Heiliger Martin (Reportage)

Wittenberg, die historische Herzkammer der Reformation, ist wunderlich doppelgesichtig. Reisende aus aller Welt erleben es als inspirierenden, spirituellen Ort. Die Wittenberger selber stehen zumeist abseits - nur ungefähr zwölf Prozent sind evangelisch. 

 
Die Szene, die Hans-Wilhelm Kasch neulich erlebt hat, ist so rührend, dass man sie zur Fama erklären möchte.
Ist sie aber nicht, versichert der Leiter des Wittenberger Zentrums des Lutherischen Weltbundes (LWB). Unter den Teilnehmern eines Wittenberg-Seminares, an dem Geistliche aus aller Welt teilnehmen, war auch ein Pastor aus Indien. Vor der mächtigen Fassade des Lutherhauses sank der Gast aus Fernost auf die Knie und brach in Tränen aus. Sein Großvater sei schon Pastor gewesen, stammelte der Ergriffene, sein Vater auch: »Und ich bin der erste, der es erleben darf, hier zu sein.«
Ganz ähnliches hat Jan von Campenhausen erlebt, Direktor der Wittenbergstiftung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ein afrikanischer Gast stand vor Luthers Grab im Chor der Schlosskirche, streichelte sanft die bronzene Grabplatte und staunte: »Das hier gibt es wirklich!« Wittenberg war für ihn eine Idee von Erneuerung und Aufbruch, aber kein realer Ort.
Schlosskirchenpropst Siegfried Kasparick kann den lokalen Kontrapunkt beisteuern. Er hat schon Einheimische belauscht, die sich »beim Wasserturm« verabreden, weil sie nicht wissen, dass der feiste Turm mit der preußische Pickelhaube Teil der Schlosskirche ist. Luthers  95 Thesen sind ihnen ebenso fern wie jenen Einheimischen, die Stadtpfarrer Johannes Block fragen, warum Lukas Cranach auf seinem (übrigens weltberühmten) Abendmahlsbild in der Stadtkirche St. Marien eigentlich ein geschlachtetes Lamm in die Mitte der Tafel platziert hat. »Immer wieder erstaunlich, wie wenig die Leute wissen«, wundert sich Block.
Vier Beobachtungen, viermal Wittenberg: Hier die Welthauptstadt der Reformation mit einer Ausstrahlung bis nach Papua-Neuguinea, dort eine Provinzstadt in Sachsen-Anhalt, die mitten in einer Gegend liegt, die Religionssoziologen für die säkularste auf der ganzen Welt halten. Nur ungefähr 15 Prozent der Wittenberger sind Christen, davon vier Fünftel evangelisch. Die schweigende Mehrheit glänzt durch freundliches Desinteresse. Luthers einstige Glaubenshochburg ist heute ein Hort der Ungläubigkeit – welch bittere Ironie der Geschichte.
Doch, wie immer im Protestantismus, sind die Dinge komplizierter, als es ausschaut.


Es gibt nur wenige Städte in Europa, deren Schicksal so unentrinnbar mit einer einzigen Persönlichkeit verknüpft ist wie Wittenberg. Als der aus dem Mansfeldischen stammende Bergmannssohn und Augustinereremitenmönch Martin Luther (1483-1546) anno 1508 in die kleine Residenzstadt kam, war er ein junger Theologieprofessor voller Zweifel und selbstzerstörerischer Gedanken. Wittenberg war ein Provinznest mit 2000 Einwohnern »am Rande der zivilisierten Welt«, wie Luther selbst ätzte.
Als er 38 Jahre später hier starb, gehörte  er zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Alten Welt, ein Mann, der verehrt oder gehasst wurde wie kaum jemand zuvor, weil er im Trotz gegen Papst und Kaiser die westliche Christenheit, je nach Lesart, reformiert oder gespalten hatte; Luther war Deutschlands mit Abstand meistgelesener Autor und zu Lebzeiten die unbestrittene theologische Autorität der neuen Lehre. Gutenberg, Columbus, Luther: So lautet die Trinität der Neuzeit.  
Der Reformator  ist in der Stadt omnipräsenter denn je: Als Plastikstatue im Schaufenster von Tabakwaren Schnörpel und als Namengeber für einen Beerenlikör, als Playmobilfigur oder als Schlüsselanhänger im Tourismus-Büro, im Luthergarten, im Lutherhotel oder auf der Luther-Socke (»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«). Irgendwo zwischen Schlosskirche und Lutherhaus ist immer ein Luther unterwegs, der im Talar des frühneuzeitlichen Universitätsprofessors neugierige Gäste durch die Stadt führt – auf Luthers Spuren natürlich.
Die Luther-Manie war lange Zeit eine säkulare Angelegenheit. Die evangelische Kirche pries zwar seit jeher stolz die Stadtkirche St. Marien als Mutterkirche der Reformation, hütete sich aber ansonsten vor jeglichem Anruch, Wittenberg zu einem evangelischen Wallfahrtsort machen zu wollen – schon allein das Wort zu denken verursacht ja Protestanten Pein. »Wittenberg als Gedenkort passte nicht ins protestantische Weltbild«, sagt Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten.
Die Idee der Lutherdekade, die seit 2008 das evangelische Milieu in ganz Deutschland in Atem hält, ging nicht von der Kirche aus, sondern von der Stadt Wittenberg. Doch inzwischen sind hier so viele gesamtkirchliche Ämter und Stellen angesiedelt, dass man schon mal den Überblick verlieren kann.


Im Cranachhaus residiert das Institut für Predigtkultur, eines der vier bundesweiten Reformzentren der EKD. Das dritte Rathaus-Obergeschoß hat die »Wittenbergstiftung« der EKD bezogen, ein paar Steinwürfe weiter hat das Zentrum des Lutherischen Weltbundes sein Domizil. Für spirituelle Akzente sorgt der Stadtkonvent der Communität Christusbruderschaft aus dem oberfränkischen Selbitz. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat einen Reformationsbeauftragten bestellt und eine Reformationsbeauftragte speziell für den Kirchenkreis Wittenberg. Die Evangelische Akademie und das Predigerseminar gab es schon länger, beide bekommen aber durch den millionenschweren Umbau des Schlosses ein neues Gesicht. Schlussstein der kirchlichen Wittenberg-Offensive soll die Übernahme der Schlosskirche in EKD-Besitz 2017 sein. Der evangelische Wallfahrtsort ist dann komplett, auch wenn das W-Wort sicher nie, nie, nie in irgendeinem kirchlichen Papier so formuliert sein wird.
Trotz allem verhalte es sich mit Wittenberg wie mit Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen in der Geschichte von Jim Knopf, formuliert EKD-Repräsentant van Campenhausen: »Von weitem riesig, aber je näher ich komme, desto kleiner wird alles.« Am Ende schnurre alles zusammen auf 900 Meter Fußweg vom Lutherhaus zur Schlosskirche, jenen Weg, den Luther täglich absolvierte, wenn er in die Universität ging. Alle wichtigen Stätten liegen auf dieser Achse. Schon allein dieser räumliche Minimalismus entlarvt das Wort vom »evangelischen Rom« als einigermaßen unangebracht.

Über die Ursprünge der kirchlichen Wittenberg-Offensive kann besonders bildhaft Hans-Wilhelm Kasch erzählen. Der mecklenburgische Pfarrer kam 2008 im Auftrag des LWB hier an, um: nun, das war die Frage. »Es gab niemanden, der auch nur eine vage Idee hatte von dem, was hier gemacht werden könnte«, erinnert sich Kasch offenherzig. Irgendwas mit Luther halt, so ungefähr hatten es die Mitgliedskirchen ungefähr formuliert.


Kasch quartierte sich im Hinterhof des Wittenberg-Collegs ein, das Studierende aus den USA beherbergt, besorgte sich Möbel und einen Computer und fing an, aus dem Nichts Projektideen zu ventilieren. Man kann hier ablesen, was es heißt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein: Heute ist Kasch Anlaufstelle für Gruppen von allerlei kirchlichen Besuchern (deren jährliche Zahl sich inzwischen auf über 3000 versechsfacht hat), beschäftigt ausländische Praktikanten und betreibt das Projekt »Luthergarten«, bei dem in den Grünanlagen rund um die Innenstadt Bäume gepflanzt werden, gesponsort von Kirchen aus aller Welt.  Gut 300 stehen schon, 500 sollen es werden, mag das Lutherwort vom Apfelbäumchen auch längst als Fake entlarvt sein. Und wenn lutherische Bischöfe ihre Wittenberg-Tagung in einem geselligen Abend ausklingen lassen, organisiert Kasch das Buffet.
Der wichtigste LWB-Baustein aber sind die Seminare mit Theologinnen und Theologen aus aller Herren Länder. Hier wird nicht nur Wittenberg-Spirit, sondern auch praktisches Basiswissen vermittelt. Etwa dass man im Februar besser nicht in Sandalen nach Deutschland reist oder welche Zutaten in einen tansanischen Bohneneintopf gehören.

Bildung gehörte bereits im 16. Jahrhundert zu den wichtigsten Anliegen der Reformatoren, und Bildung ist der Kern aller Wittenberg-Belebung: Lesen, Schreiben, Hören. Es gibt im Lutherhaus Museumsflyer auf koreanisch und finnisch. Das Zentrum für Predigtkultur organisiert eine facebook-Gruppe, in der sich rund 1800 Pfarrerinnen und Pfarrer über ihre Predigtideen austauschen, und irgendwo in Wittenberg ist immer gerade irgendein evangelisches Seminar.
Doch die Wittenberger Kirchenleute lernen von ihren ausländischen Gästen, dass Wittenberg nicht nur ein Bildungsort, sondern auch ein spiritueller Ort ist, ob sie das wollen oder nicht. Im 17. Jh. ließen evangelische Theologen in Halle Luthers Sterbebett verbrennen, weil sich um die herausgebrochenen Holzspäne ein obskurer Wunderglaube zu entwickeln begann – das erinnere beinahe an »sizilianische Verhältnisse«, sagt Museumschef Rhein mit sanftem Spott. Und der Trend zum Ersatzheiligen ist ungebrochen. Im Gästebuch der Schlosskirche hat Propst Kasparick diesen Eintrag gefunden: »Lieber Martin Luther, hilf, dass ich einen guten Mann bekomme.«
Etwa ein Drittel der Wittenberg-Besucher kommt vor allem aus spiritueller Motivation -  aus den USA, aus den Niederlanden und Skandinavien, zunehmend aber auch aus Korea mit seiner  wachsenden protestantischen Gemeinschaft. Es sind all jene, die mit tränenfeuchten Augen vor der Thesentür stehen und ihre reale Begegnung mit der Lutherstadt in der persönlichen Rubrik »Wunder« verbuchen, was ja auf gewisse Weise noch das letzte missing link zum ordentlichen Wallfahrtsort bedeutet.

Die meisten Wittenberger kriegen sowas entweder gar nicht mit oder interessieren sich nicht dafür, Motto: »Macht nur euer Zeug, aber ich brauch das nich.«  So erleben es auch die vier Selbitzer Schwestern, die den harten Gemeindekern der täglichen Mittagsandacht in der Stadtkirche bilden. Es komme schon mal böse Worte, vereinzelt gar tätliche Angriffe vor, sagt Schwester Elisabeth Häfner:  »Aber die Grundhaltung ist eher tolerante Ignoranz.« Die Schwestern ertragen alles mit stoischer Freundlichkeit.
Egal wie säkular nun ein Einheimischer daherkommt: Dass sich seine Stadt in den letzten Jahren enorm gewandelt hat, ist ihm gewiss aufgefallen. Die wichtigsten Bauwerke, seit 1996 UNESCO-Weltkulturerbe, wurden auch zu DDR-Zeiten leidlich instand gehalten. Doch links und rechts der besagten Hauptachse bröckelten noch bis in die 2000er Jahre die Fassaden. Weiter draußen dominierte die sozialistische Platte. Das ist weitgehend vorbei.
Wenn man die absoluten Zahlen anschaut, ist der Kultur- und Wallfahrtsort Wittenberg noch ausbaufähig: In Lutherhaus und Stadtkirche spricht man von gut 80 000 Besuchern pro Jahr. So richtig tanzt der Bär nur zweimal im Jahr - am Reformationstag und zum Stadtfest »Luthers Hochzeit« im Juni. Das Potential ist riesig: Touristiker rechnen weltweit mit einer Zielgruppe von rund 440 Millionen Menschen, die mit »Wittenberg« irgendetwas verbinden: Einen schick sanierten Erinnerungsort – oder eine gute Idee.