Mission Öffnung zur Welt

Straßburg gehörte zu den großen Zentren der Reformation in Europa. Und obwohl 1681 König Ludwig XIV. die Stadt dem strengkatholischen Königreich Frankreich einverleibte, hat sie viel von ihrem protestantischem Erbe bewahrt.

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Draußen wird es schon dunkel, und die Thomaskirche ist um diese Zeit eigentlich schon geschlossen. Aber drinnen hält heute Jean-Jacques Reutenauer, inspecteur ecclésiastique (Dekan) der evangelisch-lutherischen Gemeinden in der Stadt und gleichzeitig Thomaskirchenpfarrer, vor dem kleinen Info-Kiosk neben der Eingangstür noch einen kleinen Schwatz mit einem alten Bekannten aus der Stadt, und so steht die Kirche späten Besuchern noch offen.

Die beiden reden elsässisch, einen alemannisch-fränkischen, mithin deutschen Dialekt, was prompt pikierte Bemerkungen  einzelner Besucher provoziert. Reutenauer beeilt sich mit der Replik, dass man hier selbstverständlich vor allem französisch spreche: »Mais on parle le Francais ici!«.

Ein typischer Moment, sagt der Dekan: Franzosen aus »Innerfrankreich« (ein politisch korrekter Begriff, übrigens) reagieren mißtrauisch, wenn Franzosen aus dem Elsaß deutsch reden. Sofort steht dann in jedem noch so belanglosen Moment sofort die besondere Geschichte und Mentalität dieses Landes im Raum, die vielen Franzosen von jenseits der Vogesen bis heute fremd ist.

Das Elsaß hat seit Jahrhunderten eine Mittlerrolle zwischen Frankreich und Deutschland, den beiden großen Kulturen im Herzen Europas. Meist war das kulturell und ökonomisch ein Segen, aber vor allem die jüngere Geschichte hat auch tiefe Narben hinterlassen. »Das Herz schlägt französisch, aber das Gehirn denkt deutsch«, sagt Reutenauer.

Die historisch prägendste Besonderheit ist eine konfessionelle: Teile des Elsaß haben eine reiche reformatorische Tradition und sind zum Teil bis heute mehrheitlich evangelisch-lutherisch. Rund zwölf Prozent der elsässischen (und auch der Straßburger) Bevölkerung gehören einer protestantischen Kirche an – zwölfmal so viel wie im restlichen Frankreich, das unter Ludwig XIV. zum katholischen Einheitsstaat getrimmt wurde. In keiner Großstadt Frankreichs ist der Protestantismus auch nur annähernd so präsent wie in Straßburg.

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Freilich: Präsenz ist vielleicht das falsche Wort. Denn der stolzen Tradition, die sich allein auf der von der Ill umflossenen Altstadt in fünf zum Teil imposanten Kirchbauten zeigt, steht eine scheue Zurückhaltung gegenüber. Die Protestanten suchen gerade erst den Kontakt zur Welt, den sie bisher noch nicht gepflegt haben. 2009 fand in Straßburg der erste Evangelische Kirchentag Frankreichs statt. Touristen zu Pilgern machen, Kunstausstellungen, Citykirchen: »Öffnen« lautet das Zauberwort der Evangelischen in Straßburg im Vorfeld des Reformationsjubiläums.

Es ist höchste Zeit, denn auch hierzulande kommt den Kirchen das Volk abhanden. »Für viele Menschen ist das, was wir hier tun, wie Chinesisch«, weiß der Dekan. In der Innenstadt wohnen noch gut 8000 Evangelische, Tendenz fallend; genaue Zahlen gibt es nicht, weil sich in Frankreich jeder Bürger der Kirchengemeinde anschließen kann, die ihm genehm ist.

Um zu verstehen, warum sich die Evangelischen hier so schwer mit der Welt tun, muß man tief schürfen.  »Der Protestantismus hat in Frankreich eine Tradition der Verfolgung«, sagt Jean-Sébastien Ingrand, bis vor kurzem Direktor der Médiathèque Protestante neben der Thomaskirche, der größten evangelischen Bibliothek Frankreichs: »Alles, was man tat, war von Angst begleitet. Man zeigte nicht, was man hat, vor lauter Angst, dass es einem genommen wird.« Die Bibliothek verfügt über einen Schatz von 80 000 Bänden, darunter Drucke aus dem 15. Jh., handschriftliche Notizen von Martin Bucer, barocke Enzyklopädien, daneben über einen riesigen Bestand an zeitgenössischer Literatur für Wissenschaftler und Pädagogen. Für die breite Öffentlichkeit war das alles nicht gedacht, bisher.

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Heute präsentiert die Médiathèque sechs Ausstellungen pro Jahr und wirbt, nicht zuletzt virtuell, um Nutzer. Besucher können das historische Stiftsgewölbe erleben, wo die Regale bis unter die Decke mit dicken Folianten in braunen Ledereinbänden gefüllt sind, die man nur mit Ehrfurcht und Handschuhen herausnimmt - Fausts Studierzimmer muss ungefähr so ausgesehen haben.

Den sprachlichen Wandel vom Deutschen zum Französischen spürt auch die Bibliothek: Die deutschsprachige Literatur, viele tausend Bände von der 1726er Bibelausgabe bis zu Friedrich Blumes »Geschichte der Kirchenmusik«, wird immer weniger gefragt. Ein Nachweis für den Schwund der elsässischen Doppelsprachigkeit ist der »Almanach de l´Eglise Lutherienne«. 1972 wurde noch fast ausschließlich in deutscher Sprache publiziert, 1985 war das Verhältnis zum Französischen halbe-halbe. Heute ist der Almanach durchwegs französisch, vereinzelte elsässische Folklore ausgenommen. 

Luthers Sprache war das Deutsche. Als das Elsaß 1871 zum Deutschen Reich kam, erfuhr der Protestantismus einen gewaltigen Aufschwung. Die preußischen Kaiser verstanden sich als Schutzherrn der Evangelischen; in Berlin schwadronierte man vom »Heiligen Evangelischen Reich Deutscher Nation«, dessen ungeliebte preußische Verwaltungsbeamte denn auch im Elsaß meistens Protestanten waren.

Das Trauma der NS-Zeit mit ihren bizarren Versuchen der Zwangs-Germanisierung hatte zwar, anders als die Kaiserzeit, keine konfessionellen Vorzeichen mehr. Dennoch hatten auch diesmal die Protestanten nach Kriegsende das größere Imageproblem. Das Luthertum war aus der deutschen Kulturwelt erwachsen, und mit der deutschen Kulturwelt, die doch zuletzt zur Barbarei mutiert war, wollte man nun erstmal gar nichts mehr zu tun haben.

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Fernand Gastebois hat sich über die Vorbehalte vieler Franzosen gegenüber  Luther und dessen Sprache schon oft geärgert: »Dass die Leute noch so kreuzblöd sind.« Der 86jährige pensionierte Postbeamte steht vor dem Temple Neuf, jener Kirche, die den Protestanten vom König als Entschädigung für  das 1681 genommene Münster bekamen, und setzt mehrfach an, um ihre spannende Geschichte zu erzählen. Es kommen aber zu viele Bekannte vorbei, die ihn davon abhalten, und so führt Monsieur Gastebois hier ein Gespräch im gemütlichen Elsässerdeutsch, dort eines auf Französisch, manchmal geht’s auch durcheinander. Man kann richtig neidisch werden auf diese mühelose Doppelsprachigkeit und sich gleichzeitig wundern, wie tief die Wunden des Krieges gesessen haben müssen, dass die Elsässer diesen Schatz schon so weitgehend aus der Hand gegeben haben.

Der Temple Neuf bestätigt eindrucksvoll, wie notwendig hier das Zauberwort »Öffnung« ist. Die ausladende Treppe zu den Portalen ist von einem massiven Eisengitter versperrt, selbst der Schaukasten der Gemeinde ist leer. Den Namen der Kirche erfährt man nur, weil sie sich auf dem »Place du Temple Neuf« befindet und das Straßenschild an der Fassade prangt.

Dabei lohnt sich der Besuch, für den Gastebois aber erst beim jungen Sakristain einen Schlüssel organisieren muss. Hier findet sich der Grabstein des berühmten Dominikanerpredigers Johannes Tauler,t eine berühmte Merklin-Orgel und ein in Frankreich ganz seltener Kanzelaltar. Nebenan erinnert eine Gedenktafel an das einstige protestantische Gymnasium, das der Reformator Johannes Sturm 1538 gründete. Es war die Keimzelle der Universität Straßburg, eine der renommiertesten Hochschulen des Kontinents.

Vor 500 Jahren  gehörte die Stadt zu den großen Schrittmachern der Reformation. Das Oberrheingebiet war das Kernland des Humanismus; und den Ärger über die Zustände der Alten Kirche teilten die Straßburger mit dem Rest Europas. Wichtigster Kopf der Reformation wurde der vormalige Dominikaner Martin Bucer. Er feierte 1534 im Münster die erste Konfirmation überhaupt.

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Bis zur Einnahme der Stadt durch Ludwig XIV. im Jahr 1681 war Straßburg eine fast ausschließlich protestantische Kommune. Die Evangelischen sahen sich zwar allerlei Repressalien ausgesetzt, die dazu führten, dass die Stadt bereits am Ende des 18. Jahrhunderts eine katholische Bevölkerungsmehrheit hatte. Sie durften aber ihren Glauben und ihren Besitz behalten, darunter die Kirchen - wenn auch manchmal, wie im Fall von Saint-Pierre-le-Vieux, geteilt: Den (tagsüber geöffneten) Chor bekamen die Katholiken, das Schiff, tagsüber geschlossen und gar von einem auch wieder versperrten Zaun umgeben, blieb protestantisch.

Die evangelische Hauptkirche St. Thomas  an der »rue Martin Luther« besuchen immerhin rund 180 000 Gäste im Jahr. Hier verdichtet sich die Geschichte des evangelischen Straßburg: Albert Schweitzer spielte als Thomasstift-Direktor auf der Silbermann-Orgel, Martin Bucer predigte. Vor allem aber ist Saint Thomas ein Erinnerungsort der Ökumene. 1988 sprach hier Papst Johannes Paul II. – es war einer der ersten Besuche eines Papstes in einer evangelischen Kirche. Auf dem Altar wurde am 22. April 2001 von evangelischen, katholischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen die »Charta Oecumenica« unterzeichnet.

Unter dem Dach des Thomaskapitels unterstützen elf Stiftungen das evangelische Leben mit einem Etat von sechs Millionen Euro. Finanziell vergleichsweise gut dran sind die Protestanten im Osten Frankreichs übrigens noch aus einem anderen Grund. 1905, als Frankreich die strikte Trennung von Staat und Kirche beschloß, gehörten Elsaß und Teile Lothringens gerade zu Deutschland. Das damals eingeführte Gesetz gilt daher bis heute hier nicht, weshalb alle evangelischen und katholischen Geistlichen hierzulande (und auch die Rabbiner), ebenso der theologische Lehrbetrieb an der Universität Straßburg, vom Staat bezahlt werden.

Ob es mit der Mission »Öffnung« klappt? Jean-Jacques Reutenauer ist ein notorischer Optimist. Ein erster Anlauf in den frühen 1970ern ist gescheitert. Nun sollen sich die Innenstadtgemeinden zielgruppenorientiert spezialisieren, wobei  Lutheraner und Reformierte zusammenarbeiten: Die reformierte Eglise du Bouclier soll für Kinder- und Jugendarbeit umgebaut werden, die Aureliuskirche wird zur Diakoniekirche, und das im deutschen Kirchensprech beliebte Wort vom »niederschwelligen Angebot« soll im Temple Neuf verwirklicht werden, »um zu zeigen, dass der Protestantismus offen ist für die Menschen«, wünscht sich der Dekan.

Ein Hinweisschild könnte den Anfang machen.