Höher, weiter, länger

Im 14. Jahrhundert, in der Bauzeit des Münsters, hatte die Reichsstadt Ulm ungefähr 10 000 Einwohner. Das Münster fasst doppelt so viele. Es ist die größte protestantische Kirche Europas.

ulm-innenraum

Wenn Münsterbaumeister Paul Michael Hilbert aus dem Paradiesfenster blickt, tut er´s mit Herzklopfen. Zum einen, weil der Weg dorthin weit ist und treppenreich. Vor allem aber wegen der Aussicht. Denn obwohl das Fenster seinen Platz in einer schwindelerregenden Höhe von 40 Metern hat, geht es nach innen, ins Hauptschiff des Ulmer Münsters. Das ist nämlich nochmal ein paar Meter höher als der Platz am Paradiesfenster.
Die Menschen, die unten über den karierten Kirchenboden schlendern, sehen aus wie Spielzeug. Die riesige Orgel: Ganz klein, irgendwo am anderen Ende. Alles in diesem Raum strebt nach oben, in die Höhe, in die Weite, die Ausmaße sind einfach überwältigend. 
Hilbert ist ein erfolgreicher Architekt mit selbstbewusster Ausstrahlung und Pferdeschwanz, doch hier oben, am Paradiesfenster, ist Demut erste Bürgerpflicht. »Man kann dieses Gebäude niemals in voller Dimension begreifen«, gesteht er, und das hat nicht nur damit zu tun, dass er erst ein gutes Jahr in Amt und Würden ist, als 18. Nachfolger von Ulrich von Ensingen.
 Das Ulmer Münster gehört zu den gewaltigsten Kirchen der Welt und kann, je nach Lesart, mindestens zwei gültige Superlative für sich in Anspruch nehmen: Es hat mit 161,53 Metern den höchsten Kirchturm der Welt und es ist mit einer Länge von 123,56 Meter die größte protestantische Kirche der Erde. Es umfasst rund 190 000 Kubikmeter umbauten Raum, und wenn man einmal durch alle Gebäudeteile marschiert, ist man zweieinhalb Stunden und über zwei Kilometer unterwegs.


ulm-steinfratzeDoch nicht die Zahlen sind das eigentlich Spannende an dieser Kirche. Ihre Entstehungsgeschichte in einer Stadt ohne Bischof war für das Mittelalter außergewöhnlich, der stolze Bürgersinn, der sich in dem gewaltigen Vorhaben manifestierte, bis heute bemerkenswert, vor allem aber der späte Abschluss der Bauarbeiten nach gut dreihundertjähriger Pause. Das Ulmer Münster ist heimliche Heimat für Psychisch Kranke, El Dorado für Kulturfreunde,  Nervenkitzel für Leute mit Höhenangst, Raum für stille Beter, Anziehungsort für Künstler und eine Marke mit höchstem Erkennungswert für Marketing-Strategen. Das Münster steht in Ulm über allem, in jedem Sinne. Sogar die Muslime in der Stadt sprechen von »unserem Münster«.

Den Grundstein legte Altbürgermeister Lutz Krafft am 30. Juni 1377. Die Stadt Ulm befand sich damals gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des »Schwäbischen Städtebundes« im Zwist mit Kaiser Karl IV., der Ulm im Herbst 1376 erfolglos belagerte. Den Ulmern war damals für ein paar Wochen der Weg zu ihrer Pfarrkirche versperrt, die sich einen guten Kilometer außerhalb der Stadtmauern befand und adem Bodensee-Kloster Reichenau unterstand. Der Münsterbau löste gleich drei Probleme: Die geistliche Versorgung konnte künftig im Herzen der Stadt passieren, und zwar unter eigener Regie der Stadt. Und da das Münster größer war als der Prager Veitsdom, den Karl etwa zeitgleich errichten ließ, trugen die Ulmer einen wichtigen Prestigeerfolg davon.

Sechs Baumeister und ungezählte Steinmetzen brauchten rund 100 Jahre, um den Innenraum abzuschließen. Der Westturm blieb ein Torso. 1530 schließlich trat die Ulmer Bürgerschaft nach einer Abstimmung fast geschlossen zum evangelischen Glauben über. Die gottgefälligen Werke waren nun nicht mehr nötig, vor allem aber ging den Ulmern das Geld aus. Der Turm bekam ein Notdach, und 1543 wurden die Bauarbeiten für fast 300 Jahre eingestellt. Erst die Besinnung auf die Kunst des Mittelalters im 19. Jh. rückte das Münster wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Nicht gerade schmeichelhaft hatten sich zuvor Besucher Ulms wie der Reiseschriftsteller Karl Julius Weber über die »plumpe Steinmasse«  geäußert, deren Turm »zwar nicht der höchste, aber doch der dickste«.

ulm-ansicht1854Das Ulmer Münster war die letzte gotische Kathedrale Mitteleuropas, die noch evangelisch geblieben war. Im späteren Aufbruchstaumel des neuen Kaiserreiches fühlten sich die protestantischen Höfe in der Pflicht, die Restaurierung dieses »deutschen Nationaldenkmals und protestantischen Domes«, wie das Ulmer Münsterbaukomitée propagierte, zahlungskräftig zu unterstützen - Turmbau inklusive. Die Vollendung des Kölner Doms anno 1880  wirkte zusätzlich beflügelnd. Baumeister August Beyer verlängerte den mittelalterlichen Entwurf um zehn Meter und übertrumpfte damit den um vier Meter kürzeren Kölner Südturm. Seit dem 31. Mai 1890 haben die Ulmer den höchsten Kirchturm der Welt. Erst die 2026 geplante Vollendung der Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona (deren Hauptturm 170 Meter hoch werden soll) könnte ihnen diesen Superlativ wieder nehmen. 
Der Turm ist natürlich die Hauptattraktion: 124 233 Menschen haben ihn laut einer städtischen Statistik im Jahr 2011 bestiegen, umso bemerkenswerter, da es zum Entsetzen manch weitgereister Touristen keinen Aufzug gibt, sondern nur Treppenstufen, genau: 768 davon.
Sabine und Jonny waren irgendwann oben, denn ein Grafitti im Treppenaufgang kündet davon, dass die beiden sich »bis in alle Ewigkeit« lieben. Auch Sonja war schon auf dem Turm, Anne und Gloia, Nicky und Sandra, überhaupt tausende von Leuten, die mit Stift oder Fingernagel ihre Namen in den engen Treppenhäusern hinterlassen haben. Unter den Besuchern sind auch Literaten wie ein Hesse-Freund (»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, sinnigerweise ein Ansporn auf Stufe 12) oder Alt-68er (»Sex and Drugs and Rock´n Roll«), Finnen (»A laget Suomi«) und Italiener (»Sicilia sempre«).
Auf 70 und auf 102 Meter Höhe gibt es Galerien, selbstmördersichere Metallzäune machen sie zu luftigen Käfigen. Eine schmale Treppenspindel führt hinauf zur Helmkranzgalerie: 143 Meter. Die letzten Trittsprossen, hinauf zu den Kreuzblumen an der Spitze, sind für die Besucher unzugänglich, ihr Anblick dient nur zum wohligen Gruseln. Die Meinungen der Turmbesteiger sind geteilt zwischen Faszination und Schwindel. Jedenfalls: Die Aussicht ist grandios.


ulm-israelfensterEin Kirchenraum wie dieser hat seinen eigenen Tagesrhythmus. Die Frische des Morgens ist betörend, nur die Putzfrau ist dann unterwegs, der Organist, der noch mal das Mittagsprogramm durchgeht und die Münsterwache, die den Kerzentisch von Wachsflecken befreit. Wenn die Pforte ab 9 Uhr öffnet, ergießt sich ein langsam anschwellender Gästestrom in das riesige Hauptschiff. Zu den besten Zeiten – etwa auf halber Strecke zwischen den Mahlzeiten – tummeln sich im Münster fünf, sechs, sieben, manchmal zehn Gruppen gleichzeitig und hören den Erläuterungen der Münsterführer zu. Eine wabernde Geräuschdecke legt sich über die Morgenstille. Genaue Statistiken gibt es nicht, aber im Laufe eines Jahres werden es gut 750 000 Menschen sein, die diese Kirche betreten.
Richtig eng wird es zum Beispiel samstags, wenn viele Reisegruppen unterwegs sind, vormittags aber Trauungen stattfinden. Manchmal bleibt für die Münsterführung dann nur eine halbe Stunde, für alle: »Da ist dann richtig Druck auf dem Kessel«, weiß Münsterkantor Johannes Michael Wieland, der von seinem Arbeitsplatz an der großen Orgel den besten Überblick hat. Mittags, zur Andacht im Chorraum und zum Orgelkonzert, beruhigt sich das Geschehen, bis die Nachmittagsführungen wieder die Lufthoheit übernehmen und erst gegen Abend ausklingen. Alles wird begleitet von einer  grandiosen Lichtinszenierung, die den Tageslauf der Sonne am Himmel durch das Leuchten der Glasfenster miterleben lässt.
Wieland gehört zu denjenigen, die das Glück haben, das Münster auch nachts erleben zu dürfen, weil tagsüber Orgelüben tabu ist. Die riesige Halle ist dann still und dunkel, nur durch die Obergadenfenster dringt Laternenlicht und wirft spielerische Schatten. Als Albert Schweitzer hier 1929 ein Orgelkonzert gab, dankte er »in tiefer Ergriffenheit«.

ulm-kappler
Freilich, nicht alle Besucher können sich auf dieses Gefühl des Staunens und Bewunderns einlassen. Davon weiß Mesner Gert Kappler ein Lied zu singen. Der Klassiker sind die Klagen, dass das Münster ausgerechnet abends um dreiviertel acht geschlossen wird, da man doch nun um die halbe Welt gereist sei, um das wunderbare Chorgestühl zu sehen, und zwar jetzt, um dreiviertel acht. »Da könnten wir 24 Stunden aufhaben, da wären immer noch welche unzufrieden«, sagt Kappler.
Dass er sich dafür manchmal als »unchristlich« bezeichnen lassen muss, gehört noch zu den milderen Vorwürfen. Die Zahl derer, die überhaupt wissen, wozu ein Gebäude wie dieses dient, sinkt stetig, und damit auch die Bereitschaft, sich hier mit einer Basisportion an Respekt  aufzuhalten. Auch wüste Beleidigungen sind Kappler nicht fremd, wenn er, zum Beispiel, bei einer versuchten Opferstock-Manipulation eingreift. »Arschloch, halt die Fresse, ich hau dir eins rein, alles schon dagewesen«, sagt Kappler lakonisch, ein freundlicher, stiller Mensch, der all dies ohne Klage erträgt und vor allem ein Glücksgefühl ausstrahlt, hier arbeiten zu dürfen.
Der Mesner führt auch viele freundliche Gespräche, etwa heute, als er vor der Mittags-andacht vor den Chortreppen steht und Sitzkissen verteilt. Wie alt ist das Münster eigentlich? Gibt’s das überhaupt, ein evangelisches Münster? Wo sind die Toiletten? Ist das hier eine Kirche oder was? »Es gibt schon eigenartige Begegnungen«, resümiert Kappler.

ulm-infotafelDas erlebt auch Tabea Frey, seit elf Jahren Münsterpfarrerin. Natürlich, die große Menge der Besucher kommt, um das Bauwerk mit mehr oder weniger großem Kulturverstand zu anzusehen. Aber daneben gibt’s eine Unterströmung, die man kaum wahrnimmt: »So ein Raum zieht psychisch kranke Menschen an. Manche von denen sind täglich da«, hat sie beobachtet.
Eine Frau kommt mit Taschen voller Zeitungspapier, steht stundenlang vor einem Altar und tut so, als ob sie fotografiert. Ein Mann aus einem Behindertenheim erscheint regelmäßig, um die Münsterseelsorge anzuhalten, man solle für ihn um eine Frau bitten und geht dann mit einem freundlichen »Gesegneten Tag!« durch die Bankreihen. Manche Leute stören sich daran, aber die Münsterpfarrerin betont: »Wir müssen auch Raum für schräge Gestalten bieten.« Manchmal sei das Münster eben auch ein Asyl-Ort.
Dass diese Kirche seit bald 500 Jahren evangelisch ist,  entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Gotteshäuser wie dieses leben von der Liturgie, die im evangelischen Württemberg ohnehin besonders karg ist, und von der Sinnenfreude des Hörens und Schauens. Das Münster ist nicht gebaut worden, damit ein paar hundert oder tausend Leute einem einzelnen Prediger zuhören. Gerade das aber  ist ja nun mal die Quintessenz des evangelischen Gottesdienstes. »Diese Akustik ist eine echte Herausforderung«, sagt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl: »Nach jedem Gottesdienst kommen Leute und sagen: Ich habe von der Predigt überhaupt nichts verstanden.«

Der Münsterbaumeister hat das Paradiesfenster geschlossen und ist in der Christuskammer angelangt. Es ist einer der Räume in diesem Bauwerk, die deshalb erstaunen, weil sie so geräumig und gleichzeitig so funktionslos sind. In der Christuskammer ist ein steinerner Brunnenaufsatz abgestellt, für den es keine Verwendung gibt, zweite Wahl.
Aber Hilbert kriegt sich nicht mehr ein: »Dieses Teil ist der Wahnsinn.« Eine steinerne Fiale zwirbelt sich elegant um sich selbst nach oben, es ist das Werk eines unbekannten Meisters der Hochgotik: »Irre, irre, wie spielerisch der das hingekriegt hat.«
Selbst vor den ausgemusterten Bauteilen kennt das Staunen keine Grenzen.