Dorothea Bock-Drozdowicz (Porträt)

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300 Jahre lang beteten und sangen die Menschen in der berühmten Friedenskirche von Swidnica (Schlesien) in deutscher Sprache. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehört das frühere Schweidnitz zu Polen; die kleine Gemeinde, die das gewaltige Erbe der  Friedenskirche hütet, spricht polnisch. Von 17 000 Evangelischen deutscher Muttersprache ist nur eine übrig geblieben, Dorothea Bock-Drozdowicz (79). Selten stehen die Geschichte eines Gotteshauses und die Geschichte eines Menschen in so berührender Beziehung zueinander.

Diese Geschichte beginnt an Ostern 1936, als sich die Familie Bock um den Taufstein in der Vorhalle der Friedenskirche schart. Die kleine Dorothea ist der jüngste Spross einer alteingesessenen Sippe, die in Schweidnitz seit Generationen eine Gärtnerei führt, die Salzburger Exulanten unter ihren Vorfahren weiß und deren Stammbaum in anderer Linie auf schlesischem Boden zurückreicht bis in die Vorzeit der schriftlichen Überlieferung.
Während die große Welt draußen langsam aus den Fugen gerät, ist die kleine Stadtwelt noch in Ordnung: Die herrliche Friedenskirche, ein protestantisches Glaubensbekenntnis aus dem 17. Jahrhundert, die größte Fachwerkkirche Europas mit Platz für 7500 Menschen, ist Mittelpunkt einer pulsierenden Gemeinde mit fünf Pfarrern, evangelischem Gymnasium, drei Friedhöfen und nagelneuem Gemeindehaus. Dorothea wächst mit ihrer Schwester in diese Welt hinein, die trotz Lebensmittelmarken, Gefallenenpost und dunklen Ahnungen lange eine Friedensinsel im tosenden Krieg bleibt. Doch im Winter 1945, von ferne ist schon der Geschützdonner der Russen vor Breslau zu hören, ist es aus mit der unbeschwerten Kindheit: Frauen und Kinder werden von der deutschen Wehrmacht hastig gen Westen evakuiert. Dorothea Bock sitzt in eisiger Kälte auf Pferdewagen, erlebt den Unfalltod ihres Cousins, blickt aus dem Zug auf das brennende Dresden: »Wer das erlebt hat, wird zum Pazifisten.«


Die Familie landet in Erlangen, wo ihr Onkel prompt eine Gärtnerei eröffnet. Ein typisches Vertriebenenschicksal, das Millionen von Deutschen nach 1945 zu beklagen hatten. Doch die Lebensgeschichte von Dorothea Bock nimmt eine unerwartete Wendung. In Schweidnitz erweist sich Gärtnermeister Erich Bock als unentbehrlich. Das polnische Direktorium einer Gartenbauschule, die den wichtigen Betrieb übernehmen soll, kapituliert vor der Aufgabe. Die russischen Soldaten, die inzwischen das Regiment führen, schätzen den Deutschen, weil er als Kind von russischen Kriegsgefangenen ein wenig von deren Sprache gelernt hat. Und während immer mehr Deutsche vertrieben werden, dieweil vor allem aus der Westukraine Tausende von Polen eintreffen, kehrt Dorothea Bock mit ihrer Mutter und ihrer Schwester 1948 nach Schlesien zurück. »Damals herrschte eine gewaltige Euphorie: Der liebe Gott, so sagten wir, hat uns wieder in die Heimat geschickt!«
Nur ganz wenige alteingesessene Schweidnitzer dürfen bleiben. Nachdem sie nach einigen Jahren realisiert haben, dass die Geschichte keinen Rückwärtsgang kennt, gehen auch von ihnen die meisten, darunter auch Dorothea Bocks Schwester. Schweidnitz wird zu Swidnica, und Swidnica ist eine katholische Stadt: Anfang der 1960er-Jahre besteht die deutschsprachige Gemeinde der Friedenskirche noch aus 28 Menschen, die sich Sonntag für Sonntag vollständig zum Gottesdienst versammeln: »Davon acht aus unserer Familie«, erinnert sich Bock. Sie hatte da schon einen Mann aus einer alten polnischen Adelsfamilie geheiratet und war zur Mittlerin zwischen den letzten Deutschen und der polnischen Stadt geworden. So wie viele Schlesier in Deutschland sitzt in dieser Zeit auch die Familie ihres Mannes innerlich auf gepackten Koffern, um irgendwann heim nach Lemberg zu reisen: »Die Polen waren doch auch Flüchtlinge, das hat uns verbunden.«


Dorothea Bock-Drozdowicz übernimmt als studierte Gartenarchitektin den elterlichen Betrieb. In der Friedenskirche spielt sie jahrzehntelang die Orgel, sie ist Kirchenvorsteherin und Seele der deutschsprachigen Gemeinde. Gut 130 Evangelische gibt es heute in Swidnica, vier davon kamen zuletzt zum  deutschsprachigen Gottesdienst, den zweimal im Monat ein Pfarrer aus Breslau hält – die anderen drei kommen aus den Dörfern des Umlands. Geblieben sind die Inschriften auf den Emporenbrüstungen, die Gedenktafeln – und Dorothea Bock, die sich selber lächelnd als das »älteste lebende Inventar« bezeichnet, die Letzte,
die hier getauft und hier geblieben ist. Ihr Mann starb vor sechs Jahren.


Zum Fototermin erklettert sie die vertrauten Holzstiegen zu der Orgelempore, blickt in die Weite des Raums, ärgert sich über Taubenfedern im Gebälk, freut sich über die bevorstehende Wiederherstellung der großen Orgel. Und streichelt im Vorbeigehen sanft über die Holzbänke ihrer Kirche, leise flüsternd: »Was hast du schon alles erlebt.«