktionäre zugänglich. In den 1980er Jahren mehrten sich die Stimmen, den maroden Holzbau abzureißen, bevor man ihn dann doch zum Nationalen Kulturdenkmal erklärte – freilich ohne dieses Bekenntnis mit Sanierungsmaßnahmen zu unterfüttern. Erst das Ende des Sozialismus stellte die Weichen für den Erhalt der Schätze von Kežmarok, weil von nun an kirchliches Leben keinerlei Behinderungen mehr unterlag. In den 1990er Jahren wurde die Holzkirche – vor allem mit Unterstützung aus Deutschland – generalsaniert, dadurch erst wieder zugänglich und nutzbar gemacht und schließlich ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Es ist keine reine Lust, eine Bibliothek wie diese zu führen. Katharina SlaviČkova übt  diese Aufgabe seit 17 Jahren aus, sie hat die Bücherberge zu großen Teilen wieder in die Regale sortiert und katalogisiert, sie hat die Vitrinen gestaltet und organisiert alle paar Jahre Sonderausstellungen mit Kuriosa aus den eigenen Beständen, zurzeit eine Schau über alchemistische Literatur. Aber sie steht auch fassungslos vor der Fassade des Lyzeums, über dessen Eingangstür ein das obligatorische k&k-Wappen und ein Relief des slowakischen Dichterfürsten Pavol Orszagh Hviezdoslav (1849-1921) prangen, sie zeigt, wo der Putz in dicken Brocken abfällt und unter den Fenstern handbreite Schlitze klaffen: »Das ist kein nationales Kulturdenkmal, sondern ein Mahnmal des Schämens.«

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Die zur Holzkirche zugewandte Seite des Baues wurde vor Jahren mit staatlicher Hilfe saniert, die anderen drei bröseln weiter vor sich hin. Der zuständige Sachbearbeiter in Bratislava hatte sich das Haus gar nicht angesehen, sondern per Ferndiagnose entschieden. Die Geschichte dieser Ein-Viertel-Sanierung zeigt, dass die Bibliothek schlimmere Feinde hat als den chronischen Geldmangel, nämlich Ignoranz und Verzagtheit. SlaviČkova zeigt einen Digitalscanner, groß wie ein Zahnarztstuhl, den um die Jahrtausendfirma eine Spezialfirma aus Košice hier aufbaute. Mit der Digitalisierung der 5535 historischen Bände, ja wenigstens der Unikate, wurde es aber nichts, ebenso wenig wie mit der Gründung eines  aus Deutschland gesponsorten »Institutes für Zipser Heimatforschung«. Alle Pläne sind im Wind zerstoben, kein Geld, kein Personal.

Eine Bibliothek dieser Güte würde in anderen Ländern von einem ganzen Stab an Leuten betreut, hier gibt´s eine Leiterin und eine Assistentin, die sich die Putz- und Aufräumdienste teilen. Und so dient das Scanner-Zimmer als Lagerraum für Ansichtskarten und für das Geschirr, das man bei der nächsten Ausstellungs-Vernissage zur Bewirtung braucht.

Nebenan in der Holzkirche stellt Kirchenwächterin Helena Hanseliova erst die Alarmanlage ab und führt dann durch niedrige Türen durch die gedrungene Sakristei, für die man ein ehemaliges Gasthaus verwendete, in den kreuzförmigen Innenraum. Es riecht mild nach altem Holz, nach einer Mischung aus Bauernmuseum und Räucherkammer; der Fußboden ist gepflastert, und es ist lausig kalt. Denn natürlich darf in diesem Bau unter keinen Umständen geheizt werden. Die Kerzen sind elektrisch.

kesmark-holzkircheÜber den Bänken wölbt sich ein blauweißer Himmel auf Holzbohlen, die Emporen sind mit prächtigen Malereien zu Themen der Bibel geschmückt. Die Einrichtung ist original aus der Bauzeit erhalten - sogar die massigen Balken blieben, an denen die Orgelkalkanten die Blasebälge versorgten. Dies alles gibt dem Raum eine heimelige und archaische Atmosphäre - kein Wunder, dass man hier Szenen für die TV-Serie über den legendären Räuber Janošik drehte, der im 18. Jahrhundert in der Hohen Tatra sein Unwesen trieb.

Auf andere Weise wunderlich ist die Geschichte der Neuen Kirche. Deren Pläne stammen nämlich von dem renommierten dänischen Architekten Theofil Hansen und waren, so geht die Fama, ursprünglich für Jerusalem bestimmt. Auf dem vorgesehenen Grundstück bauten aber dann die Deutschen die Erlöserkirche, und Professor Hansen saß in Wien auf seinen Plänen für einen Bau im eklektizistischen Stil, der Elemente von Synagoge, Moschee und christlicher Kirche in sich vereinte. Gebaut wurde das Gotteshaus dann zwischen 1872 und 1894 samt Turm, Kuppel und zwei Kanzeln  in Kesmark. 

Die Geschichte erzählt Jozef Horvath, Kaufmann im Ruhestand und Presbyter der Gemeinde. Seine Großeltern gehörten zu jenen wenigen Deutschen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als künftige Slowaken bleiben durften. Aufgewachsen ist er im Vorort Lubica (Leibitz), wo 1520 die erste evangelische Predigt auf dem Gebiet der heutigen Slowakei gesprochen worden war. Von der großen evangelischen Gemeinde waren 1945 nur noch wenige Familien übrig, die deutsche Sprache durfte offiziell nicht mehr verwendet werden; nur die Konfession diente als letzte Brücke in die Vergangenheit. Die stattliche Kirche von Lubica wird heute von gut 100 Menschen unterhalten und gehört wie noch acht andere Dorfkirchen zur Gemeinde von Kežmarok.

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»Manchmal sorgen in der Zips zwei Familien für eine Kirche«, sagt Horvath. Die Liebe zu diesen alten Gotteshäusern ist überall groß, und Horvath kann daher die Frage kaum verstehen, ob denn nicht für die kleine Gemeinde von Kežmarok zwei Kirchen eine zuviel sind. »Diese Frage stellt sich nicht«, unterstreicht auch Pfarrer Roman Porubän, obwohl er über die Last der Immobilien-Verwaltung viel zu klagen hat.

Über dem Altar der Neuen Kirche prangt, wie auch in Lubica, ein goldener Schriftzug in deutscher Sprache: »Ein feste Burg ist unser Gott«. Über ihn kann sich nur wundern, wer die Geschichte dieser Gemeinde nicht kennt – so wie viele Besucher, die mit Helena Hanseliova hier stehen und genauso wenig deutsch verstehen wie die Kirchenwächterin. »Mir fällt das gar nicht mehr auf«, lässt  die Rentnerin übersetzen: »Es gehört einfach zu uns, es ist unser Erbe.«