Einzigartiger Bildungskosmos

Eines Tages um die Zeit des Osterfestes 1695 fand der junge Pfarrer von Glaucha bei Halle, August Hermann Francke (1663-1727),  eine anonyme Spende von vier Talern und 16 Groschen in seinem Opferstock und beschloß: „Das ist ein ehrlich Capital / davon muß man etwas rechtes stifften / ich will eine Armen-Schule damit anfangen.“ Das Werk ist ihm gelungen: Die Francke´schen Stiftungen in Halle sind bis heute ein einzigartiger Bildungs-Kosmos, der weltweite Ausstrahlung besitzt.

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Heute auf dem Speiseplan: Salade á la Rouen, Porréetorte und crêpe suzette. Die jungen Köche dürfen selber essen.
Jessica dirigiert den Porrée-Nachschub zu Abigail und Masan und schenkt aus braunen Tonkrügen Getränke nach. Es gibt „Francke-Trunk“: Zitronenwasser mit Zimt und Zucker. Da will jemand aufstehen, um aufs Klo zu gehen? Na gut, aber nur mit Jessicas Erlaubnis.
Jessica ist Tischlotsin am kulturellen Kinderfreitisch in der Kindertagesstätte der Francke´schen Stiftungen. Das „Krokoseum“ befindet sich direkt unter der gewaltigen Außentreppe des Historischen Waisenhauses, mit dem August Hermann Francke anno 1701 sein epochales Bildungswerk startete. Ein mannshohes, frech grinsendes Metallkrokodil steht vor der Eingangstür – eine wohltuend ironische Brechung des ehrwürdigen Baues, von dem schon Zeitgenossen, durchaus mißgünstig gemeint, sagten, es habe die Anmutung eines Schlosses.
Einmal in der Woche treffen sich im „Krokoseum“ Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Für manche ist es die Erstbegegnung mit geregelten Tischsitten, über deren Einhaltung, in Franckes Tradition, ein Tischlotse respektive eine Tischlotsin wie Jessica zu wachen hat. Ihre Autorität bezahlt sie mit Geduld: Die Tischlotsen bekommen nämlich ihr Essen zuletzt. Franckes bisweilen unbarmherzig strenge praktische Lebensregeln kann  man bis heute in der Uni-Mensa nachlesen,  unter anderem die Aufforderung, „bisher manchmal verspürtes wildes Wesen zu vermeiden und keine Hunde bey sich zu haben“.
Das „Krokoseum“ ist keine ganz gewöhnliche Kita. Manche Eltern wissen gar nicht, dass ihre Kinder hier sind. Sie wissen überhaupt selten, wo ihre Kinder gerade sind und wollen sie tagsüber auch gar nicht sehen. Es gibt jedenfalls viele Gründe, warum sich die Kinder im „Krokoseum“ besonders wohl fühlen: Theaterspiel, Lesestunden oder eben das gemeinsame Kochen. Johann (6) kommt, weil man so schön spielen kann, Farah (10) kommt, weil ihre Mama „nicht soviel Zeit hat“. Hier sind Menschen, die ihnen zuhören, die sie wahrnehmen. Das ist schon viel.
„Wir denken in den Fußstapfen Franckes“, sagt Leiterin Susanne Kovacs: „Wir kümmern uns um Sozialwaisen.“ 

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August Hermann Francke hat das „ehrlich Capital“ von 1695 gut angelegt. Noch beeindruckender aber ist es, dass seine Schöpfung auch nach über 300 Jahren blüht und gedeiht: Das Waisenhaus vor den Toren der Stadt Halle mit all seinen Nebeneinrichtungen und Unterinstitutionen, darunter das größte Fachwerkhaus der Welt und eine bis zu den Fußbodendielen original erhaltene Barock-Bibliothek mit heute 140 000 Bänden, hat Kriege und Systembrüche überlebt, Neid und Anfechtungen; zu DDR-Zeiten wurde im Festsaal der Stiftungen Basketball gespielt, 1990 regnete es in dem mehrstöckigen Hauptgebäude bis ins Erdgeschoß durch. Die vierspurige Stadtautobahn aus den 1970ern, die auf Stelzen nur einen Steinwurf neben dem Waisenhaus vorbeiführt, gibt noch einen Eindruck von der Mißachtung, mit der die Stiftung bisweilen zu kämpfen hatte. Doch das hat sich geändert: Zum 350. Geburtstag Franckes kam sogar Bundespräsident Joachim Gauck höchstpersönlich, um das Band zur Jubiläumsausstellung durchzuschneiden.
Rund 4000 Menschen lehren und lernen auf dem Bildungscampus der Francke´schen Stiftungen – angefangen von den jungen Hobbyköchen im „Krokoseum“ bis zu den Professoren  der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Einer von ihnen ist Axel Noack, bis 2008 der letzte evangelische Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, die inzwischen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland aufgegangen ist. „Francke war nicht beliebt“, sagt er: „Alle engagierten Leute sind ein bißchen anstrengend. Aber Neid ist ja die evangelische Form der Anerkennung.“
Noack hat auf dem Francke-Campus sein kirchliches Austragsstüberl bezogen: Er ist Honorarprofessor für Kirchengeschichte, forscht über die Kirchen in der DDR und vermittelt den Studierenden, darunter auch viele Pädagogen, am heimischen Kaminfeuer  mit eloquenter Warmherzigkeit Grundbegriffe kirchlichen Lebens, getreu Franckes zeitloser Bildungsbotschaft: „Liebe und Orientierung geben“. Viele seiner Studierenden sind nicht getauft, „manche von denen haben noch nie einen Gottesdienst erlebt“, sagt Noack. In einer Gesellschaft, in der  - wie in Halle – nur noch zwölf Prozent der Menschen einer christlichen Kirche angehören, ist das kein Wunder.
Die Säkularisierung der Gesellschaft im Umfeld der einstmals aus christlichem Boden erwachsenen Stiftung – die aber selber niemals eine kirchliche, sondern immer eine bürgerliche Institution war -, ist besonders im „Haus der Generationen“ spürbar. Dort unterhalten drei soziale Institutionen ein Altenheim, eine Montessorischule und ein Familienberatungszentrum unter einem Dach. Wenn Stiftungspfarrer Eckart Warner zum monatlichen Gottesdienst eintrifft, im Gepäck die Bibel und das Glockengeläut auf dem i-pod, wandelt sich  der Flur zwischen Aufzug und Stationsküche zum geistlichen Raum: Eine eigene Kapelle gibt’s nämlich nicht. Aber der Flur bleibt natürlich immer Flur, es ist ein reges Kommen, Gehen und Schwatzen.

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Warner hat schon erlebt, dass mitten in den Heilig-Abend-Gottesdienst die Putzkolonne platzte und anfing,  während der Weihnachtspredigt den Flur zu schrubben. „Ich bin da auch manchmal ratlos“, sagt er.
Situationen wie diese untermauern die Sinnhaftigkeit seiner Stelle. Seit drei Jahren gibt es auf dem Campus wieder einen eigenen Stiftungspfarrer, der sich darum kümmern soll, Orten wie dem Altenheim oder dem „Krokoseum“ christlichen Geist zu geben. In der Bibelmansarde im Dachgeschoß von Franckes einstigem Wohnhaus lädt Warner zum „Bibeldienstag“ oder bietet Francke-Erkundungen für Konfis und Seniorengruppen.

Aus dem Privatunterricht für arme Kinder, den Francke zunächst im eigenen Pfarrhaus gab, erwuchs binnen weniger Jahrzehnte ein gewaltiges Bildungswerk, das für die protestantische Mission ebenso Wurzelwerk gewesen ist wie für die Diakonie. Francke war nicht nur ein bis in die Haarspitzen beseelter Pietist, sondern auch ein vorausschauender Geschäftsmann: Beim preußischen König besorgte er sich eine Konzession zum Verkauf von Arzneimitteln, mit denen er den Betrieb des Waisenhauses finanzierte. Druckschriften aus Franckes eigener Buchhandlung trugen pietistisches Gedankengut in die ganze Welt; Franckes Leute unterrichteten in Sibirien, in den Niederlanden und im Baltikum. Sein Missionar Bartholomäus Ziegenbalg übersetzte im indischen  Tranquebar das Neue Testament ins Tamilische (woran heute auf dem Francke-Campus die „Tranquebar“ charmant erinnert), weshalb das Stiftungsarchiv heute die europaweit größte Sammlung an Palmblattmanuskripten besitzt.  Die 1710 von ihm gegründete Canstein´sche Bibelgesellschaft, die heute im „Canstein Bibelzentrum“  fortlebt,  druckte preisgünstige Bibeln in vielen Sprachen und ist die älteste Bibelgesellschaft der Welt.
halle-wunderkammerHöhepunkt jedes Besuches bei den Francke´schen Stiftungen aber ist eine Stippvisite in der kuriosen wie geheimnisvollen Kunst- und Naturalienkammer im ehemaligen Waisenhaus-Schlafsaal unterm Dach,  die kein Besucher ohne Aufsicht betreten darf. Dort ist in 18 Vitrinenschränken das Weltwissen des 18. Jahrhunderts verstaut: Ein tätowierter Südsee-Fisch, eine Sammlung von Damenschuhen, eine Seychellennuss, ein hölzerner Globus, ein ausgestopftes Krokodil, das Wahrzeichen der Sammlung.
Soll man den Kopf schütteln, soll man vor Ehrfurcht erstarren oder am besten einfach nur staunen? Die Kunst- und Naturalienkammer ist der älteste europäische Vorfahre unserer heutigen Museumslandschaft. Jahrzehntelang war sie unter einer dicken Staubschicht vergessen. Die Exponate sind nicht sortiert und erklärt, sondern liegen scheinbar durcheinander in den Schränken, nur durch lose Themengruppen miteinander verbunden. Das aber symbolisiert die barocke Weltsicht: Alles hängt zusammen, alles ist wichtig. Nicht das einzelne Objekt, sondern die Gesamtschau ist von Bedeutung. Die göttliche Schöpfung ist so grandios wie unübersehbar.
Von den beiden Modellen des Sonnensystems hat kurioserweise das falsche überlebt: Das kunstvolle Metallgestänge inmitten der Wunderkammer  zeigt die Erde als Mittelpunkt der Welt.