Alexander Jungmeister (Porträt)

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Nezhinskaya 9, das hört sich leicht an. Wie Mozartstraße 5.

Ist es aber nicht, denn natürlich steht der Straßenname in Odessa in kyrillischer Sprache angeschrieben. Und hinter dem gewaltigen Torbogen der Nummer neun zeigen gut dreißig angejahrte Briefkästen, dass hier mehrere Parteien wohnen. Überall im Hof gibt es einzelne Hauseingänge. Die Nummer neun ist ein ganzer Wohnblock mit Vorderhaus, Hinterhaus, Seitenhäusern und Kellern. Namensschilder: nirgends, auch nicht in kyrillisch. Ist hier unüblich.

Doch das Vorderhaus hat noch einen zweiten Eingang zur Hauptstraße, eine ehrwürdige rote Haustür, die einmal prächtig ausgesehen haben muss, so wie das ganze Haus. Es ist aber lange her.

Sie steht offen und führt in einen fensterlosen Hausflur, und hier nun wartet ein alter Mann mit erwartungsvollem Blick, schwer gebeugt unter der Last der Jahre, aber geistig hellwach, mit den Worten: „Sie wollen zu mir!“: Alexander Wilhelmowitsch Jungmeister, der letzte Deutsche seiner Zeit.

Vor gut 200 Jahren kamen die Deutschen ans Schwarze Meer: Sie brachten ihre Kultur mit, ihre Sprache, ihre Konfession. Heute leben in der Region um die ukrainische Millionenstadt Odessa nur noch ein paar Dutzend Alte mit deutschen Wurzeln. In Odessa selbst wohnt noch einer von ihnen.

Das Gespräch findet in seiner Arbeitsklause statt, einer Mischung aus Bibliothek, Arbeitszimmer und Abstellkammer. Der Weg dorthin ist nicht weit, aber lang. Alexander Jungmeister ist nicht mehr so gut zu Fuß.

Vor bald 100 Jahren haben seine Eltern die Wohnung bezogen. Er wurde hier 1928 geboren, übernahm sie nach dem Tod seiner Mutter und wohnt hier bis heute zusammen mit seiner Frau. Sie birgt Erinnerungen an ein reiches Leben, Bücher über Bücher natürlich, Stapel mit Büchern und Papieren überall, in den Regalen, auf dem Boden, auf dem Schreibtisch, aber auch einen blass gewordenen Spiegel, ein Gebinde mit Getreideähren, ein zusammengeklapptes Bett, ein Wecker oder einen Kompaß, der in eine gläserne Spielzeug-Kaffeekanne eingefasst ist. Alexander Jungmeister hat viele Erinnerungen.

Sein Vater Wilhelm stammte aus dem Baltikum, seine Mutter aus Böhmen. Die Eltern kamen in eine damals blühende deutsche Kultur mit über 10 000 Menschen, die fast alle zu lutherischen Kirchengemeinde St. Paul gehörten. Alexander Jungmeister war zehn, als die schon brüchig gewordene Welt der Schwarzmeerdeutschen endgültig verschwand. Der Vater wurde nach Mittelasien verbannt, nur die Mutter durfte bleiben, da sie aus Böhmen stammte und als Russin galt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch drei oder vier Deutsche da. Einer davon war ich“, weiß Jungmeister. Seine Überlebensstrategie: „Nicht mehr drüber reden.“

Seinen Vater hat er einmal in einer Kolchose in der Nähe von Taschkent im heutigen Usbekistan besucht, ein Jahr lang. Die Zugfahrt dauerte eine Woche.

Die Geschichte, warum es dem Vater unter dem dortigen Stadtkommandanten besser ging als manch anderem, könnte aus einem Roman von Herbert Rosendorfer stammen: Beide, Vater Jungmeister und der Stadtkommandant, hatten einmal die Stadt Jena gesehen, der eine als Student, der andere als Soldat. Und beide erinnerten sich an grüne Ruhebänke im Stadtpark, die die Aufschrift „1871“ trugen. Diese eigenartige Kreuzung der Lebenswege reichte aus, um das Verhältnis zwischen beiden dauerhaft zu entspannen.

Alexander Jungmeister verbrachte sein Leben als Lehrer und Schuldirektor auf der Krim, in Odessa und in Bessarabien. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gehörte er zu den Gründern der Gesellschaft „Wiedergeburt“, die mithalf, die Reste der deutschen Schwarzmeerkultur zu retten. In Dazu gehörte etwa der Wiederaufbau der Paulskirche, jenes Gotteshauses, in dem Alexander Jungmeister 1942 konfirmiert worden war. Odessa stand damals einige Jahre lang unter rumänischer und deutscher Besetzung, weshalb für kurze Zeit kirchliches Leben noch einmal möglich war. Heute gehört er zu den treuesten Gottesdienstbesuchern: „Die Paulskirche ist meine Heimat.“

Ein Aktenstapel, der unter seinem Schreibtisch liegt, ist Alexander Jungmeister besonders teuer. Es sind die Unterlagen zu einer „Bessarabien-Konferenz“, die im kommenden Jahr zum 200. Jahrestag der deutschen Besiedlung mit Hilfe aus Deutschland stattfinden soll. Er schreibt Briefe in dieser Angelegenheit, führt Telefonate, besucht Schulen.

Man kann es schwer verstehen, wie vieles, was Jungmeister aus seinem Leben zu erzählen hat; nicht etwa, weil ihm die deutschen Worte fehlen – Schillers „Glocke“ etwa rezitiert er fehlerfrei aus dem Stand - , sondern weil seine Stimme dem Geist nicht mehr immer aufs Wort folgen mag.

Viel nimmt er sich nicht mehr vor, aber diese Konferenz, sagt Alexander Wilhelmowitsch Jungmeister, muß er noch erleben. Wer soll sonst erzählen, von damals?