Protestantische Brücke ins Mittelalter (Reportage)


Die Waldenser sind die älteste Glaubensgemeinschaft des Protestantismus. Ihr Zentrum befindet sich bis heute im Nordwesten Italiens, in den Waldensertälern mit dem Kernort Torre Pellice.


Es ist ein Sonntagnachmittag im Spätsommer. Doch ausgerechnet die behäbige Gründerzeit-Vorstadt von Torre Pellice hat heute nichts von der Schläfrigkeit, die italienische Innenstädte nach dem Abtragen des Espresso zu überkommen pflegt. Die Via Beckwith, die hier die schmale Hauptstraße aus dem Ortszentrum nahtlos, aber in der Breite eines Boulevards fortsetzt, ist für den Autoverkehr gesperrt. Zwischen dem wuchtigen Denkmal für den tapferen Waldenserpfarrer Henri Arnaud (1643-1721) und dem Treppenaufgang zum Tempio Valdese mit seiner klassizistischen Doppelturmfassade tummeln sich Hunderte von Menschen: Ältere Damen, mit Liegestühlen bewaffnet, würdige ergraute Herren im Anzug, aber auch Familien mit Kinderwagen oder Jugendliche mit T-Shirts, auf denen »Jesus the first surfer« steht.

torre pellice-synodeAus der »Casa Valdese«, einer stolzen Villa neben der Kirche, ergießt sich ein langer Zug bunt gemischter Menschen, die einem Pfarrer im schwarzen Talar hinüber zur Kirche folgen, nicht ohne eine kurze Fotopause für das überraschend große Aufgebot an Journalisten einzulegen, die den Kirchenzug so aufgeregt begleiten, als träfen sich hier die Regierungschefs der EU zum Krisengipfel.
Dabei feiern hier nur die Waldenser ihre Synode, wie in jedem Jahr in der letzten Augustwoche und wie in jedem Jahr hier, in Torre Pellice im äußersten Westen Oberitaliens, wo die Alpen so plötzlich aus der Ebene bis auf 3000 Meter ansteigen wie sonst nirgendwo. Die waldensische Synode ist eine Art Familienfest, ein Kirchentag mit angehängten Gremiensitzungen, zu dem am Eröffnungstag gut 1000 Leute kommen – in eine Kirche, die es in ganz Italien auf nicht mal 30 000 Mitglieder bringt, davon etwa die Hälfte in den drei historischen Waldensertälern rings um Torre Pellice. Was den Waldensern an Mitgliedermasse fehlt, machen sie durch Stolz auf ihre außergewöhnliche Geschichte und ihre einzigartige Rolle in der konfessionellen Landschaft Italiens wieder wett. Kaum irgendwo in Europa pflegt eine konfessionelle Minderheit eine derart verdichtete Erinnerungskultur wie die Waldenser in ihrem kleinen Kernland, den »valli valdese«.
Torre Pellice, ein Marktflecken mit 4600 Einwohnern im Hinterland von Turin, gründet sein Image ganz wesentlich auf seiner Funktion als Welthauptstadt der Waldenser. Das ist insofern kurios, weil der Ort niemals eine waldensische Bevölkerungsmehrheit besaß und auch heute nur rund 1600 Leute zur waldensischen Gemeinde gehören.
Im Abkommen von Cavour, das die Waldenser 1561 mit Herzog Emanuel Philibert geschlossen hatten, verlief die Toleranzgrenze an dem Bach Biglione, am westlichen Ortsrand von Torre Pellice. Die Waldenser waren talaufwärts geduldet, in Bobbio Pellice, in Villar Pellice, auch in den Nachbartälern, je unzugänglicher, desto problemloser, aber nicht in Torre Pellice selbst. Das Pfarrhaus von Ortspfarrer Klaus Langeneck steht daher samt Gemeindekirche bis heute nicht im Herzen der Stadt, sondern in der Via Coppieri, am äußersten Rand, dort, wo Torre Pellice schon fast zu Ende ist. Der gebürtige Württemberger ist seit 30 Jahren im Dienst der Waldenser, er kennt das Lebensgefühl der extremen Diaspora von Rom oder Livorno oder jenes der gefühlten Mehrheit wie hier in den »valli valdese«, zu denen neben dem Pellice-Tal noch das Valle Germanasca und das Val Chisone gehören, die aber tatsächlich nur noch in einigen Bergdörfern eine wirkliche Mehrheit sind.

torre pellice - dorfkirche
Zum Gespräch sperrt der Pfarrer die kleine Kirche auf, die all die typischen Spuren waldensischer Geschichte in sich trägt: Mit bescheidenen Mitteln erbaut, mehrmals zerstört, mit ausländischer Hilfe wieder errichtet, im Inneren karg. Eine Kanzel, ein Abendmahlstisch, ein Klavier, darüber ein kleines Bild mit dem Wahlspruch der Waldenserkirche: »Lux in tenebris lucet« (Das Licht leuchtet in der Finsternis, Joh. 8, 11). Für die armen Gemeinden traf es sich gut, dass Calvin im nahen Genf die Schlichtheit der Gotteshäuser zur reformierten Leitlinie gemacht hatte – mehr als das Nötigste hätte man sich sowieso nicht leisten können. Ungewöhnlichstes Ausstattungselement vieler Waldenserkirchen ist heute ein massiger Eisenofen mit gewaltigem Abluftrohr, das schon mal quer durch den halben Kirchenraum reichen kann. Pragmatismus geht jedenfalls vor reich ausgestatteter Heiligkeit des Orts, wie sie die katholischen Kirchen der Gegend besonders bewusst zelebrieren. Selbst die zweitürmige Waldenser-Hauptkirche aus dem 19. Jahrhundert, das geistliche Zentrum der kleinen weltweiten Kirchengemeinschaft, vermeidet alles, was auch nur von Weitem nach Kirchenschmuck aussehen könnte. Das wenige Geld, das diese kleine Minderheit jemals überhaupt übrig hatte, investierte sie in die Bildung ihrer Kinder: »Schon im 18. Jahrhundert gab es in den Waldenserdörfern keine Analphabeten mehr«, sagt Langeneck, nicht ohne Bewunderung. In der europäischen Provinz, namentlich in den schwer zugänglichen Alpenregionen, war das revolutionär. Und auch die Tatsache, dass es in den »valli valdese« einstmals fünf Altenheime und zwei kirchliche Krankenhäuser gab, ist ein gesellschaftliches Statement.
Bildung, Demokratie und Diakonie gehören zu den Säulen waldensischer Identität. Hier, im Herzland der kleinen Kirche, kommen zwei weitere Dinge in besonderer Ausprägung dazu, sagt Langeneck: »Man hat die eigene Geschichte im Blut und eine gewisse Distanz gegenüber Katholiken.«
Die äußert sich natürlich nicht mehr handgreiflich. Aber es kann schon vorkommen, dass dem bronzenen Denkmal von Pfarrer Henri Arnaud plötzlich spöttische Tränen ins Gesicht gemalt sind, wenn wieder irgendwo aus Italien gemeldet wird, dass eine Madonnenstatue Blut weine. Umgekehrt erlebt Langeneck bis heute, dass nächtliche anonyme Anrufer den protestantischen Pfarrer als »Kind des Teufels« beschimpfen. Seit dem Ende des letzten Krieges gebe es zwar immer häufiger konfessionsverschiedene Ehen, sagt Langeneck. Aber keine Konversionen, wie sie in anderen Ländern um des lieben Ehefriedens willen mitunter geschehen. Spätestens bei der Beerdigung sei wieder der waldensische Pfarrer gefragt: »Ein Waldenser wird niemals katholisch.«

torre pellice - dorfkirche mit posto occupato
Mit der dick aufgetragenen waldensischen Traditionspflege wird der Pfarrer aus Deutschland allerdings nur bedingt warm. Man kann in den Waldensertälern tagelang von einem Erinnerungsort zum nächsten ziehen: Chanforan, Sibaud, Balziglia, Prali. Über die Authentizität mancher Stätten macht sich Langeneck schon mal kritische Gedanken, etwa über die Ghieisa La Tana im Angrogna-Tal. In dieser Höhle, die nur einen ganz schmalen Zugang hat, sollen sich in den Zeiten der Verfolgung die Waldenser heimlich zum Gottesdienst getroffen haben. »So dumm können die doch gar nicht gewesen sein, sich einen Ort herauszusuchen, an dem ein einziger Soldat die ganze Gemeinde hätte gefangen halten können«, lästert Langeneck.
Er wünscht sich weniger Folklore und mehr Gegenwart, in der sich die kleine Chiesa Valdese zum Beispiel gegen organisierte Kriminalität oder für Flüchtlinge einsetzt. Ein kleines Zeichen hat er auch in der Gemeindekirche platziert: Auf einer Holzbank liegt unübersehbar eine Damenjacke samt Halstuch und Schuhen, alles knallrot. Es ist ein Beitrag zur landesweiten Kampagne »posto occupato«, die gegen Gewalt gegen Frauen protestiert.

So wie die Lage der kleinen Dorfkirche am Ortsrand die jahrhundertelange Ausgrenzung der Waldenser symbolisiert, steht das gediegene Waldenserviertel, das sich in der Art einer Villen-Vorstadt direkt an die Altstadt anschließt, für den Stolz der kleinen Kirche im 19. Jahrhundert, endlich anerkannt und in der Gesellschaft Italiens angekommen zu sein. Die Hauptkirche war das erste Gotteshaus der Waldenser in ganz Italien, das nach der bürgerlichen Gleichstellung von 1848 gebaut wurde. Vor allem mit Hilfsgeld aus England entstanden ringsumher eine Reihe weiterer schmucker Bauten: Ein »Collegio Valdese« als Ausbildungszentrum samt einer langen Reihe von Professorenhäusern, die »Casa Valdese«, in der seit 1889 die Waldensersynode tagt, und schließlich eine Bibliothek, die heute als Waldensisches Kulturzentrum auch ein Archiv, zwei Museen und den Sitz der Gesellschaft für Waldenser-Studien beherbergt.

torre pellice - casa valdese
Die wichtigste Persönlichkeit für die Entstehung des Viertels war ein englischer Oberstleutnant namens Charles Beckwith, der seit der Schlacht von Waterloo nur noch ein Bein hatte und 30 Jahre seines Lebens hier verbrachte. Wie viele seiner Landsleute war er fasziniert von der schier unglaublichen Geschichte dieses Volkes. Nach Beckwith ist nicht nur die Straße benannt, an der alle wichtigen Waldensergebäude in Torre Pellice liegen. Auch die Schulen, die in manchen Dörfern noch aus dem 19. Jahrhundert übrig geblieben sind, tragen seinen Namen. Beckwith sorgte dafür, dass sie zwar im Dorf, aber in gesundem Abstand zu den Höfen stand, damit die Kinder nicht für jeden Handgriff von den Eltern aus der Schule geholt werden konnten.
Zentraler Anlaufpunkt für alle Gäste – rund 12 000 kommen pro Jahr, etwa die Hälfte davon aus Italien – ist das Kulturzentrum, übrigens schon allein deshalb, weil die große Kirche von Torre Pellice tagsüber in schlechter protestantischer Tradition geschlossen ist. Ein hochherrschaftliches Treppenhaus führt zu den einzelnen Abteilungen: zur Bibliothek zum Beispiel, in der ein Exemplar von Olivetans französischer Bibel zu bestaunen ist, eines von weltweit zehn, die erhalten sind.
Das Archiv, unten links, verwahrt die alten Kirchenbücher aus den drei Tälern und natürlich das Aktenmaterial der verfassten Waldenserkirche seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert, außerdem einen üppigen Fotobestand. Das Museum schließlich ermöglicht eine Tour d’ Horizon durch die bewegte Geschichte der Waldenser. Die schon etwas betagte Präsentation lässt jedenfalls das ausgeprägte waldensische Selbst- und Sendungsbewusstsein spüren. Zu den insgesamt neun Museen und fünf Denkmälern in den Waldensertälern kommen hier noch einige prominente Exponate mit ausgeprägtem Erinnerungscharakter hinzu: Eine Baumscheibe etwa, die einstmals zu einem Baum gehörte, der am Schauplatz der Schlacht von Balziglia wuchs. Dort, im Germanasca-Tal, gelang den Waldensern 1690 ein nicht mehr für möglich gehaltener Erfolg im Kampf gegen die Unterdrückung, weil die letzten Kämpfer im dichten Nebel den französischen Truppen ausbüxten. Oder der Holzlöffel des Bernardo Bracchetto: Der waldensische Evangelist wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts wegen vermeintlich antikatholischer Umtriebe eingebuchtet. Im Gefängnis schrieb er sein persönliches Bekenntnis zur Gewissensfreiheit mit winziger Schrift auf einen Löffel. Zum Kulturzentrum gehören außerdem ein ethnografisches Museum, das man anderswo wohl als Heimatmuseum bezeichnen würde, und Radio Beckwith Evangelica, der kleine waldensische Rundfunksender.

torre pellice - favout
Alle, die hier arbeiten, eint das Lebensgefühl, einer Minderheit anzugehören, die aber für die Geschicke Italiens eine weit gewichtigere Rolle spielt, als man das ihrer tatsächlichen Größe zutrauen würde. Im durch und durch katholisch geprägten Italien seien einige waldensische Essentials jedenfalls alles andere als selbstverständlich, sagt Davide Rosso, seit Kurzem Direktor des Kulturzentrums: »Jeder hat die gleichen Rechte, jeder kann sich ausdrücken, wie er will, und jeder soll den anderen zuhören. Wir sind demokratisch, nicht hierarchisch.«
Anders gesagt: Die Waldenser sind in diesem Land der historische Nachweis, das Christen nicht automatisch Katholiken sein müssen, obwohl das viele denken, erlebt Museumspädagogin Nicoletta Favout: »Die Italiener wissen wenig von der Verschiedenheit des Christentums. Christen und Katholiken: Das ist für sie eins.« Manche fahren mit Staunen im Gepäck wieder heim.

In der Hauptkirche, die dank großer Fenster und gelber Innenwände eine ungemein sonnige Atmosphäre besitzt, ist der Synodengottesdienst nach gut neunzig Minuten vorbei. Pfarrer Claudio Pasquet aus San Secondo, schon im Jahr zuvor durch Wahl zu dieser Rolle bestimmt (so etwas wie einen Bischof haben die Waldenser natürlich nicht in ihrer strikten Antipathie gegenüber allen Hierarchien) hat einen Diakon ordiniert und zwei Gastpfarrer eingeführt. Besonders die Ordination ist ein bewegender Moment, denn alle Menschen in der dichtgedrängten Kirche erheben zum gemeinsamen Segen die Hände – seit Generationen werden alle Pfarrer und Diakone der Waldenser in diesem Rahmen zum Dienst verpflichtet. Auch den Gesang vergisst man nicht so schnell: Gegen diesen zum Teil mehrstimmigen Jubel ist der Volksgesang selbst einer vollbesetzten Kirche in Deutschland nur ein müder Windhauch.
Vorbei an einigen Hundert Menschen, die den Gottesdienst im Freien sitzend mitverfolgt haben, gehen Pasquet und ein Häuflein Offizieller über den Vorplatz. Draußen, in der Via Beckwith, löst sich alles in ein kleines Volksfest auf. Im Garten rings um die »Casa Valdese« stehen in geöffneten Zelten Tischgarnituren, Verkaufsstände für afrikanische Kleidung, Bücher oder für selbst gebackene Kuchen.
So ähnlich fühlt sich ein Klassentreffen nach langer Zeit an, und man versteht, warum Waldenser-Bibliothekar Marco Fratini seine Kirche so definiert: »Wir sind nur eine kleine Minderheit. Unsere Gemeinden sind uns ungemein wichtig. Sie sind für uns so etwas wie unsere Familien.«