Lampenkauf statt Lobgesang

Im Sommer 2014 blickte die ganze Welt nach Schottland, als die Schotten über ihre Unabhängigkeit von England abstimmten. Das Land am nordwestlichen Rand Europas ist seit über 450 Jahren protestantisch geprägt - doch die Säkularisierung ist unübersehbar. Ein Besuch in der schottischen Hauptstadt Edinburgh.

edinburgh-cotterellaussenWer in der Kirche Erleuchtung sucht, ist hier richtig. Die Salisbury Church, Ecke Causewayside/ Grange Road  im Süden der Innenstadt von Edinburgh gelegen, ist von hunderten von Lampen hell erleuchtet. Das Sortiment reicht von der Tischlampe, Modell  TLC-Swing Table für 164 Pfund, bis zum Kronleuchter FiT-Wraxton CLT Cast für 930 Pfund. Drüben ein Schild: »home, sweet home«, dort vier hockergroße Deko-Buchstaben: »L-O-V-E«.

Die Kirche ist seit zwölf Jahren ein Lampenladen der Handelskette Cotterell & Co., die hier einen Coup gelandet hat: Wo kann man schon in so stilvollem Ambiente einkaufen? Der Kirchbau aus dem 19. Jahrhundert ist ein treffliches Symbol: Kaum eine Kirchengemeinschaft der Reformation, vielleicht mal abgesehen von den Kirchen der Niederlande, wo der Prozess schon eher anfing, wird in unseren Tagen derart von der Säkularisation erschüttert wie die Church of Scotland.

Zwar fühlt sich ein gutes Viertel aller Schotten noch irgendwie mit der alten Nationalkirche verbunden. Doch die tatsächliche Mitgliederzahl liegt bei nur noch rund 400 000, etwa 7,5 Prozent der Bevölkerung. Weil die Church of Scotland vor ein paar Generationen noch Staatskirche war und unverzichtbare Baustein der schottischen Identität, sitzt der Schock über den Bedeutungsverlust umso tiefer.

 Die protestantische Spurensuche in Edinburgh beginnt mitten auf der Royal Mile, wo sich in den Sommermonaten die Schottlandfahrer aus aller Welt auf die Füße treten. Hier ein Dudelsackbläser im Kilt, dort ein Souvenirshop mit überbordendem Whiskey-Sortiment, und alle paar Meter ein Treffpunkt für Grusel- und Geisterführungen, die wahlweise »wild & sexy« oder »paranormal«, auf jeden Fall aber »extreme« zu sein versprechen. Dort, wo das Netherbow Gate einst die mittelalterliche Stadt begrenzte, befindet sich das ehemalige Wohnhaus des gestrengen Reformators John Knox (1514-1572), ein Fachwerkbau mit niedrigen Decken und engen Fenstern. Auch das Scottish Storytelling Centre hat hier seinen Sitz, das sich der alten keltischen Tradition des Geschichtenerzählens widmet.

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Der Leiter des Hauses ist also gewissermaßen qua Amt dazu verdammt, sich mit Fragen schottischer Identität auseinanderzusetzen, und das tut Donald Smith denn auch seit Jahrzehnten mit Akribie und Scharfsinn. Seine Analyse ist unerbittlich: »Der protestantische Einfluß auf dieses Land war einmal enorm, und er ist immer noch da. Aber die protestantische Identität der Schotten starb in  den 1960er Jahren«.  Damals, so blickt Smith seinen Landsleuten in die Seele, habe man den eigenen Markenkern sehr kritisch unter die Lupe genommen: »Hart arbeiten, selbstbezogen sein, sehr vernünftig und sehr diszipliniert leben«. Immer mehr Menschen übersetzten das mit: Freudlos, bigott, moralingetränkt.

Anders gesagt: Nein danke.

John Knox, über den ein Zeitgenosse geschwärmt hatte, er könne mit seiner Stimme in einer Stunde mehr Leben in seinen Zuhörern entfachen als fünfhundert Trompeten, hatte als Identifikationsfigur ausgedient.

Was nicht ganz gerecht sei, sagt Smith: Denn auch sozialer Geist, Bildungswille und vor allem die demokratische Kultur des Landes, die sich fundamental von England unterscheidet, gehörten zum Erbe des strengen Gründervaters. Und sicher ist auch die große Ära der schottischen Aufklärung, die in die ganze Welt ausstrahlte, nur mit dem hohen  Stellenwert von Bildung und Erziehung in der reformierten Gesellschaft zu erklären.

Die Reformation zog in Schottland 1560 ein, gewissermaßen als Ausrufezeichen gegenüber der neuen (katholischen) Königin Maria Stuart. »Während in England die Reformation eine Sache aus zusammengeflickten Kompromissen und fragwürdigen Halbheiten gewesen war, gab man sich in Schottland radikal«, resümiert Fitzroy MacLean in seiner noch heute lesenswerten »Geschichte Schottlands«: »Die Nüchternheit wurde der Grundton schottischen Lebens, sowohl gesellschaftlich als auch religiös«. Bilder, Zeremonien und Musik waren verpönt, Weihnachten und Ostern wurden nicht mehr gefeiert.

 Das Synodalprinzip der »Kirk«, das keine Bischöfe kennt, dafür aber eine »General Assembly« als zentrales Leitungsorgan, hat in jener Zeit seine Wurzeln. Man verstand sich als eigene Autorität gegenüber den Königen, und da Fragen von Moral und Glauben immer Auslegungssache sind, letztlich als unangreifbar.

edinburgh-stgilesKönig Karl I., vom Willen beseelt, die anglikanische Kirche Englands und die presbyterianische Schottlands zusammenzuführen, trieb den Konflikt auf die Spitze. Das von ihm eingeführte »Book of Prayer« wurde 1637 zum Anstoß  für einen regelrechten Volksaufstand. Ein Jahr später unterzeichneten in der nahen Greyfriars Church die Oberen Zehntausend des Landes den »National Convenant«, in dem  man sich gegen die Einmischung seitens der englischen Könige ins presbyteriale System verwahrte. Die Schotten setzten sich durch, Karl I. endete 1649 auf dem Schafott.

 Die beiden Schauplätze der zentralen Ereignisse des 17. Jahrhunderts sind heute die prominentesten Aushängeschilder der Church of Scotland in Edinburgh. Ein paar Meter stadteinwärts vom John Knox House empfängt die Kathedrale St. Giles ihre Besucher, rund 950 000 pro Jahr. Die Kirche hat eine steinerne Königskrone und keinen Turm, was sie im Stadtpanorama gegenüber dem 60 Meter hohen monumentalen Scott-Denkmal einigermaßen unauffällig macht.

Die Kathedrale ist die Mutterkirche von Schottland, eine Art Nationalheiligtum: Hier hängen die Fahnen schottischer Regimenter von den Pfeilern, hier sind prominente Freiheitskämpfer beigesetzt. Die Distelkapelle ist Heimstätte des exklusivsten Klubs des Landes, des Distelordens von 1470, dem unter dem Vorsitz der Queen nur 16 Herren angehören, die »Knights of the Thistle«. Der Engel über dem Portal trägt Kilt und Dudelsack.

John Knox ist auch präsent, aber nicht etwa in stolzer Pracht vor St. Giles, sondern eher abgestellt an der Nordwand im Inneren. Das Grab von »kill joy« (Freudentöter), wie man Knox zu Lebzeiten auch nannte, neben St. Giles ist gar von einem Parkplatz überbaut (Nummer 23).

edinburgh-greyfriarsEin paar Straßen weiter die zweite Nationalkirche: Greyfriars, der Schauplatz des »National Covenants« von 1637, mit seinem Friedhof, dessen berühmtestes Grabmal keinem Menschen, sondern dem Terrier Bobby gewidmet ist. Der hatte 1858 auf dem Grab seines verstorbenen Herrchens Platz genommen und war dort 14 Jahre sitzen geblieben.Dannbekam er ein eigenes Denkmal und ist inzwischen durch Verfilmungen und einen blühenden Souvenirhandel unsterblich geworden.

»Bobby ist längst berühmter als die Kirche selber«, weiß William Telford vom freiwilligen Kirchenwächterteam. In dem kleinen Museumsraum schräg unter der Orgelempore glüht er vor Stolz, er führt durch die fahnenbehängten Treppenaufgänge und zur gälischen Bibel, um die sich einmal pro Woche gut 25 Leute versammeln, um einen Gottesdienst in der alten Sprache der Highlands zu feiern. Auch wenn es nur einen sehr vagen Eindruck gibt -  Gen 1, 1 heißt auf Gälisch so: »Anns ar toiseach chrutaich / Dia na néamhan agus an talamh«.

Zur Kirchengemeinde gehört er nicht, mit der Kirche hat er nicht viel am Hut. Wofür die Reformierte Kirche denn heute eigentlich steht? Hm.

Diese Ratlosigkeit eint ihn mit den Leuten, die drüben in St. Giles die  ähnliche Arbeit machen. Ein freundlicher Kirchenwächter, Student der Geschichte, erklärt es so: Über die Reformierte Kirche wisse er nichts, die Reformation komme schließlich erst in einem späteren Semester dran. Auch Sarah Phemister, die von einem kleinen Büro in der Kirche aus bei der Gästebetreuung mitarbeitet, verweist bei solchen Fragen lieber an den zuständigen Reverend. Sie erlebt zunehmende Beleidigtheit bei Führern und Reisegruppen, die am Sonntag Vormittag nicht so einfach hineindürfen. Andere Museen hätten ja schließlich auch am Sonntag Vormittag geöffnet, sagen sie.

edinburgh-craigmillarUm hinter die stolze Schauseite der Kirchenkulissen zu blicken, muss man gute 20 Minuten mit dem Taxi stadtauswärts fahren: Nach Craigmillar, trotz steten Wandels noch immer das Glasscherbenviertel von Edinburgh, die Wohngegend der Arbeitslosen, der Drogensüchtigen und der einsamen Kinder. Hier draußen steht die 80 Jahre alte Richmond Craigmillar Church, in der wohl noch niemals ein Tourist den Fotoapparat zückte.

»Hier gibt´s keine Tradition zu verteidigen«, sagt Liz Henderson, seit 16 Jahren Gemeindepfarrerin. Die Richmond Craigmillar Church ist ein schmuckloser Saal, an den sich andere Funktionszimmer anschließen - eine Cafeteria, ein Leseraum mit Sofas, ein Spielezimmer, Büros. Die Möbel haben schon bessere Zeiten gesehen. Inmitten der kargen Schlichtheit fällt nur ein Schmuckstück auf: Ein schmiedeeiserner Lebensbaum, an dem viele kleine Metallplaketten hängen - kleine Erinnerungen an Menschen, die in den letzten Jahren in Craigmillar verstarben. Gut 100 Menschen gehören zur Gemeinde - bei 6000 Einwohnern.

Der Baum hat mit einem Projekt zu tun, das von hier ausging und inzwischen auf die ganze Stadt ausgedehnt wurde: Richmond´s Hope. Es versucht Kindern beizustehen, die den Tod von nahen Angehörigen, oftmals von drogensüchtigen Elternteilen, verkraften müssen, in ihren Familien aber keine Antworten auf ihre Fragen erwarten können.  Die Fragen aber sind da: Warum? Und: Wo ist Gott?

 Das Erwachen aus der Schockstarre der Tradition ist kein Phänomen der armen Vorstadt. Mitten im Herzen der City, in der prachtvollen Neustadt aus dem 18. Jahrhundert, steht die Kirche St. Andrew´s and St. George´s West, in der Nachbarschaft protzen unter anderem das Nationalarchiv und die Royal Bank of Scotland. Pfarrer Ian Gilmour empfängt im Kellercafé, das der Gediegenheit des Ortes pragmatischen Alltag entgegensetzt. »Wir müssen auf die Marktplätze gehen und die Leute einladen«, sagt auch Gilmour. Der Kirchenraum ist bürgerlich-gediegen, aber auch Experimentierfeld für moderne Gottesdienste, und bei der schicken Sanierung hat man gleich in moderne Veranstaltungstechnik investiert.

edinburgh-frankensteinDaneben ist St. Andrew´s auch eine Kronzeugin für den Schrumpfungsprozess: Die alte St. George´s Church ist längst eine Außenstelle des Nationalarchivs, und die St. George´s West Church verkaufte man 2013 an eine Baptistenkirche. Von drei Kirchen blieb also eine, deren Gemeinde nun alle drei Namen führt. Die Tron Kirk, dann das heutige Bedlam Theatre, die riesige Victoria Hall: alles entwidmete Kirchenbauten.

Und wer glaubt, Cotterells Lampenladen sei an Kuriositätswert nicht zu überbieten, kann sich im Dämmerlicht des »Frankenstein Pub« eines Besseren belehren lassen. Als Schmuckstück hängt ein phantasievoller Nachbau jener Maschine, mit der Doktor Frankenstein sein Monster schuf, an der Wand. Unter der Fahne mit der Aufschift »it´s alive« kann man im Licht der Blitze eine Kanzel erkennen, die vom einstigen Interieur geblieben ist

Von der Empore hat man den besten Blick.