"Wisch den Zwingli raus!"

Zürich war neben Wittenberg die zweite Keimzelle der Reformation. Die Stadtrepublik verstand sich als »Neues Jerusalem«, als Blaupause für die neue Lehre. Doch das war einmal: Die Säkularisierung ist, wie überall im Westen Europas, auch hier nicht aufzuhalten.

zürich-täuferdenkmalAmish People sind nicht besonders reiselustig. Zu Hause fahren sie nur mit Kutschen, und wenn sie tatsächlich mal die USA verlassen, tun sie es allenfalls per Schiff. Dann aber, so hat es Peter Dettwiler immer wieder von ihnen gehört, gibt es zwei klar definierte Traumziele: »Holy Land and Switzerland«. Der kumenebeauftragte der Reformierten Kirche in Zürich stand schon öfters mit Amish People am Ufer der Limmat: Stille, ehrfürchtige Leute in archaischen Gewändern, die Männer mit langen Bärten und schwarzen Hüten, die Frauen in weiten Kleidern, eine Gesellschaft, die vor 200 Jahren beschloss, den Stillstand als ihren Fortschritt anzusehen.

Sie gehen mit Dettwiler durch das Gassengewirr der Altstadt rechts des Flusses, und irgendwann verharren sie, manche mit Tränen, an einem unscheinbaren Stein, der dort in die Ufermauer eingelassen ist. Die Inschrift lautet: »Hier wurden in der Limmat Felix Manz und fünf weitere Täufer zwischen 1527 und 1532 ertränkt.«

Die Vorfahren der Amish People kamen aus Europa, genauso wie die der Hutterer oder der Mennoniten. Sie alle sind Nachfahren der Täufer, die sich in der Reformation nicht nur mit der Kirche, sondern auch mit der Obrigkeit überwarfen und dafür meist bitter bezahlen mussten, nicht selten mit dem Leben. Ihren Ursprung hatte die Täuferbewegung in Zürich. Sie lehnten den Militärdienst ab, sie waren kategorisch gegen die Todesstrafe, sie weigerten sich, auf irgendetwas zu schwören. Das Beharren auf der Wiedertaufe war ein Symbol, an dem sich aller Zwist entzündete.

»Die Täufer waren Pazifisten und wollten Staat und Kirche radikal trennen. Mit beiden Ideen waren sie 300 Jahre zu früh dran«, sagt Dettwiler. Zwingli, aber auch die anderen Reformatoren, konnten diese Störenfriede nicht brauchen. »Für die Protestanten waren die Täufer Staatsfeinde, für die Katholiken Ketzer«, skizziert Dettwiler das Dilemma der Täufer. Viele flüchteten ins Elsass oder in die Pfalz. Ihre versprengten Nachfahren wanderten im 18. Jahrhundert nach Amerika aus.

Und von da kamen sie dann, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Zürich, und suchten nach Zeugnissen ihrer Vergangenheit.  Aber es gab keine, so wie überhaupt die Erinnerungskultur in der protestantischen Welt sich um die Nebenströmungen der Reformation erstaunlich wenig bekümmert hat. Noch 1952 lehnte der Stadtrat von Zürich ein Täufer-Mahnmal ausdrücklich ab mit der Begründung, man dürfe ehemaligen Feinden des Staates kein Denkmal setzen. Erst 2004 war die Zeit reif für den Täuferstein am Limmatufer. Es muss ein bewegender Tag gewesen sein, für die Einheimischen und die Täufer-Gäste aus aller Welt.

zürich-zwingliIn Zürich wirkt seit Januar 1519 der aus den Appenzeller Alpen stammende Leutpriester Ulrich Zwingli. Er erkennt die Bibel als einzige, und zwar als wörtlich zu verstehende Autorität an. Man müsse »den Sinn Gottes rein aus seinem einfaltigen Wort lernen«, wird er später schreiben. Unter Zwinglis Regie öffnet sich die einflussreiche Stadtrepublik der neuen Lehre, ja, sie erhebt den Anspruch, als Musterstadt der Reformation zu dienen, als »neues Jerusalem«:  Bildersturm, Auflösung der Klöster, Reform der Liturgie und der Kirchenverfassung, Neuordnung der Armenpflege und des Schulwesens unter städtischer Führung.

Eine Einigung mit Luther bei den Marburger Gesprächen scheitert an den gegensätzlichen Auffassungen von der Abendmahlslehre, vor allem aber, weil sich die beiden Alphatiere der Reformation nicht leiden können. Andere Städte der Schweiz schließen sich Zürich an, aber eben nicht alle: Zwingli befeuert die drohende militärische Auseinandersetzung mit den katholischen Orten und stirbt im Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel. Die konfessionelle Spaltung der Schweiz wird für Jahrhunderte zementiert. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger erklärt den Reformator zum Propheten und Märtyrer, dessen Bedeutung innerhalb der reformierten Kirchen aber bald hinter Johannes Calvin zurücksteht.

Nicht in Zürich, natürlich: Die weitere Entwicklung der Stadtrepublik ist ohne die Weichenstellungen Zwinglis nicht zu denken. »Die Idee, hinter dem  sichtbaren Zürich stehe eine unsichtbare Idealstadt des Glaubens, die ein Beispiel für die ganze Christenheit gebe, sollte die weitere Zukunft dieses  Gemeinwesens prägen wie kaum eine andere«, schreibt der Zürichkenner Thomas Lau. Doch dieses Stück Identität kommt den Zürchern spätestens seit den 1990er-Jahren abhanden. Seither sind die Reformierten in ihrer einstigen Musterstadt gegenüber den Katholiken in der Minderheit: Zuwanderer kommen seit jeher vor allem aus dem katholischen Hinterland oder aus Südeuropa. Der eigentliche Mega-Trend aber ist die Säkularisierung: Mit über einem Drittel bilden die Konfessionslosen schon heute die größte Gruppe in der städtischen Religionsstatistik, nur noch etwa 23 Prozent gehören der reformierten Kirche an, Tendenz fallend.

Dem Zürich-Reisenden, der ja doch ganz überwiegend die Altstadt wahrnimmt, entgeht diese Entwicklung vollends, denn zwischen Hauptbahnhof und  Zürichsee, dort, wo das Herz dieser kleinsten Weltstadt der Welt schlägt, zeigt sich Zürich zwinglianisch wie eh und je. Neben dem Großmünster, dem  Wahrzeichen der Stadt, behaupten St. Peter, Fraumünster und Predigerkirche trotzig ihre Plätze in einer zunehmend säkularisierten Stadt, selbst wenn zur Gemeinde mitunter nur gut 200 Menschen gehören.

zürich-mühletalerAllen Innenstadtkirchen gemeinsam ist die karge, bilder- und kruzifixfreie Inneneinrichtung. Meist gibt es nicht mal einen Altar, sondern nur einen Taufstein, der durch Auflegen eines Holzdeckels zum Abendmahlstisch werden kann. Kanzeln? Nicht hier, denn reformierte Pfarrer in der Schweiz hüten sich vor dem Eindruck, sie wollten sich über ihre Gemeinde erheben, und sei es nur räumlich. Aus dem gleichen Grund predigt man hier im Anzug und nicht im Talar, verbindliche Vorgaben wie Bekenntnisschriften oder Gottesdienstordnungen gibt es keine. Im Presbyterium hat der Ortspfarrer nur eine beratende Stimme, formell aber nichts zu sagen. Noch konsequenter kann man die Idee vom Priestertum aller Gläubigen kaum umsetzen.

Den konsequentesten Weg zur modernen City-Kirche ist freilich eine Gemeinde im Stadtteil Aussersihl am Rande der Altstadt gegangen. Dort, am Trambahn-Knotenpunkt Stauffacher, wo täglich 60 000 Leute vorbeikommen, steht seit 1901 ein biederer Historismus-Bau mit dunklen Fußböden und einem etwas zu hoch geratenen Turm, der einst die größte reformierte Gemeinde Zürichs beherbergte. Doch den Schwund an Kirchlichkeit spürte man hier draußen besonders heftig, und so verliefen sich in den 1990ern Sonntag für Sonntag noch gut 20 Unentwegte in der stolzen Kirchenburg, die, selbstredend, den Rest der Woche geschlossen war.

 »Es musste etwas geschehen«, sagt Pfarrerin Verena Mühletaler. Sie sitzt zum Gespräch an einem kleinen Tisch im Foyer, auf dem eine Kerze brennt. Nachher wird jemand anders von der Gemeinde kommen und dann wieder jemand. »Präsenzdienst« heißt die Idee, die eine Botschaft in die Stadt sendet: Wir sind für dich da. Es wirkt fast wie bestellt, dass prompt ein älterer Mann mit Berliner Akzent eintritt und nach etwas Atemholen im Kirchenraum vor der Pfarrerin beteuert, er habe gesündigt und benötige seelsorgerische Ansprache.

Den sichtbarsten Schnitt vollzog die Gemeinde vor zehn Jahren mit der Entfernung der Bänke. Jetzt sieht die Jakobskirche von innen eher wie ein gediegener Mehrzweckraum aus. Die Hauptfrage von Passanten lautet denn auch: »Muss man hier immer stehen?« Ruth Wegemann vom Präsenzdienst sagt dann gewöhnlich: »Im Gottesdienst kann man auch sitzen. Aber man kann hier auch essen oder tanzen.«

zürich-flüchtlingshilfeUnter dem gewaltigen Kerzenleuchter wird manchmal Streetdance angeboten, manchmal Tanzmeditation, manchmal Yoga, natürlich gibt es Gottesdienste, dazu Lesungen und Konzerte. Bei der »Blauen Stunde« sitzt man im Kreis und diskutiert über die Bibel. Neulich hat die Pfarrerin am Valentinstag eine Segensfeier für Liebende angeboten, immerhin, es kamen sieben Paare. »Tradition, Glaube und modernes Leben zusammenbringen«, so umschreibt Mühletaler den Anspruch. Dass die Idee politischen Zündstoff entwickelt, liegt auf der Hand. Dass die Gemeinde 2012 Anhängern der Occupy- Bewegung Obdach gab, nachdem die Protestler ihr Lager in der Innenstadt räumen mussten, gefiel nicht allen. Ein Funktionär der Schweizerischen Volkspartei (SVP) trat gar aus der Kirche aus. Andere schrieben: »Jesus hätte es auch so gemacht.«

Inzwischen ist der »Offene St. Jakob« auch ein Zentrum kirchlicher Flüchtlingsarbeit in Zürich. Einmal pro Woche, am Freitagvormittag, gibt ein Team von zehn bis 15 Helfern in den Gemeinderäumen Deutschunterricht für Flüchtlinge. Anschließend gibt’s ein Mittagessen. Der Lärmpegel im Saal ist gewaltig: An jedem Tisch wird in Kleingruppen gepaukt, vor allem das Sprechen ist für die Flüchtlinge wichtig. Bei Monika Lüthi am Tisch sitzen Karma und Sonam aus  Tibet und Abdulwahab aus Eritrea. Alle drei können lesen, immerhin: »Das Bildungsniveau ist sehr unterschiedlich«, sagt Lüthi.

Diesmal liest sie aus einem Brief, den ein Schweizer USA-Auswanderer im 19. Jahrhundert nach Hause schrieb: »Wir hatten ein schlechtes Leben. Aber jetzt ist es noch schlechter.« Es ist eine kleine Botschaft ins eigene Land: Es gab Zeiten, als die Schweizer in die Ferne zogen, weil für sie daheim kein Platz mehr war.

Zürich ist eine der teuersten und sicher auch eine der saubersten Großstädte der Welt. Bauarbeiter saugen mit schon fast manischer Akribie ihren soeben produzierten Staub wieder ein, Ladenbesitzer spritzen den Asphalt morgens so flächendeckend nass und rein, dass man sich auch bei strahlendem Sommerwetter wie kurz nach einem Wolkenbruch vermutet; überhaupt stürzt die Vielfalt der Säuberungsgeräte, die hier im Einsatz sind, einen vielleicht nur durchschnittlich reinlichen Besucher in Beschämung.

zürich-großmünstermodellVielleicht hat das doch auch ganz entfernt noch etwas mit Zwinglis Erbe zu tun, über das der Schlagersänger Udo Jürgens einst sagte: »Zürich ist so schön, aber wenn nur diese zwinglianische Mentalität nicht wäre.« Man ist korrekt, man ist ordentlich, fleißig, und bei allem streng moralisch. »So etwas wie die Fastnacht von Luzern bringen wir hier nicht hin«, sagt denn auch Pfarrer Dettwiler. Dieser Befund steht zu der rasanten Säkularisierung nicht im Widerspruch. Die Schweizer, und die Zürcher besonders, koppeln sich von der Religion ab, ohne aber die Mentalität aus 500 Jahren mit über Bord werfen zu können. »Religion ist nur noch Privatsache«, hat Martin Breitenfeldt festgestellt, Beauftragter der Zürcher Kirche für das Reformationsjubiläum: »Es gilt das Prinzip: Sprich nicht über Religion, dann kommst du am besten an.« 

Und überhaupt: Zwingli als Identifikationsfigur hat abgedankt; in einem ziemlich neuen Lied der Reggae-Band »Stereo Luchs« heißt es denn auch: »Wisch de Zwingli use!«

Den heftigsten Widerspruch gegen diesen Appell hat Stereo Luchs, schon von Amts wegen, auf dem Großmünster-Hügel zu erwarten. Hier verdichten sich alle Stränge der Zwingli-Erinnerung: Zwinglis Kirche, Zwinglis Wohnhaus; die Theologische Fakultät der Universität, die auf die von Zwingli gegründete Lehranstalt für Theologen im ehemaligen Chorherrenstift des Großmünsters zurückgeht. 550 000 Touristen kommen pro Jahr, und das nicht nur zum Fotografieren: Ein Antiquar aus der nahen Kirchgasse erlebte jüngst eine Invasion von 30 (evangelischen) Chinesen, die alle Bibeln zusammenkauften, die sich im Lager befanden. Kosten spielten keine Rolle.

Großmünster-Pfarrer Christoph Sigrist empfängt am archaischen Eichentisch in der Sakristei. Links neben der schweren Tür zur Kirche hängt eine Tafel mit einem Zwingli-Spruch an der Wand, eine stetige letzte Mahnung an den Prediger, bevor er ans Werk geht: »Tut um Gottes willen etwas Tapferes!« Tapfer, das war sein berühmtester Vorgänger allemal, findet Sigrist: Wie er mit der Bibel in der Hand für Bildung und Armenfürsorge kämpfte, wie er das Großmünster dem Volkgab, insbesondere den Chor »vom Klangraum der Chorherren zum Studiersaal« wandelte. »Zwingli schuf 1525 Zürichs erste Armenordnung, die erste Armenkasse, die er aus dem Erlös von eingeschmolzenem Schmuck füllte, steht hinter dem Pfarrer an der Sakristeiwand.

»Gott ist nicht neutral, sondern er ist der Gott der Armen«, liest Sigrist, nebenher übrigens Dozent für Diakoniewissenschaften an der Uni Bern, bei Zwingli: »Die Zwei-Reiche-Lehre Luthers stimmt nicht«. Im Großmünster seien Diakonie und Liturgie unter Zwingli miteinander verschmolzen: Beim ersten Läuten am Sonntag um 9 wurde diskutiert, beim zweiten Läuten kam man zum Ende, beim dritten begann der Gottesdienst. »Fantastisch«, findet Sigrist, fast eine Art Handbuch für die Gegenwart einer Kirche mitten im Leben.

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Im Chorraum liegt seit ein paar Jahren symbolträchtig ein Exemplar der berühmten »Zürcher Bibel«, die Zwingli mit einem Gelehrtenteam erarbeitete und 1531 beim Buchdrucker Froschauer (dessen Betrieb übrigens bis heute in der Verlagsholding Orell Füssli weiterlebt) herausbrachte. Ein Computerbildschirm ermöglicht das virtuelle Blättern und Lesen (www.grossmuenster.ch). Das Porträt in Öl, das jede lutherische Dorfkirche von ihrem Reformator irgendwo  hängen hat, gibt’s hier natürlich nicht – Bilderverbot. Mit einem gestalterischen Trick haben ihn die Zürcher aber dann doch in ihr Großmünster geholt, wenn auch an der Außenseite. Der Bronzeplastiker Otto Münch schuf 1939 mit dem Südportal einen regelrechten Zwingli-Comic in 24 Bildern.

Ebenfalls an der Außenwand präsent, und zwar als gestrenger Lehrer in Stein, ist Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger, der manchen Forschern als die eigentlich zentrale Reformationsgestalt der Stadt gilt. Doch von einer »Bullinger-Stadt« Zürich hat noch nie jemand geredet. Allerdings, auch das Zeitalter der »Zwingli-Stadt« neigt sich dem Ende zu. »Zwingli-Stadt, das sind wir nicht mehr«, sagt Peter Dettwiler. Damit macht er sich sicher nicht nur Freunde, aber es ist jedenfalls,um Gottes Willen, ein tapferes Wort.