Labor der Ökumene (Reportage)

Die Communauté von Taizé, die halb Europa spirituell inspiriert hat, war urspünglich eine protestantische Gründung. Heute gilt das Dorf im französischen Burgund als ein Labor der Ökumene.

Es ist kurz nach acht Uhr morgens, als sich die Versöhnungskirche zum ersten Mal an diesem Tag füllt. Zu Hunderten strömen meist junge Leute in das unscheinbare Gotteshaus, das mit seiner Turnhallen-Anmutung ein Sinnbild für diesen Ort ist: Ein Triumph des  Zweckes über die Ästhetik, ein dauerhaftes Provisorium, in dem alles aus dem Inneren kommt und nichts Äußerliches zählt.
Vor der Haupttür steht ein junger Mann mit einem Schild: »Silence« – Stille. Drinnen ist es dunkel, auch um diese Tageszeit, die Luft ist abgestanden. Die Menschen nehmen auf dem Boden Platz oder auf Steinstufen am Rand.

taizé- silence

In der Mitte halten Buchsbaumgewächse einen breiten Gang frei: Hier sitzen, unregelmäßig verteilt, auf Stühlen, auf Kniebänkchen oder auf dem Boden die Brüder der Communauté von Taizé in ihren weißen Gebetsgewändern. Alles, alles ist schlicht und einfach: Der abgetretene Filzteppich, dessen einzige Zier weiße Klebemarkierungen sind, die Durchgänge freihalten; die Liturgie, die Musik, der Altar. Taizé übersetzt uralte christliche Vorstellungen von Rückbesinnung aufs Wesentliche in die Gegenwart, und zwar mit erstaunlichem Erfolg.
Nach einer  Stunde Gottesdienst, bei der die Brüder auch das Abendmahl ausgeteilt haben, bekommen Besucher die nächste Lektion in taizéanischer Schlichtheit: In einem kargen Unterstand am Ende eines staubigen Campus verteilen Jugendliche das Frühstück. Vor den Ausgabestellen bilden sich lange Schlangen. Die Abfertigung geht rasend schnell: Jeder bekommt einen Plastikbecher mit einem Schlag Kakao oder Tee, ein Brötchen, ein Stück Butter und ein Döschen Marmelade. Wer kein Messer dabei hat, hat verloren.
An diesem Samstag sind rund 700 Leute zu versorgen – vergleichsweise wenig, denn etwa an Ostern kommen locker viermal so viele. Dann sind die meisten Baracken und Zelte auf dem weitläufigen Gelände  gut gefüllt. Taizé ist einem in die Jahre gekommenen Campingplatz viel verwandter als einem Studienzentrum. Die meisten Gebäude, schmucklose Zweckbauten mit Stockbetten, sehen aus, als seien sie nur als Provisorium bis nächste Woche gedacht. So stehen sie seit Jahrzehnten. Auch das entspricht dem Wesen Taizés: Nichts soll unverrückbar sein, dauerhaft, bindend. Anmeldungen werden in zwei Gruppen geteilt: Unter 30 und über 30 Jahre. U 30 ist eindeutig die Mehrheit – der versprengte kleine Rest sind meist Gruppenleiter oder Ehemalige auf den Spuren ihrer Jugend.
Um zehn Uhr beginnen die Bibelarbeiten. Es geht um große Fragen: Glaube, Freiheit,  Hoffnung. Ein Heer von Freiwilligen stellt inzwischen die Weichen für den weiteren Tag – putzen, aufräumen, kochen, Gäste empfangen, Gäste verabschieden, Lagerräume bestücken.

Taizé - küchenhelfer
In der Küche ist ein Putztrupp aus fünf jungen Männern am Werk, die in Leipzig ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) unter dem Dach der Methodistischen Kirche absolvieren. In Taizé besuchen sie eine Woche lang nicht nur Andachten und Bibelstunden, sondern leisten Arbeitseinsätze. Sichtbarste Klammer zwischen beiden Polen: »Wir singen beim Kochen«, sagt Joseph (17).
Auch Caro aus Hagen  ist FSJlerin. Natürlich, die Arbeit in Gemeinschaft mit anderen macht Spaß, aber es gibt ganz anderen Ebenen, auf denen sie sich angerührt fühlt: »Der Gottesdienst  hat mich so berührt, ich musste weinen.«
Taizé lässt den Jugendlichen die Freiheit und die Zeit, übers Wesentliche nachzudenken. Im oftmals säkularen Umfeld zuhause bekommen viele nur fragende Blicke, wenn sie über Glaubensdinge reden wollen. Hier ist das die Essenz des Aufenthaltes.

Es ist 12.20 Uhr, seit einigen Minuten laden die Glocken an dem hölzernen Torturm am anderen Ende des Campus zum zweiten Mal zur Andacht. Die Tageszeitengebete in Taizé haben einige Besonderheiten: Den hohen Stellenwert der Musik, die Beschränkung von Texten auf knappe Lesungen, eine lange, etwa acht Minuten dauernde Stille nach der Lesung und schließlich die Internationalität der Liturgie. Das erste Lied wird auf französisch gesungen, das zweite auf Latein, das nächste auf Englisch; der Lesungstext wird auf Deutsch und Italienisch wiederholt, Fürbitten gibt es auf Niederländisch, Russisch und Chinesisch – oder ganz anders. Das Liederbuch kennt Texte in 51 Sprachen, darunter Kishuaheli,  Sotho,  Arabisch, Cebuano, Tamil, Khmer oder Shqip.
Die Musik greift den universellen Einfachheits-Anspruch von Taizé auf: Einfache Melodien mit kurzen Texten, die immer und immer wieder wiederholt werden, bis ein Vorsänger mit einem »Amen«-Ruf das Ende markiert. Eine Orgel, meist aber ein Keyboard mit Gitarrensound sorgt für die schlichtest mögliche Begleitung, dafür wird mehrstimmig gesungen. »Taizé-Lieder« eben – denn unter diesem Namen haben die Gesänge aus Burgund die  Welt erobert. Das Lesepult steht nicht vorne am Altar, sondern inmitten der Zuhörer. Wenn gelesen wird, drehen sich all dorthin – und nach Ende der Lesung wieder zurück.

taizé- benoit
Nach dem wie gewohnt schlichten Mittagessen sitzt Frére Benoit im Haus »La Morada«, wo die Besucher Kontakte zu den Brüdern pflegen können, und erzählt seine Lebensgeschichte: Er entstammt einer katholischen Familie, so wie etwa die Hälfte der derzeit rund hundert Brüder. Benoit studiert  in Paris Geschichte, als dort eines der jährlichen Jugendtreffen der Brüder aus Taizé stattfindet. Er ist angerührt von der einnehmenden Art der Brüder, die das Treffen vorbereiten, und von der Internationalität des Treffens. Einer der Brüder prophezeit ihm: »Du wirst uns besuchen!«
Und so geschieht es: Benoit kommt zuerst für eine Woche, dann für Monate – ein typischer Weg, der immer wieder junge Männer in die Communauté führt. Sie kommen aus dem Senegal, aus Deutschland, aus Indonesien, Chile oder den Niederlanden. Schließlich tritt auch Benoit anno 2005 der Gemeinschaft bei. »Das Leben in Taizé hat meiner Existenz Sinn gegeben«, sagt er heute. Folgerichtig will er seinen bürgerlichen Nachnamen nicht nennen. Seinen Vornamen (zu deutsch: Benedikt) darf er behalten, da es in der Gemeinschaft bislang keinen Benoit gibt.
In Taizé ist er für Medienkontakte und internationale Zusammenarbeit zuständig; jüngst hat er Prior Frére Alois auf einer Reise nach Weißrussland und in die Ukraine begleitet. Daneben hält er wie alle Brüder, Bibelarbeiten mit den Jugendlichen. »Katholiken finden Taizé zu protestantisch und Protestanten zu katholisch« sagt Frére Benoit: »Dann müssen wir auf dem richtigen Weg sein.«

Taizé-Ortsschild
Aus der katholischen Tradition kommen in Taizé die Eucharistiefeiern, die sonntags von katholischen Priestern gefeiert werden (während wochentags die Brüder selbst das Abendmahl verteilen), der Gedanken der universellen Kirche und die Bedeutung von Liturgie und Mönchsgebet. Typisch evangelisch sind  der Gedanke,  dass das Wort Gottes  im Mittelpunkt allen Handelns steht, die Bedeutung des Singens, die evangelische Freiheit, Dinge weiterzuentwickeln und die Überzeugung, dass der Glaube über den frommen Werken steht. Gewürzt wird alles mit liturgischen Traditionen der Orthodoxie.

Auf dem Campus herrscht am Nachmittag abwechselnd konzentrierte Arbeit und ausgelassene  Fröhlichkeit: Unter einem Vordach singt eine Gruppe französischer Jugendlicher lautstark »Oh Champs Elysees«,  andere erkunden das kleine Dorf mit seinen gut 150 Einwohnern, das sich unterhalb der Communauté-Gebäude an einen sanften Hügel schmiegt. Louisa Nilsson aus Schweden gehört zu denen, die mit den Jugendlichen das Singen üben. Zum dritten Mal ist sie in Taizé, diesmal für neun Monate. »Manchmal muss man eine Pause vom Leben nehmen«, sagt sie: »Dazu ist Taizé der ideale Ort.« Man müsse sich um nichts Alltägliches kümmern, man lebe immer im gleichen Tagesrhythmus: »Man kann sich auf wichtige Dinge konzentrieren.«
Elizabetha Dombrovskaya kommt aus Russland und hat Taizé nach vier Aufenthalten zu ihrer »zweiten Heimat« erklärt: »Hier bin ich so willkommen, wie ich bin«. Christopher kommt aus Stuttgart, Horatio aus Argentinien, Yun-Seo aus Korea, Stéphane aus Frankreich, Joan aus England, alle beten und arbeiten, es ist die Welt im Kleinen, die in der kleinen Welt von Taizé, links und rechts der D 414 nach Ameugny, so erstaunlich funktioniert. »Faszinierend, dass so was geht«, sagt Christopher.

Halb neun Uhr, Zeit zum Abendgebet. Zum dritten Mal strömen die jungen Taizé-Pilger zusammen, einige verharren lange vor Beginn in Meditation auf dem Boden. Manche liegen, manche haben die Augen geschlossen. Nach Lesung und Stille wird aus dem Abendgebet, wie an jedem Samstag, die »Nacht der Lichter«, Taizés erfolgreichster liturgischer Exportschlager.

Taizé-gottesdienst
Ein kleines Mädchen trägt vom Lesepult aus das Kerzenlicht von Bruder zu Bruder, von dort aus verteilt es sich im ganzen Raum, denn heute hat jeder Besucher neben dem Taizé-Liederbuch auch eine weiße Kerze zur Hand. Nach wenigen Minuten ist die Versöhnungskirche erfüllt von einem Lichtermeer, die Atmosphäre heimelig und geborgen. Wie an jedem Abend schwärmen gegen Ende des Gebetes – einen klar erkennbaren Schlußpunkt gibt es nicht, manche bleiben noch lange sitzen, singend oder betend – die Brüder in die Weiten der Anbauten aus, um persönliche Gespräche zu ermöglichen.
Die »Nacht der Lichter« ist eine Anleihe aus orthodoxer Tradition, ebenso wie das »Gebet vor dem Kreuz« an jedem Freitag. Hier knien Jugendliche in vielen Reihen vor einem Holzkreuz, um irgendwann, wenn ein Platz frei ist, sich in einer Art spirituellen Ekstase für einige Minuten auf das Kreuz zu legen. Es ist dies wahrscheinlich der Moment, in dem sich Taizé so weit wie nirgendwo anders von seinen protestantischen Wurzeln entfernt hat.