Katholische Protestanten (Reportage)

Es wird Abend in Canterbury. Nur noch schwaches Tageslicht dringt durch die bunten Glasfenster im Chor der Kathedrale,  in dem sich jetzt die Chorknaben erheben, um nach dem Ende des  »Evensong« hinauszuziehen.
Es reicht nicht, dass der Chor so brillant singt, dass sich für die Dauer eines Magnificats der Himmel öffnet. Der »Evensong« folgt einer perfekten Choreographie: Der Chor zieht mit einer Verbeugung auf, der Chor zieht nach einer Verbeugung aus. Die Kleidung  sitzt perfekt (weiße Robe, schwarzer Kragen), auch die Schrittfolge, mit der die Sänger beim Orgelnachspiel aus den Bänken treten, um sich hinter ihrem Dirigenten einzureihen. Der Dean (Dekan) steht auf, der Dean geht zu seinem Platz zurück, so steht es im Programmzettel.  

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Der Kreuzträger, der am anderen Ende des Chorraumes wartet, um vor dem Dean zu schreiten,  schreitet sekundengenau los, damit sich zwischen den Chorknaben und dem Geistlichen keine Lücke auftut. Wer all dies fotografieren will, zum Beispiel für eine Zeitungsreportage, wird gleich von mehreren Aufpassern gefressen. Die Zeremonie ist heilig. Der Ritus definiert das Geschehen.
Ist die Anglikanische Kirche eigentlich eine protestantische Kirche? Nun, die Antwort lautet: Ja natürlich, auf keinen Fall, in gewissem Sinn schon. Jein.


Die Suche nach Klärung beginnt im Cathedral House, einem kirchlichen Verwaltungsgebäude neben der Kirche,  in Dienst gestellt 1987 von der Queen höchstpersönlich. Die Kathedrale mit allem Drumherum, den Wohnhäusern der Geistlichen, der Bibliothek, der Schule, Parks und Gästehäusern, ist bis heute ein umfriedeter Stadtbezirk. Die Mauerdurchgänge mit dem stattlichen Christ-Church-Tor hin zur High Street sind bewacht, der Eintritt kostet für Touristen gute zehn Pfund.
Hinter vielen Stapeln Arbeit gibt Pressesprecher Christopher Robinson die erste Definition: »Theologisch sind wir Protestanten, aber unsere Gottesdienste sind katholisch.« Überhaupt gebe es innerhalb der anglikanischen Kirche von England drei verschiedene Traditionslinien: »Einige sind fast katholisch, einige sind fast calvinistisch. Und manche irgendwo dazwischen.« In England sei eben alles irgendwie etwas anders, sagt Robinson noch, und: »Ich fürchte, das klingt nicht sehr logisch.«

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Die anglikanische Kirche ist eine Kirche der Reformationszeit. Doch anders als Luther, Zwingli und Calvin war der englische König Heinrich VIII. zwar an theologischen Fragen durchaus interessiert, aber nicht von ihnen geleitet. Ihm war die Macht der katholischen Kirche in seinem Land ein Dorn im Auge. Als sich Papst Clemens VII. weigerte, Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragon für nichtig zu erklären, damit der König wieder heiraten konnte, war das Maß voll. Die englischen Bischöfe erklärten Heinrich 1531 zum »Supreme Governor«, zum Oberhaupt der englischen Kirche. Das Parlament gab drei Jahre später seinen Segen dazu. Die englische Gottesdienstsprache ersetzte die lateinische, und die Klöster in England wurden aufgelöst, sonst änderte sich zunächst nicht viel.
Erst unter Heinrichs Nachfolger Eduard VI. entstand das »Book of Common Prayer«, das der neuen Kirche erstmals eine Agende gab. Über hundert Jahre lang tobten Auseinandersetzungen zwischen Anglikanern, Katholiken und Puritanern, die zu den Ursachen des Bürgerkrieges gehörten und in der Hinrichtung König Karls I. anno 1649 gipfelten. Das zweite »Book of Common Prayer« von 1661, bis heute die liturgische Grundlage der Anglikaner, markierte den Schlußpunkt des großen Streites, nicht aber den Schlußpunkt interner Debatten um mehr oder weniger Reformation.
Die Bandbreite zwischen katholisch orientierten »High Church«-Gemeinden und protestantischen angehauchten der »Low Church« ist enorm.  Anglikaner bekennen im Credo ihren Glauben an die »eine katholische Kirche« und singen hinterher Lied Nummer 444 aus ihrem »New English Hymnal«. Es heißt »Rejoice, the day with one accord«, gesungen wird es auf die Melodie der Marseillaise der Reformation, »Ein feste Burg ist unser Gott«.
Inzwischen ist der Dean höchstselbst aufgetaucht, Robert Willis, ein würdiger älterer Herr mit sonorer Stimme. Eine Tafel in der Kathedrale beginnt die Reihe seiner Amtsvorgänger  mit einem gewissen Ceolnoth im frühen 9. Jahrhundert – kurz nach dem  Wikinger-Überfall auf das Kloster Lindisfarne oder der Kaiserkrönung Karls des Großen, beides Marksteine europäischer Erinnerung, die irgendwo im Nebel des Mittelalters verschwinden. Robert Willis´ Amt fußt auf dieser Epoche.  
»Bei uns war die Reformation eine politische Angelegenheit. Die päpstliche Oberhoheit über die Kirche wurde bei uns abgeschafft«, sagt Willis. Aber: »Die Gottesdienste sind katholisch geblieben.« Anglikaner stünden irgendwo zwischen Protestanten und Katholiken, »wir sind eine Brücke zwischen beiden«.
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Tatsächlich haben Anglikaner in der Ökumene des 20. Jh. eine wichtige Schrittmacherrolle gespielt. Davon kann besonders John Arnold berichten. Der einstige Domprobst von Durham hat eine lange ökumenische Karriere hinter sich, die mit der Hochzeit mit einer Lutheranerin aus Eisleben begann und in der Präsidentschaft der Ökumenischen Konferenz der Kirchen (KEK) gipfelte.
Die Frage nach der Verortung der Anglikaner auf der konfessionellen Landkarte musste er schon oft beantworten. »Es stimmt nicht, das wir dazwischen stehen«, analysiert Arnold: »Wir sind beides.« Die anglikanische Kirche sei die »katholische Volkskirche eines protestantischen Volkes«. Man habe »alle Herausforderungen der Reformation angenommen«, ohne mit der Vergangenheit ganz zu brechen.  Politisch verstand sich England samt Staatskirche immer den protestantischen Kräften verbunden: Hugenotten feiern seit über 300 Jahren in der Kathedrale von Canterbury ihre Gottesdienste, und evangelische Minderheiten wie die Waldenser hätten ohne Hilfe aus England gar nicht überlebt. Trotzdem liegen die Grundmauern der konfessionellen Identität der Anglikaner nicht im 16. Jahrhundert, sondern im Zeitalter der Christianisierung Englands im frühen Mittelalter. Und das führt endlich hinein in die Kathedrale.

Dieses Gotteshaus ist eine Zeitkapsel der britischen Geschichte, ein Relikt aus einer Zeit, in der in den Städten Mitteleuropas noch in geduckten Holzhäusern über offenem Feuer gekocht wurde. Die Kathedrale aber stand da schon und wurde Jahr für Jahr von vielen Tausend Pilgern besucht, die mit noch größerem Staunen vor dieser Himmelsburg standen als wir. Noch immer sind die Häuser ringsum klein, eingeschüchtert von dem gewaltigen Bauwerk.  
Diese Kirche vereint viele Bedeutungen in sich: Sitz des Erzbischofs und Hauptkirche von England, Mutterkirche von 85 Millionen Anglikanern; Pilgerkirche und Touristenziel für eine Million Menschen im Jahr. »Die Kathedrale von Canterbury ist auf allen Ebenen wichtig: Lokal, national, global«, fasst Matthew Rushton zusammen, Reverend mit der Spezialfunktion eines »Precentors« (Vorsänger) und Organisationschef für das liturgische Angebot, das auch an Werktagen mindestens eine Frühandacht (matins), einen morgendlichen Abendmahlsgottesdienst und einen »evensong« mit Chormusik vorhält. Wie alle Geistlichen trägt  auch der Precentor  im liturgischen Dienst eine lange schwarze Kutte – eine Verbeugung vor der benediktinischen Tradition des Ortes.

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Schon das schlanke Langhaus, gute 650 Jahre alt, lehrt den Besucher Demut. Dabei ist es nur ein Vorspiel für die eigentliche Kirche, den langgezogenen Chor, der ein gefühltes Stockwerk höher treppauf und hinter einem steinernen Lettner verborgen liegt. Vor einem modernen Altar in einer Seitenkapelle ist der Schriftzug »Thomas« in den Steinboden eingelassen: Es ist der Platz, an dem Erzbischof Thomas Becket am 29. Dezember 1170 von vier königlichen Rittern ermordet wurde. Dort, wo im Chorhaupt der Hochaltar stehen müsste, brennt eine einsame Kerze auf dem Fußboden – sie markiert den Ort, an dem bis 1538 das Grabmal Beckets stand, bevor es auf Anweisung Heinrichs VIII. zerstört wurde.

Die Kathedrale verfügt über rund 12 000 Quadratmeter Glasfenster, davon ein Drittel aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Als eine von ganz wenigen Kirchen in Europa hat sie eine eigene Glasbauwerkstatt.

Damals stellte man das Glas aus einer speziellen Mischung aus Sand, Kaliumkarbonat (Pottasche) und Kalk her, ohne von dessen Wasserlöslichkeit  zu ahnen. »Dieses Glas löst sich im Laufe der Zeit auf, es bilden sich Korrosionskrusten, die Farben verdunkeln«, konstatiert Léonie Seliger, die deutsche Werkstattchefin. Lange verstand man die chemischen Prozesse nicht, die sich dabei auf der Oberfläche des Glases abspielen: Noch im 19. Jh.  behalf man sich mit dem Glauben an den »Glaswurm«, warum auch nicht, den Holzwurm gab es ja auch!CB-Glaswerkstatt
In der Glaskunstwerkstatt werden die Fenster behutsam einzeln ausgebaut, dokumentiert und gereinigt. Brüche in Glas und Blei werden gefestigt, die sich ablösende Bemalung unter dem Mikroskop konsolidiert.Dann werden farblose Kopien der Fensterteile, die als Schutzverglasung nach außen dienen, in die Rahmen eingebaut. Die wertvollen Glasmalereien bekommen auf der Inenseite neue Rahmen. Farbwirkung nach innen bleibt die gleiche, aber die historischen Teile liegen künftig im Trockenen. Manchmal hat die Werkstatt auch kuriose Aufträge zu erfüllen – wie den Nachbau eines Kathedralenfensters für eine Kirche im US-amerikanischen Dallas.     


585 Menschen sind haupt- und nebenamtlich in und mit der Kathedrale beschäftigt, darunter fünf Gärtner und 14 Steinmetzen, vier Buchhalter und  zwei Elektriker,  30 ehrenamtliche Staubreiniger, 18 Chorsänger und 15 Archivare. Pro Tag kostet es 18 600 Pfund, um diese Kirche zu beleben und zu erhalten  – 13 Pfund pro Minute. Ein gutes Drittel kommt  aus Eintrittsgeldern, ein Drittel aus Spenden. Obwohl die Church of England Staatskirche ist, ist den Briten ein Kirchensteuersystem fremd – es gibt nicht mal Staatsgeld für die Kathedralen, die ja selbst im laizistischen Frankreich als nationale Bauwerke alimentiert werden.  

CB-Königin Westfassade
Die Anzahl der Gottesdienste, die hier gefeiert werden, ist nicht repräsentativ für das Land, das ein emeritierter anglikanischer Erzbischof eine »postchristliche Gesellschaft« genannt hat. 1600 sind es pro Jahr, Tendenz steigend. Auch die anderen 42 englischen Kathedralen spüren das: Sie erfüllen mit ihrer Atmosphäre die spirituellen Bedürfnisse einer anonymen Großstadtgesellschaft besser als die kleinen Dorf- und Vorstadtgemeinden, die auch in England mit rasantem Schwund an Kirchlichkeit zu kämpfen haben: Nur noch fünf Prozent der Briten gehen noch einmal im Monat zum Gottesdienst.
Demgegenüber steht aber ein amorphes Zugehörigkeitsgefühl zur Church of England. Diese weniger religiös denn politisch begründete Symbiose wird in Canterbury an der Westfassade unterstrichen, die steinerne Standbilder englischer Könige zeigt. Zwei der Figuren zeigen ein strahlendes Weiß, das noch keiner Verwitterung trotzen musste. Es sind Abbilder von Elizabeth II. und ihres Ehemanns, Prinz Philip, die hier schon zu Lebzeiten Verewigung fanden.