Juris Morics (Porträt)

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Lettland hat seit den späten 1980er Jahren eine turbulente Zeit erlebt. Das Land, das fast immer in seiner Geschichte fremdbeherrscht war, löste sich von der Sowjetunion und wurde unabhängig, trat der Europäischen Union und der NATO bei und gehört seit Anfang Januar zur Euro-Zone. Das Leben von Pfarrer Juris Morics aus Baldone bei Riga ist ein Spiegel der jüngeren lettischen Geschichte.

Das Ende der Sowjetunion bedeutete für das Baltikum eine historische Zäsur ersten Ranges. Um zu verstehen, was der Systemwechsel für die Menschen bedeutete, muss man sich eine Lebensgeschichte wie die von Juris Morics ansehen. Morics ist Pfarrer vor den Toren von Riga, er saß in keinem Sowjetgefängnis und war kein Funktionär mit Privilegien, er hat nach der Wende kein schnelles Vermögen gemacht, aber auch keinen Absturz ins Bodenlose erlebt. Er erzählt eine ganz normale lettische Biographie aus der Wendeära, aber was ist in solchen Zeiten schon ganz normal?
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orics, Jahrgang 57, wächst im kommunistischen Riga auf, der Vater ist Flötenprofessor am Konservatorium, die Mutter Sängerin an der Oper, der gesellschaftliche Umgang: akademisch und kultiviert, im Westen hätte man gesagt bürgerlich, doch Bürgerlichkeit war im roten Gesellschaftsmodell nicht vorgesehen. »Der Weg zu einer akademischen Laufbahn führte nur über Marx und Lenin«, sagt Morics: Ausgeschlossen für einen Schüler, der sich weigert, die Pionieruniform anzuziehen.

Mit 16 wird er Koch, doch nur zwei Jahre lang. Denn Marx und Lenin, so lernt er schnell, bestimmen auch die Speisekarte im Restaurant und das Binnenleben in der Küche. »Schnitzel gibt’s mit nur Kartoffeln, basta« lautet die Devise – strenges Reglement geht vor Kreativität. Nur nichts Neues probieren, nur nichts ändern. »Für normale Leute war das nicht zu verstehen«, erinnert sich Morics. So sattelt der verhinderte Sowjetkoch um auf einen Beruf, der auch keine akademische Ausbildung benötigt, sondern mit »learning by doing« zu bewältigen ist, und wird Toningenieur. Er reussiert in diesem scheinbar ideologiefreien Reservat mit Aufnahmen populärer lettischer Rockmusiker. 1986 wählen ihn die Musiker Lettlands in einem Wettbewerb zum zweitbesten Soundingenieur.

In der Wendezeit gründet Morics das erste private Tonstudio Lettlands und hebt eine der ersten Privatradiostationen mit aus der Taufe und genießt die neue Reisefreiheit, staunt schon 1990 über die kanadische Metropole Montreal.Doch das gesellschaftliche Tauwetter setzt bei ihm nicht nur Euphorie frei. Die Geschäftsmöglichkeiten, die sich ihm eröffnen, empfindet er oft als schmutzig. »Ich fragte mich: Warum sind so viele Menschen so arm und warum habe ausgerechnet ich so ein Glück? Und wem kann ich dafür danken? Da wurde ich Christ.«

Die neue Zeit eröffnet auch Denkern und Zweiflern wie Morics neue Möglichkeiten. Mit 36 Jahren beginnt er, sich mit Philosophie und Theologie zu beschäftigen. Es ist Neuland für ihn, den ursprünglich Ungetauften, der kirchliche Traditionen von Zuhause nicht mitbekommen hat. Die östlichen Philosophen faszinieren ihn, den hohen Wert der Tradition bei den Katholiken lernt er zu respektieren. Doch richtig Feuer fängt er erst durch die Bibel. Gottes Wort als erste und höchste Autorität: »Das war das richtige für mich.«

Ein befreundeter Pfarrer fühlt ihm auf den Zahn und schiebt ihn an, doch lieber gleich Theologie zu studieren. Nach den jahrzehntelangen Repressalien gegenüber den Kirchen braucht das Land ordentliche Pfarrer, und so schreibt sich Morics schließlich an der kircheneigenen Luther-Akademie in Riga ein. Zwischendurch arbeitet er nochmal bei einem christlichen Radiosender mit, eine Art biographische Brücke aus dem alten ins neue Leben; dann, 2004, nach fünfjährigem Studium, übernimmt er drei drei kleine Landgemeinden in Baldone, rund 30 Kilometer außerhalb von Riga. Dort sind 400 Evangelische zu betreuen, es gibt fünf Predigtstationen, darunter ein Altenheim und eine Einrichtung des Offenen Strafvollzugs.

Sein späterworbenes Luthertum hat er hier ganz und gar verinnerlicht: »Die Gemeinde ist die höchste Instanz, nicht der Bischof«, sagt Morics. Der Satz ist in Lettland keine Selbstverständlichkeit, sondern eine klare Abgrenzung zur straff hierarchischen russisch-orthodoxen Kirche. Glücklich, sagt Morics, sei er immer gewesen: »Mein Glück hängt nicht von meiner Arbeit ab. Aber wenn mir vor zwei Jahrzehnten jemand diesen christlichen Lebensweg prophezeit hätte, dann hätte ich ihn für verrückt gehalten«.