Kleine Historie der Waldenser

Die Geschichte der Waldenser beginnt um das Jahr 1170 im französischen Lyon, wo der Kaufmann Petrus Valdez – vierzig Jahre vor Franz von Assisi – Armut als christliche Urtugend predigte. 1182/83 wurden die »Armen von Lyon« vertrieben und begannen, sich in Südfrankreich und Oberitalien anzusiedeln. Auch in Böhmen, Ungarn, Österreich, Schwaben oder dem Rheinland gab es im 13. Jh. waldensische Gemeinden.
Doch nur in den unzugänglichen Bergtälern Piemonts gelang es ihnen, sich gegen Verfolgungen zu behaupten. 1532 trafen sich Abgesandte der Untergrundgemeinden in Chanforan im Angrogna-Tal, um die Übereinstimmung der eigenen Lehre mit den neuen Ideen der Reformation festzustellen. 1561 trotzten die Waldenser dem Herzog von Savoyen das Abkommen von Cavour ab: Darin verpflichtete sich der Herzog zur Tolerierung der Waldenser in deren angestammten Territorien.


Ihre größte Krise erlebten die Waldenser im späten 17. Jh. Zunächst hatten 1655 piemontesische Truppen und französische Söldner in den Waldensertälern ein Blutbad angerichtet, das unter dem euphemistischen Namen »Piemontesische Ostern« in die Geschichte einging. Nur der energische Protest des protestantischen England bewahrte die Waldenser vor noch schärferen Gewaltmaßnahmen. Die kamen dafür 1685: Der savoyische Herzog Viktor Amadeo II. interpretierte den Widerruf des Edikts von Nantes, wodurch der französische König die Hugenotten ins Exil getrieben hatte, auf seine blutige Weise. Durch Tod, Inhaftierung oder Vertreibung waren die Waldenser so gut wie erledigt. Gemeinden mit waldensischen Wurzeln, etwa in Hessen oder in der Pfalz, zeugen bis heute von dieser Zeit.
Doch dann  wendete sich unverhofft das Blatt: Die Waldenser wurden zum kleinen, aber bedeutsamen Teil einer europäischen Strategie gegen den französischen König Ludwig XIV. Mit englischer und schweizerischer Hilfe kehrten im August 1689 1000 Exil-Waldenser in einem zweiwöchigen Gewaltmarsch in ihre Heimat zurück (»glorreiche Heimkehr«) und verwickelten die Franzosen in einen Guerillakrieg. Schließlich schloss sich auch der savoyische Herzog der antifranzösischen Koalition an, musste dafür aber der Existenz der Waldenser in Savoyen zustimmen.


Nach 1713 kam es im Chisone-Tal zu einer letzten, von Frankreich erzwungenen Auswanderungswelle. Ansonsten verharrte man in den Tälern über 150 Jahre lang im Zustand einer ungeliebten Duldung: Die Waldenser durften die Täler nicht verlassen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, keine Universitäten besuchen, keinen Besitz außerhalb der genau festgelegten Waldensergrenzen haben. Doch die Schikane wirkte für die Waldenser eher identitätsfördernd. Als 1848 das Ende des »Ghettos« gekommen war, konnte sich erstmals eine formelle Waldenserkirche formieren, die im neu entstehenden Italien evangelisierte. Heute bilden die Waldenser gemeinsam mit den Methodisten die »Chiesa Evangelica Valdese«. Waldensergemeinden gibt es auch in der Schweiz und in Südamerika.