Predigt unter der Nationalfahne

Der Gottesdienst im evangelischen Dom zu Riga bildet traditionell den Auftakt zu den Feiern zum Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes. Das Fernsehen überträgt live,  der protestantische Erzbischof predigt zu den Oberen Zehntausend des Landes über die geplante Verfassungs-Präambel, und zum Schluß singen alle die lettische Hymne: „Gott segne Lettland“. Von der Orgelbrüstung hängt die lettische Nationalfahne, deren Farben rot-weiß-rot auch viele Besucher als Anstecker am Revers tragen. Ein Hauch von lutherischem Staatskirchentum weht durch das ehrwürdige Gotteshaus, mag der Gottesdienst auch traditionell ökumenisch sein.

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Riga ist das Herz des Baltikums, und für Lettland auch noch Kopf und Seele dazu: Fast jeder dritte Einwohner des jungen Staates lebt hier. Wenn Russen Westeuropa sehen wollen, fangen sie in Riga an. In deutscher Wahrnehmung liegt die Stadt irgendwo im Osten, ohne dass man es genauer wüsste: Erst das eingestürzte Dach eines Einkaufsmarktes, das Dutzende von Menschen das Leben kostete, brachte Riga im November über 20 Jahre nach dem Unabhängigkeitskampf der baltischen Staaten in Deutschland wieder ins Abendfernsehen.

Wie alle Orte mit Brückenfunktionen zwischen Ländern und Kulturen hat Riga ein besonders reiches kulturelles Erbe und war 2014 gar Kulturhauptstadt Europas. Schon 1522 schloss sich die Stadt der Reformation an. Unter den Schweden wie auch unter den russischen Zaren blieb sie eine fast ausschließlich evangelische Stadt. Erstim 19. Jahrhundert, als die Zaren im Baltikum eine offensive Russifizierung betrieben, wuchs der Anteil der russisch-orthodoxen Christen und später, nach dem Anschluss Lettgallens an den neuen Staat Lettland, auch derjenige der Katholiken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Lettland Teil der Sowjetunion. Das kirchliche Leben war fortan staatlichen Repressalien aller Art ausgesetzt: Aus dem Dom etwa wurde 1959 eine „Konzerthalle der städtischen Philharmonie“, Dommuseum inklusive; die Hauptkirche St. Petri blieb bis 1973 Ruine. Orgelstudenten mussten vor ihrem Unterricht eine Erklärung unterschreiben, keinesfalls jemals in Gottesdiensten zu musizieren. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhanges in Europa erlangte das Land anno 1991 seine Unabhängigkeit zurück.

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Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme sind geblieben oder haben sich gar verschärft. Man kann das in der Mazā Nometņu iela in der Westvorstadt erleben. Auf einer Brache zwischen einigen abbruchreifen Hausruinen steht ein weißer Kleinbus der Diakonie. Daneben haben Ilze und Karlis, zwei Diakonie-Mitarbeiter, eine provisorische Theke aufgebaut und schöpfen Linsensuppe aus großen grünen Metalleimern. Zwanzig, dreißig Menschen stehen geduldig Schlange in der Kälte, Plastikteller in den Händen, ein paar Schritte weiter sitzen einige still auf Bänken und essen.

Ilze und Karlis sprechen kein Englisch, so dass Diakonie-Chefin Inta Putvina die Erläuterungen später im Diakonie-Hauptquartier, einem unscheinbaren Hinterhaus, nachreichen muss: Dass es nach jahrzehntelangen Verbot kirchlich-caritativer Arbeit ein mühsames Geschäft ist, diakonische Strukturen aufzubauen, dass es aber gleichzeitig von Jahr zu Jahr dringlicher wird, den Menschen mit Projekten wie der mobilen Suppenküche zu helfen, weil die Schere zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen im Land immer weiter aufgeht.

Putvina und ihre zwei Mitarbeiterinnen berichten von den Tageszentren, in denen Sozialarbeiter arme Familien beraten,  Kindern bei den Hausaufgaben helfen und Russen die lettische Sprache beibringen. Aber irgendwann geht das Gespräch über in eine verzweifelte Klage über  die traurige sozial-ökonomische Lage des Landes. Die Armut wächst und mit ihr die Ungerechtigkeit: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Drogen, das ganze Programm. Vom Euro, den Lettland zum Jahreswechsel eingeführt hat, erwartet man sich hier nichts. Die eigentliche Tragödie aber sehen die Frauen in dem Umstand, dass im Zuge der Krise immer mehr Letten das Land verlassen, um sich auf norwegischen Ölplattformen oder bei deutschen Hotelketten zu verdingen; die Kinder bleiben zurück, bei den Großeltern.

In einem Land, das nur etwas über zwei Millionen Einwohner hat, erst seit wenigen Generationen zu einer eigenen Identität fand und sich in einem steten Abwehrkampf mit der benachbarten, übermächtig-selbstbewussten russischen Kultur sieht, wiegt dieser Aderlass schwerer als alles andere. Während die Lettengehen, kommen die Russen, als Einkäufer von Häusern und Grundstücken.

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Dabei sind schon viele Russen da, seit Jahrhunderten, von den Zaren und den Sowjets ermutigt, sich sprachlich nicht zu integrieren. Das ist das seltsamste Merkmal der Stadtgesellschaft von Riga: Sie ist zweigeteilt zwischen zwei fast gleich großen Parallelwelten, die nur wenig miteinander zu tun haben, aber nicht getrennt leben oder arbeiten. In Riga leben Russen, die ihr Leben in Lettland verbracht haben, aber so gut wie kein Lettisch reden.

Man muss nur eins und eins zusammenzählen um zu erkennen, dass in diesem schwierigen Geflecht aus Identität und Nation die konfessionelle Zugehörigkeit eine besondere Wertigkeit besitzt. Russen sind orthodox, Letten sind noch immer mehrheitlich lutherisch. Genaue Zahlen gibt es nicht.

 „Das Luthertum hat viel für die Entstehung der lettischen Nation getan. Lettisch und lutherisch, das passt gut zusammen“, sagt zum Beispiel Rita Bruvers, Ökumenebeauftrage im Kirchenamt der lettischen Lutheraner. Dabei war das Luthertum hierzulande zunächst eine Angelegenheit der deutschen Minderheit. Erst im 17. und m 18. Jahrhundert übersetzten lutherische Pastoren Bibel, Gesangbücher und den Kathechismus ins Lettische, bekämpften die Armut auf dem Land, schrieben mündlich tradiertes Liedgut auf. In den Wendejahren genossen evangelische Pastoren in der Gesellschaft, die sich erst finden musste, besonders hohes Vertrauen. Die lettische Kirchenlandschaft ist protestantisch geprägt, und mit dem Mariendom und der Petrikirche von Riga gehören zwei der prominentesten Kirchbauten des Baltikums zur evangelischen Kirche. Der Dom verfügt mit der Walcker-Orgel von 1883 über eine der berühmtesten Orgel der Welt, die allerdings seit Jahren hinter einem Gerüst aus Balken und Brettern versteckt ist.

riga-peterskircheDie Petrikirche, ein prächtiges Beispiel hanseatischer Backsteingotik und Keimzelle der baltischen Reformation, gehört noch immer der Stadt und wird nur sporadisch für geistliche Zwecke genutzt. Die Besitz- und Nutzungsverhältnisse sind ungeklärt und umstritten.                                                 

Unter den Protestanten Europas gehört die lettische Kirche ganz eindeutig ins konservative Lager. Seit Janis Vanags Wahl zum Erzbischof vor 20 Jahren gibt es keine Frauenordination mehr; Homosexualität gilt als schwere Sünde. Beide Haltungen haben im Verhältnis zu westlichen Partnerkirchen immer wieder für Irritationen gesorgt, die sich zum Beispiel auch in dem Umstand spiegeln, dass die lettischen Auslands-Lutheraner eine eigene Kirchenorganisation bilden (in der fast die Hälfte der Geistlichen Frauen sind).

Die konservative Grundhaltung erleichtert den Brückenschlag zu den Katholiken und Orthodoxen. Der Schulterschluss gegen die säkulare Welt hat allemal höhere Priorität als die Schärfung des eigenen Profils. Die Strategie ist riskant, denn sie nimmt in Kauf, irgendwann marginalisiert zu werden. Das jedenfalls befürchten Leute wie die Kulturmanagerin Anna Mukha, die der Kirche verbunden sind, aus Protest gegen den stramm konservativen Kurs sich aber nicht mehr aktiv beteiligen: „Der Protestantismus sollte für liberale, westliche Werte stehen, im Vergleich und Abgrenzung zur Orthodoxie. In Lettland geschieht das leider nicht.“