Die Mutterkirche Osteuropas (Reportage)

Was verbindet eine zwischen Polen und Tschechien geteilte Stadt mit dem Protestantismus? Wie kommt eine evangelische Kirche für 8000 Menschen ins erzkatholische Polen? Und warum hat eine Stadt in Tschechien, dem säkularsten Land Europas, gleich fünf evangelische Kirchengemeinschaften? Ein Blick nach Teschen ist spannend.

Die Brücke von Teschen, im äußersten Süden Schlesiens gelegen, wo sich Tschechien, Polen und die Slowakei begegnen, ist nicht so berühmt wie ihre steinernen Schwestern in Prag oder Dubrovnik. Seit 1953 heißt sie »Freundschaftsbrücke«. Sie wurde zerstört und wieder aufgebaut, heute ist sie anspruchslos, aus praktischem Beton. 

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Die Freundschaftsbrücke, tschechisch most Druzby, polnisch most Przylazni, ist ungefähr 1200 Kilometer von Brüssel entfernt und ein guter Ort, um über Europa nachzudenken. Drei Generationen lang symbolisierte sie die widersinnige Teilung einer Stadt, sie stand für den Irrweg des nationalen Denkens auf diesem Kontinent, den auch der neue Brückenname nur schwer kaschieren konnte. Heute verbindet sie den tschechischen Lederwarenladen von »Marino Moda« am Westufer der Olsa mit der polnischen Eisbude »Lody Wloskie« am Ostufer, über ihr flattert die blaue Europafahne mit den goldenen Sternchen. Die Warnschilder am Westufer (»Achtung! Staatsgrenze!«) wirken wie vergessene Relikte einer widersinnigen Zeit.

1918 war die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie in ihre nationalen Bausteine zerfallen, unter anderem in die neu entstehenden Staaten Polen und Tschechoslowakei. Die Provinzhauptstadt Teschen wurde entlang der Olsa geteilt: Die schmucklose Vorstadt kam als Ceský Téšin zur Tschechoslowakei, die historische Altstadt als Cieszyn nach Polen. Freunde und Verwandte wohnten auf einmal im Ausland, die Polen hatten keinen Bahnhof mehr und kein Gaswerk, die Tschechen kein Rathaus und keine Post. Dafür hatten nun beide Seiten eine saubere, rote Linie auf der Landkarte, eine Linie, die freilich in einem kulturell und ethnisch heterogenen Landstrich wie Schlesien mehr Probleme aufwarf als löste.

 »Die Menschen in Teschen konnten damals gar nicht glauben, dass die Grenze von Dauer sein würde«, weiß der Teschener Historiker Josef Szymeczek. Die hilflose Unsicherheit über die herrschenden Zustände illustriert seine Anekdote von jenem polnischen Zöllner, der  in den 1920er Jahren von einem Leichenzug aus Ceský Téšin einen Passierschein abverlangte – für die Leiche.

 Heute segeln Tschechen und Polen unter der Flagge Europas, und nur an wenigen Orten in der Union hat das Zauberwort »Schengen« solch unmittelbare lokale Kraft entfaltet wie am Fuße des Beskidengebirges. Langsam gewöhnen sich die Teschener links und rechts der Olsa wieder an ein unbegrenztes Stadtleben, feiern gemeinsame Stadtfeste und lassen Krankenwagen (auch mal widerrechtlich) dorthin fahren, wo es eben gerade nötig ist.

Was dies alles mit dem Protestantismus zu tun hat?

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Teschen ist ein Beispiel dafür, wie konfessionelles Bewusstsein geschichtsmächtig werden kann. Seine Lage und Geschichte, die es immer wieder zum Zankapfel machte, ist eng mit dem evangelischen Bekenntnis verbunden, enger als irgendwo sonst in Ostmitteleuropa. Fragen der Mentalität, der Nation, der Sprache, der Kultur, mithin jene Fragen, die Teschen teilten und wieder verbanden, die anziehend und irritierend wirkten, waren und sind hier auch Fragen der Konfession.

Evangelische Polen aus Teschen begründeten 1918 mit ihrer Konfession, warum das Land als besondere Note im ansonsten tiefkatholischen Polen unverzichtbar sei; umgekehrt führte der tschechische Staatsgründer Edvard Benes gegenüber den Alliierten an, das Teschener Land gehöre unbedingt zur Tschechoslowakei, weil die dort lebenden Polen oft Protestanten seien und daher im katholischen Polen fehl am Platz. Kirchlich heimatlos gewordene evangelische Polen, Tschechen und Deutsche gründeten nach 1918 gleich drei lutherische Kirchengemeinschaften und sorgten damit für eine in Ostmitteleuropa beispiellose protestantische Vielfalt. Und unter den Polen auf der tschechischen Seite gibt es eine  Doppel-Identität als zweifache Minderheit, national und konfessionell.

 Ein Spaziergang durch die besondere evangelische Welt links und rechts der Olsa beginnt im polnischen Cieszyn, wo sich Marcin Gabrys, Archivar und Bibliothekar der Jesuskirchengemeinde, über eine Vitrine in dem kleinen Protestantischen Museum auf der zweiten Kirchenempore beugt: Unter Glas behütet liegt dort jener metallene habsburgische Doppeladler, der 1709 auf dem Gnadenstab des kaiserlichen Bevollmächtigten steckte, als dieser vor den Toren der Stadt den Bauplatz für das Gitteshaus abmaß.

teschen-gnadenkircheDas kostbare Exponat erinnert an einen kurzen Augenblick der Schwäche des habsburgischen Kaisertums: 1707 hatte sich Kaiser Joseph I. vom schwedischen König Karl XII. die »Altranstädter Konvention« abringen lassen müssen. In seinem Respekt vor der draufgängerischen Kraft des evangelischen Schwedenkönigs, machte der Kaiser in Schlesien einige religionspolitische Zugeständnisse: 125 Kirchen, die den Evangelischen seit dem Abschluß des Westfälischen Friedens von 1648 abgenommen worden waren, wurden zurückgegeben, außerdem genehmigte Joseph den Bau von sechs »Gnadenkirchen« in jenen Gegenden, in denen keine evangelischen Kirchen bestanden. Fünf davon entstanden in Niederschlesien, eine einzige, die Teschener, in Oberschlesien. Sie ist die einzige, die bis heute als Kosciol Jezusowy in evangelischer Nutzung steht.

»Ungefähr 40 000 Menschen aus dem weiten Umland gehörten zu dieser Gemeinde«, berichtet Gabrys. Unter ihm breitet sich ein gewaltiger Kirchenraum aus, der einen prächtigen Altar und eine kostbare Orgel besitzt, ansonsten aber nur weiße Wände und Platz, Platz, Platz. 8000 Menschen konnten in der Teschener Gnadenkirche der Predigt lauschen, davon 5000 sitzend – es ist ein Raum, der bis heute vom Besucher Ehrfurcht vor der Glaubensstärke der schlesischen Protestanten einfordert. 

Kleine Details erzählen aus der einzigartigen Geschichte der Kirche: Die Büste Karls XII. etwa im Altarraum, die der Gemeinde 1935 von einer schwedischen Delegation geschenkt wurde, oder die verschließbaren Gesangbuchkästen unter den Bänken – das konfessionelle Tauwetter im Habsburgerreich war nämlich nur von kurzer Dauer, und schon bald konnte es wieder gefährlich werden, mit einem evangelischen Gesangbuch im Gepäck auf dem Weg nach Teschen erwischt zu werden. Unter denjenigen, die sich Sonntag für Sonntag gefahrvoll zur Jesuskirche aufmachten, waren übrigens auch die Vorfahren von Jerzy Buzek, dem früheren polnischen Ministerpräsidenten – ihr Namenseintrag findet sich bis heute auf einer Kirchenbank.

Die Jesuskirche, von hohen Bäumen umgeben und nur aus der Ferne in ihrer ganzen Größe wahrzunehmen, wurde zur »Mutterkirche vieler Länder«, wie der Kirchenhistoriker Oskar Wagner formuliert hat. Von hier aus gelangten die Gedanken der Pietisten nach Ostmitteleuropa, von hier auswurde evangelisches Schriftgut in vielen Sprachen umgeschlagen, so etwa über den Jablunkapaß hinüber nach Oberungarn, die heutige Slowakei.

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Als 1781 das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. den evangelischen Glauben erlaubte, war die Jesuskirche (außer den Kirchen im Ascher Ländchen) die einzige evangelische Gemeinde in den Ländern der habsburgischen Krone, von Triest bis in die Bukowina. Österreichs erste evangelische Pfarrer und die erste evangelische Kirchenbehörde  kamen vom Kirchplatz in Teschen, einem stattlichen Ensemble aus Schul- und Pfarrhäusern. 

Seltsamerweise spielt diese europäische Dimension im Selbstverständnis der Cieszyner selbst keine Rolle. Eine lokale Broschüre räsoniert lapidar über eine Kirche in Spätbarockstil, neben der sich ein ehemaliger Friedhof befindet. Nur gut 1000 Touristen verirren sich pro Jahr hierher; die Kirche verkauft sich weit unter Wert. Auch die einstmals in der Kirche gepflegte Zweisprachigkeit aus Deutsch und Polnisch kann man nur anhand alter Schriften erahnen, die in den Museumsvitrinen ausliegen. 

 Protestanten stehen bei der katholischen Bevölkerungsmehrheit in Polen seit jeher unter Generalverdacht, irgendwie Deutsche zu sein. Das verlangt nach Abgrenzung. In einer Teschener Denkschrift aus dem Jahr 1918 etwa heißt es: »Wir wollen unsere Kirche von dem Vorurteil befreien, unter dem diese Kirche in den Augen des polnischen Volkes leidet, dass sie Bote und Werkzeug irgendeines »deutschen Gottes» und der preußischen Pickelhaube sei».

Dabei ist die Einschätzung schon damals verkehrt gewesen, und heute erst recht: Archivar Gabrys pflegt seinen erstaunten Besuchern aus Polen  vorzurechnen, dass – prozentual gesehen – in Polen mehr evangelische Geistliche in Hitlers KZs starben als katholische. In der Jesuskirche etwa erinnern über den Kapelleneingängen Gedenktafeln für Karol Kulisz und Jósef Nierostek, die beide dem NS-Regime zum Opfer fielen.

Nein, von der Jesuskirche aus schaut man nur nach Polen, wo insgesamt nur etwa 70 000 Evangelische leben, und zwar in zwei Teilen, wie Pfarrer Tomas Chudecki weiß: »Der eine Teil ist eine riesige Diaspora, der andere Teil sind wir im Teschener Schlesien.» Dazu gehört auch das Städtchen Wisla (Weichsel), Polens einziger Ort mit evangelischer Bevölkerungsmehrheit. 

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Ein gutes Zehntel aller polnischen Protestanten gehört allein zur Gemeinde Cieszyn, von der aus noch neun Außenstellen mit eigenen Kirchen betreut werden. Nicht nur prägt die Jesuskirche das Stadtbild; zwei Querstraßen weiter  steht inmitten eines Parks das Szpital Slaski (Schlesisches Krankenhaus), eine evangelische Gründung aus dem Jahr 1892; und noch ein Stück weiter entlang der Straße nach Bielsko-Biala liegt, mit Blick zum Jesuskirchturm, der weitläufige Cmetarz ewangelicki (Evangelischer Friedhof) mit seinen zum Teil liebenswert archaischen Grabsteinen, die hierzulande längst einer friedhofsamtlichen Geländeerneuerung zum Opfer gefallen wären. Cieszyn ist Polens evangelisches Gewissen.

Drüben in Ceský Téšin sind die Verhältnisse ungleich verwirrender und damit auf gewisse Weise typisch evangelisch. Nach der Zwangstrennung von 1920 bildeten sich dort drei neue Kirchengemeinschaften: Die Tschechen schlossen sich den »Böhmischen Brüdern« an, die Deutschen der neu gegründeten »Deutschen Evangelischen Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien« und bauten eine eigene »Martin-Luther-Kirche«. Die Polen gründeten mit der »Schlesischen Kirche A.B.« eine ganz neue Kirchengemeinschaft, die bis heute besteht und ihren Sitz und ihre Hauptkirche (Na Nivach) in Ceský Téšin hat.

Die »Martin-Luther-Kirche« (Na Rozvoji) gehört nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach 1945 inzwischen den Böhmischen Brüdern an – übrigens als einzige Gemeinde der Böhmischen Brüder, die ausdrücklich das Augsburgische Bekenntnis wahrt. Inzwischen gibt es außerdem zwei Pfingstgemeinden, eine Freie Evangelische Gemeinde und zu verwirrender Letzt auch noch eine »Lutherische Kirche« mit einigen Gemeinden, die sich im Streit über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit in der kommunistischen Ära von der Schlesischen Kirche abspaltete. Macht allein sechs evangelische Kirchen – und das im nachweislich säkularsten Land Europas. Auch auf der tschechischen Seite tickt diese Stadt konfessionell anders als jede andere.

Ein Gespräch mit Jósef Szymerczek gibt einen schmalen Einblick in das komplizierte Identitätsdickicht, das hier in Jahrhunderten gewachsen ist. Szymerczek ist Pole, aber tschechischer Staatsbürger. Der »Kongreß der Polen in der Tschechischen Republik«, dem Szymerczek vorsteht, zählt ungefähr 52 000 Menschen, von denen die meisten im Teschener Schlesien leben und etwa ein Fünftel evangelisch ist. Die Straßennamen in Ceský Téšin sind zweisprachig, wobei der tschechische Straßenname oben steht. Das Türschild zu Szymerczeks Büro mit der Aufforderung »drücken« ist auch zweisprachig, aber das polnische Wort (»pchac«) steht oben. Das ist aber auch schon die ärgste nationale Aufwallung, die man hier zu spüren bekommt. 

Minderheiten begegnen in der Öffentlichkeit fast immer klagend. Das tut Szymerczek nicht: »Mich fasziniert die Kreativität der Minderheit.« Er fühlt sich vor allem als Schlesier, über die »polnischen Polen«, eine nur auf den ersten Blick widersinnige Formulierung, spricht er nämlich distanziert: Der übermächtige Katholizismus ist ihm fremd, die tschechischen Polen hält er für liberaler, bürgerlicher, was nicht zuletzt der evangelischen Tradition des Gebietes entspringe: »Dank der evangelischen Pfarrer waren hier auch die einfachen Leute gebildet.« 

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Theologisch spiegelt sich diese Liberalität übrigens in der Frage der Frauenordination, die auf der tschechischen Seite längst eingeführt ist, in Polen aber bis heute eisern abgelehnt wird. Und dass man einen evangelischen Pfarrer in Polen niemals ohne Kollar antrifft, ist kein Zufall.

Die Erinnerung an die Zeit der konfessionellen Bedrängnis unter den Habsburgern wird übrigens auch auf der tschechischen Seite gepflegt. Nach einer langen Irrfahrt durchs Beskidengebirge, den letzten Kilometer zu Fuß durch unwegsames, unbeschildertes,  Waldgelände, tritt Pfarrer Marek Rican von der »Schlesischen Kirche« auf einmal auf eine Lichtung, in der rings um einen Gedenkstein Holzbänke gezimmert sind. In dieser Abgelegenheit trafen sich im 18. Jahrhundert die evangelischen Schlesier aus dem Teschener Hinterland mit Pfarrern aus der Slowakei, um heimliche Gottesdienste im Grünen zu feiern. In den 1930er Jahren hat man dieses »Toleranzdenkmal« errichtet, und bis heute finden hier Gottesdienste statt. 

Die Zeit der konfessionellen Bedrängnis ist hier wie in allen Gegenden des Habsburgerreiches unter den Protestanten nicht vergessen. Die Erinnerung kommt nicht nur aus Büchern oder Denkmälern, sondern lebt unmittelbar weiter. Marek Rican kennt sie von seiner schlesischen Großmutter, und die wusste es von ihren Eltern und Großeltern. Wenn  Toleranz ein Beitrag Europas für die Welt ist, dann speist sie sich aus leidvollen Erfahrungen wie diesen.