Eigenes Geld, eigener Radiosender

Kein Ort in ganz Europa steht so prominent für das Wirken von Diakonie wie der Bielefelder Ortsteil Bethel in Ostwestfalen. Das Diakonie-Reich, geformt vom Patriarchen Friedrich von Bodelschwingh gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ist bis heute eine Welt für sich.

Und eine Welt voller Briefmarken: Briefmarken in durchsichtigen Plastiksäcken, Briefmarken, zum Trocknen auf Löschpapier gelegt. Briefmarken in Kisten, im Wasserbad, im Sammleralbum.

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Briefmarkensammeln gilt gemeinhin als Hobby für eher spröde und verschlossene Naturen. Doch wenn es irgendwo auf der Welt einen Platz gibt, an dem ein Philatelist von euphorischen Glücksgefühlen durchströmt wird –  außer beim Anblick der »Blauen Mauritius« –, dann hier, in der Briefmarkenstelle der von Bodelschwing’schen Stiftungen. Die simple Idee, die ein Patient 1886 hatte und die von Friedrich von Bodelschwingh sogleich umgesetzt wurde, funktioniert bis heute: Menschen in aller Welt schicken abgestempelte Briefmarken, die von Menschen mit Behinderungen zum Verkauf an Sammler aufbereitet werden. Nicht umsonst nannte Theodor Heuss Bodelschwingh den »genialsten Bettler, den Deutschland wohl je gesehen hat«. Am Ende seines Lebens hatte er 300 000 Spenderadressen in seiner Kartei.

Bis zu 500 Briefe und Pakete treffen täglich ein, berichtet Mitarbeiterin Gabriele Krane. Schulklassen in Brandenburg, Rentner aus Argentinien, Firmen aus den USA oder bayerische Pfarrsekretärinnen sammeln Briefmarken für Bethel, und das zum Teil schon seit Generationen. Im letzten Jahr kamen 37 Tonnen zusammen. Bethel ist der größte Umschlagplatz für Sammlermarken weltweit. 125 Leute machen aus den Markenbergen »Kiloware aus Bethel«, erhältlich als 10-Kilo-Karton MABU (»Massenware«) für 121 Euro bis zur Vorzugskollektion G (gewaschen, vorwiegend Ausland), 250 Gramm zu 22,50 Euro. Das Öffnen der Tüte ist für den Sammler dann so etwas wie die Einfahrt ins Bergwerk für den Goldgräber, allerdings mit Erfolgsgarantie: »Es ist für jeden immer irgendwas Interessantes dabei«, weiß Krane.

Das Geschäftsmodell funktioniert nur, weil die Mitarbeiter selber keine Sammler sind. Nur herausragend wertvolle Marken werden aus dem Verkehr gezogen und als Einzelstücke in Auktionshäusern verkauft – oder auch nicht: So lief vor ein paar Jahren in Bethel unbemerkt eine Audrey-Hepburn-Sondermarke durch den Paketversand. Die Marke, die aus urheberrechtlichen Gründen niemals in den offiziellen Postverkehr gelangte, ist heute gestempelt 100 000 Euro wert.

Über derlei Summen klärt der Michel-Katalog auf, die Bibel der Philatelisten. Der »Michel« kennt alle Marken als Ordnungszahlen. 1835 zum Beispiel: »Friedrich von Bodelschwingh«, Deutsche Bundespost, 100 Pfennige von 1996, Wert heute portofrei 1,10 Euro, gestempelt 0,90 Euro.

In einem riesigen Archivschrank liegt in der Schublade 1835 ein säuberlich gebündelter Stapel mit Bodelschwinghmarken. Wer ganz dringend diesen Kopf benötigt und sich den Umweg über die Schatzgräbertüte sparen will, kann ihn auch gezielt bestellen – ausnahmsweise. Es gibt auch Schweizer Marken mit Schokoladengeschmack oder Winston Churchill in 3D (aus Burundi).

Der eigentliche Clou an der Briefmarkenstelle von Bethel ist die nahtlose Einbindung behinderter Menschen in den Produktionsablauf. Nicht nur hier in der Abteilung »Aufbereitung«, sondern überall in der weitläufigen Diakoniesiedlung schnippeln Mitarbeiter Briefmarken aus Umschlägen, sortieren und verpacken.

Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) war über Jahrzehnte die prägende Gründerpersönlichkeit Bethels. (Foto: Bodelschwigh´sche Stiftungen)

Bethel ist zuallererst ein biblischer Ort. Der Erzvater Jakob errichtete dort einen Altar für Gott (1. Mose 35, 1-15). Noch berühmter ist die Geschichte von der Himmelsleiter, von der Jakob an einem Ort namens Bethel geträumt hatte, den er daher kurzerhand als Pforte des Himmels klassifizierte (1. Mose 28, 1-22).

An vielen Plätzen der Welt, vor allem in den USA, hat man versucht, durch entsprechende Namensgebungen in christlichem Geist an diese vielversprechenden Geschichten anzuknüpfen. Aber nirgendwo ist das derart nachhaltig gelungen wie hier.

 

Als der junge, aus westfälischem Beamtenadel stammende Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh 1872 hierher berufen wurde, gab es noch kein Diakoniewerk Bethel, sondern eine gerade fünf Jahre alte »Evangelische Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens«. 1873 bezog man dort einen Neubau, und der Heiminspektor predigte über das biblische Bethel. Das inspirierte Bodelschwingh dazu, den Namen für die ganze Anstalt zu verwenden.

 

Der Verwaltungsrat sprach sich zwar ausdrücklich dagegen aus, aber es ist bezeichnend für die weitere Entwicklung, dass sich Bodelschwingh darum nicht kümmerte und den Namen trotzdem einfach so lange verwendete, bis er sich eingebürgert hatte. »Vater Bodelschwingh« führte das rasch expandierende Sozialunternehmen bis zu seinem Tod in der Art einer absoluten Monarchie, die seine Mitarbeiter mitunter zur Verzweiflung brachte, aber trug.

Eine Zeichnung aus den 1920er-Jahren überhöht die »Stadt der Barmherzigkeit« zur irdischen Himmelsburg à la Mont-Saint-Michel. Dabei ist Bethel alles andere als ein geschlossenes Ensemble, eher ein verstreutes Durcheinander von Stilen und Funktionen, hier ein modernes Krankenhaus, dort eine umgebaute Backsteinvilla, hier ein Sammelsurium kleiner Häuschen mit Garten, dort eine Behindertenwerkstatt.

Längst ist das einstige Dorf mit der Stadt zusammengewachsen. Wer mit der Stadtbahn via Haltestelle »Bethel« anreist, erkennt dennoch schnell, wo das Diakonie-Terrain beginnt: Es wird bis heute markiert von Bodelschwinghs altem Pförtnerhäuschen, in dem rund um die Uhr eine Kerze im Fenster stand, um immerwährende Hilfsbereitschaft zu signalisieren. Heute beherbergt es das Büro der Mitarbeitervertretung.

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In der Nachbarschaft stehen einige der großen Gründerzeitbauten Bethels. Im Fachwerkhaus Alt-Ebenezer, das als Bauernhaus gebaut wurde und heute als Museum dient, befand sich 1867 die erste »Heil- und Pflegestätte für Epileptische«, es ist die Keimzelle der ganzen Siedlung. Neben Bodelschwingh-Devotionalien sind Zeugnisse der Epilepsie-Therapie aus 150 Jahren zu besehen, darunter ein erstaunliches Bett, in dem die Liegenden nicht auf Matratzen, sondern auf einer dicken Torfschicht gebettet wurden: Bis zur Erfindung der Windel erleichterte dies die Betreuung von Bettnässern, weil der Torf leicht auszutauschen war und die Menschen sich nicht wund lagen.

 

Um die Ecke steht das Haus Sarepta, das einstige Mutterhaus der gleichnamigen Westfälischen Diakonissenanstalt, für die in ihrer Blütezeit über 2000 Diakonissen tätig waren; dahinter folgt die Hauptverwaltung und, weiter oben, die Zionskirche mit ihren bethel’schen Alleinstellungsmerkmalen wie der Paulus-Darstellung auf der Kanzel – der Apostel gilt heute als prominentester Epileptiker der christlichen Geschichte.

Hinter der Kirche auf einem langgezogenen Bergrücken schließt sich der Alte Friedhof mit seinem markanten Eingangstor an. Hier sind die berühmte Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer (1873-1954) und der legendäre Posaunengeneral Johannes Kuhlo (1856-1941)  bestattet, der von der v. Bodelschwingh’schen Diakonenanstalt Nazareth aus die Posaunenchoridee in Deutschland verbreitete.

Auf dem Alten Friedhof liegen Prominente wie "Posaunengeneral" Johannes Kuhlo oder die Familie Bodelschwingh begraben. (Foto: thg)Das prominenteste Grab freilich ist das der Familie von Bodelschwingh, die in den ersten hundert Jahren des Bestehens der Anstalten mit kleinen Ausnahmen den Leiter stellte. Es kann verwirren, dass alle drei Chefs Friedrich hießen – nämlich neben dem (fälschlicherweise) als Gründervater angesehenen Friedrich I. (1831-1910) dessen Sohn Friedrich II. (1877-1946), der 1933 für wenige Wochen als Reichsbischof amtierte und dem es gelang, den größten Teil seiner Schützlinge vor den Euthanasie-Maßnahmen des NS-Regimes zu schützen, und Friedrich III. (1902-1977), ein Enkel des Alten.

Inmitten der großzügig angelegten Fläche aus halb liegenden Kreuzen aus Granit erhebt sich ein vergleichsweise gewaltiger Sandsteinsockel. Er ist der Schlüssel zu Bodelschwinghs Theologie, die Bethel jahrzehntelang geprägt hat. Der Gedenkstein erinnert an den frühen Tod von Ernst, Elisabeth, Friedrich und Carl, die vier Kinder des Ehepaars Friedrich und Ida von Bodelschwingh. Sie starben im Januar 1869 binnen zweier Wochen an »Stickhusten«. Bodelschwingh versuchte, das grausame Schicksal »in den theologischen Kategorien von Strafe, Buße, Gnade und Heiligung zu verstehen«, schreibt sein Biograf Hans-Walter Schmuhl.

 

Er interpretierte den Tod seiner Kinder als »schwachen Abglanz des Leidens Jesu« und schöpfte daraus Trost und Glaubensstärke. In einer vielfach aufgelegten Broschüre pries er den Tod der Kinder als Vorbild für »gelungenes Sterben«. Die »Sterbebereitschaft« rechnete er zu den höchsten Charaktervorzügen seiner Diakonissen. Deren Dienstordnung ermahnte dazu, das Sterben »zu lernen«, was, man möchte es nicht glauben, dazu führte, dass mitunter junge Schwestern gezielt zur Pflege von Patienten mit schweren, ansteckenden Krankheiten eingesetzt wurden. Bodelschwingh begleitete dann die Diakonissen in ihren letzten Stunden und hielt den Überlebenden Beispiele »gelungenen Sterbens« als leuchtendes Beispiel vor. Bodelschwingh sah nicht die medizinische Heilung als zentrales Ziel seiner Anstalten. Die hatte sich nämlich als unrealistisch herausgestellt. Vielmehr sollten Diakonissen und Diakone, Ärzte und Pfarrer die Patienten, die durchschnittlich nur 31 Jahre alt wurden, angemessen auf die Ewigkeit vorbereiten.

Bodelschwinghs Selbstverständnis, glücklicherweise entschlackt von den bizarren Verirrungen seiner Sterbefrömmigkeit, bestimmt bis heute die Arbeit in Bethel. Es herrschen zwei zentrale Gedanken: »Christliche Nächstenliebe und unternehmerischer Geist«, sagt Ulrich Pohl, seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Beides zusammengenommen bedeutet zum Beispiel, dass auch ökonomisch defizitäre Bereiche weiterbetrieben werden, wenn sie als inhaltlich unverzichtbar angesehen werden wie etwa die Hospizarbeit.

 

 

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Die Bodelschwinghschen Stiftungen sind mit über 17 000 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von über einer Milliarde Euro seit Jahrzehnten Deutschlands diakonischer Riese, erst seit kurzer Zeit überflügelt von dem am grünen Tisch entstandenen Krankenhaus-Verbund Agaplesion. Die Mitarbeiter verteilen sich über 260 Standorte in acht Bundesländern, aber gut 6000 sind am Stammsitz tätig, in Krankenhäusern, Schulen, Werkstätten, Pflege- oder Jugendheimen.

Bethel hat eine eigene Buslinie, ein eigenes Briefträger-System, einen eigenen Radiosender (Antenne Bethel) und eigenes Geld, den Bethel-Euro, der nur in Geschäften vor Ort Gültigkeit hat, und sogar ein Maskottchen, das Bemännchen aus der Weberei. Die bundesweit tätige Krankenversicherung BKK Diakonie, 1903 von Bodelschwingh gegründet, hat hier ihren Hauptsitz. Eine solche Verdichtung diakonischen Lebens und Wirkens ist in ganz Europa einzigartig.

In der Förderwerkstatt im Haus »Eicheneck« arbeiten Menschen mit meist schweren Behinderungen. Sie schrauben Plastiksockel für Einbauküchen zusammen oder bündeln mit dicken Küchengummis Hölzchen, die als Kaminanzünder dienen. Manche liegen nur in einem Bett, das neben einer Werkbank steht. »Auch wer nicht arbeitet, ist dabei«, sagt Gruppenleiterin Eleni Gonsior. »Teilhabe« lautet das Zauberwort.

Auch hier begegnen dem Besucher wieder die Briefmarken. Holger kann nur mit einer Hand arbeiten. Um die Marken von den Umschlägen zu trennen, haben ihm findige Mitarbeiter eine höchstpersönliche Briefmarken-Ausstanz-Maschine gebaut, die mit einer Hand zu bedienen ist. »Das ist Bethel«, freut sich Gruppenleiterin Eleni Gonsior: »Wir suchen für jeden Einzelnen die beste Lösung.«