Kleine Historie von Taizé

Im Sommer 1940 radelt der reformierte Theologiestudent Roger Schutz aus der Schweiz hinüber ins benachbarte Frankreich, das nach der Niederlage gegen Hitler-Deutschland in zwei Hälften geteilt ist. Schutz lässt sich in dem südburgundischen Dorf Taizé nieder, ein verlorenes Nest zwischen Dijon und Lyon. Wenige Kilometer nördlich verläuft die Demarkationslinie zum besetzten Teil Frankreichs, ein paar Kilometer südlich liegen die spärlichen Reste der Abtei Cluny, die einstmals zu den Herzkammern der Christenheit zählte.


Roger Schutz beschäftigt sich intensiv mit den mittelalterlichen Ideen mönchischen Lebens, gründet nach seinem theologischen Examen mit sechs Gleichgesinnten eine Kommunität und nennt sich fortan »Frère Roger«. Die Prinzipien: Hingabe zu Christus, Verzicht auf persönlichen Besitz, Ehelosigkeit. Alle sieben stammen aus reformierter Tradition – ein historischer Neubeginn, gut 400 Jahre nach Calvin.
Taizé ist in den 1950- und 60er-Jahren Schauplatz zahlreicher ökumenischer Begegnungen. Brüder aus Taizé nehmen als nichtkatholische Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Frère Rogers schlichtes, freundliches Auftreten macht ihn zu einem Sympathieträger: »Entweder irre ich mich schwer, oder Roger ist der reinste Heilige, den wir in der Basilika haben«, notiert ein brasilianische Bischof.
Die Annäherung an die katholische Kirche geht einher mit einer Entfremdung von der evangelischen. »Sie sind entweder drinnen oder draußen. Sie müssen sich entscheiden«, scheibt der Vorsitzende des protestantischen Kirchenbunds in Frankreich. In Taizé siedeln sich zeitweise orthodoxe Geistliche, Ordensfrauen verschiedener Gemeinschaften und Franziskaner an, deren Guardian Louis Coolen aus Belgien später schreibt: »Damals war Taizé nachgerade ein ökumenisches Labor.« Seit 1969 gehören auch Katholiken zu der Gemeinschaft.

Brüder aus Taizé  unterstützen Bauern in Südamerika, verteilen Bibeln und siedeln sich in Armenvierteln von Bangladesh und Südkorea an. Zehntausende von jungen Leuten kommen nach Burgund, um mit den Brüdern zu beten und zu arbeiten. Jeweils am Jahresende veranstaltet die Communauté Jugendtreffen an wechselnden Orten, an denen bis zu 100 000 Menschen teilnehmen, auf dem »Pilgerweg des Vertrauens«.
Frère Roger wird am 16. August 2005 beim Abendgebet in Taizé von einer geistesgestörten Besucherin erstochen. Sein Nachfolger wird Frère Alois Löser, ein aus Ehingen am Ries (Bayern) stammender Katholik.