Porträt Frère Alois

taizé - frere alois


An der Spitze der Gemeinschaft von Taizé, deren Lieder die ganze Welt singt, steht seit zehn Jahren Frére Alois, ein gebürtiger Schwabe. Geboren wurde er 1954 in Ehingen am Ries.

Jahrzehntelang hatte Taizé nur ein Gesicht: Das von Frére Roger, dem charismatischen reformierten Pfarrer aus der Schweiz, der die Communauté ins Leben rief und durch alle Widrigkeiten zu ihrer weltweiten Bedeutung führte.  Roger führte die Gemeinschaft mit immer freundlichem Lächeln, aber letztlich nach vatikanischem Prinzip: „Im Bruderrat werden freimütig Gespräche geführt; die Entscheidungen trifft dann der Prior“, hat der Taizé-Kenner Jean-Claude Escaffit in einem Buch formuliert. Als der Gründervater am 16. August 2005 beim Abendgebet dem Attentat einer geistig verwirrten Frau zum Opfer fiel, hätte das Taizé gewaltig ins Schlingern bringen können.
Doch der Prior von Taizé hat in seiner kleinen Welt noch etwas mehr Einfluß als der Papst – er darf seinen Nachfolger selber auswählen. Das tat Roger insgeheim schon 1978, bevor er zwanzig Jahre später dem Bruderrat seine Entscheidung mitteilte. Die Erbfolge war also klar geregelt zugunsten von Bruder Alois Löser, als Kind von Egerländer Flüchtlingen im Ries geboren und in Stuttgart aufgewachsen, seit 1974 Mitglied der Communauté.


Frére Alois empfängt im Zimmer des Gründervaters, das seit dessen Tod weitgehend unverändert belassen worden ist – schlichte Holzmöbel, ein paar Bücher, ein Sofa. Der Prior hat einen dichten Terminplan: Taizé ist eine gewaltige Organisation mit rund 100 Brüdern, mit Dependancen in aller Welt und Zehntausenden von meist jugendlichen Gästen jährlich. Es ist immer irgendein Gespräch zu führen oder eine Denkschrift zu lesen.
Was also ist, in aller Kürze, die Essenz von Taizé? „Das Christentum ist mehr als eine Tradition, die früher einmal das Leben in Europa geprägt hat“, sagt Frére Alois: „Es verlangt von uns, eine persönliche Beziehung zu Gott zu pflegen und wachsen zu lassen.“ Die Brüder von Taizé übersetzen das in den Alltag der Welt: Solidarität und Toleranz, Versöhnung und Frieden. Taizé ist Gebet, Gesang und Stille, und Taizé ist konsequent international.
Nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ besuchte die ganze Communauté per Bus den Imam von Chalon-sur-Saone, um ihm ihre Solidarität zu versichern.  Als Frére Alois vor einigen Wochen ein Militärhospital in der Ukraine besuchte, hatte er drei Jugendliche aus Russland dabei. Natürlich, auch Taizé bietet keine alleingültige Antwort auf die Frage, was man jenen Kräften entgegensetzen kann, die in unseren Tagen die Welt aus der Fassung zu bringen scheinen. Aber immerhin: „Wir säen kleine Saatkörner der Versöhnung und des Friedens“. Nur so könne man Vorurteile abbauen. Wenn der Spruch stimmt, dass in der höchsten Not von irgendwo ein Lichtlein herkommt, wurde es vielleicht in Taizé angezündet.


Als Brückenbauer sehen sich die Brüder von Taizé vor allem wegen ihrer konsequent ökumenischen Ausrichtung. Der Katholik Alois Löser hat erst als Frére Alois in Taizé die Bibel kennengelernt und als „ganz zentral“ für sich entdeckt. Auch das Singen oder die persönliche, unmittelbare Beziehung des Menschen zu Gott rechnet er zu den reformatorischen Grundfesten von Taizé. Die Universalität und die Eucharistie kommt aus katholischer Tradition, die Wahrnehmung Gottes als tiefes Geheimnis aus der Orthodoxie.
Seine tiefe Offenheit für die Ökumene, glaubt Frére Alois, hat auch etwas mit seinem schwäbischen Herkommen zu tun. Denn in Ehingen gibt es bis heute eine Simultankirche, in der Protestanten und Katholiken gleichermaßen Gottesdienste feiern. „Bevor ich in Taizé eintrat, bin ich noch einmal dorthin gefahren, um zu beten“, erinnert sich Frére Alois. Zum Taizé-Jubiläum im August hat er schon vor Jahren vier Vorschläge formuliert, „um Salz der Erde zu sein“: „Die Menschen um uns herum einen  Geschmack am Leben finden zu lassen; sich für Versöhnung einsetzen; dem Frieden dienen; die Erde bewahren“. Vor allem durch Singen, Beten und Stille.