Des Kaisers neue Kirche (Reportage)

Der Berliner Dom wurde einst von Kaiser Wilhelm II. als »Hauptkirche des Protestantismus« gebaut. Das monumentale Bauwerk zeugt bis heute vom Selbstbewusstsein des wilhelminischen Deutschland - und von der ungesunden Nähe der Kirche zum Staat.  

BE-TreppenhausschildDer Kaiser dankte 1918 ab. Der Staat Preußen wurde 1947 formell aufgelöst. Über Berlin gingen zwei Weltkriege, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, der Kalte Krieg mit der deutschen Teilung und die Wiedervereinigung hinweg. Berlin erfindet sich seit 1990 jeden Tag neu, Berlin ist Wandel, Dynamik, Moderne, Zukunft.
Und dann dieses Schild im Domtreppenhaus: weißes Emaille, knallrote Buchstaben. Ein wenig verschmutzt, ein wenig verbeult und angeschlagen, ansonsten aber unversehrt. Jeden Tag schlurfen hunderte oder tausende von Touristen aus aller Welt vorbei und staunen. Die Aufschrift lautet: »Aufgang für den Hofstaat, für Diplomaten, Mitglieder des Bundesrats, Reichstags, Herrenhauses, Landtags und für höhere Beamte.«
Auf dem Schild ist es noch 1905. Anachronistischer geht’s nicht.
Dabei ist das Schild nur die Spitze des Eisbergs. Genau genommen ist der ganze Berliner Dom ein gewaltiger Anachronismus, aus der Zeit gefallen in all seiner aufgeblasenen Pracht, seiner  wilhelminischen Herrschaftsarchitektur. Dieses Gotteshaus ist genauso, wie die Evangelische Kirche in Deutschland einmal war, aber seit Jahrzehnten nicht mehr sein möchte: Hierarchisch, streng, elitär, prachtvoll. Er ist ein Symbol für den Irrweg, den der Protestantismus in Deutschland in seinem Buhlen um Einheit mit Nation und Vaterland hinter sich hat. Aber gleichzeitig ist der Dom natürlich ein Kulturdenkmal ersten Ranges: Nach dem Willen von Kaiser Wilhelm II. sollte er die neue Hauptkirche des Zweiten Kaiserreiches sein, mehr: Die neue Hauptkirche des Protestantismus, als dessen Führungsmacht sich das neue evangelisch regierte Deutschland verstand. Nicht kleckern, sondern klotzen, lautete die Devise.
»Der Dom ist als ein Zeichen gebaut,« sagt Dombaumeisterin Charlotte Hopf. Bei fast allen Bauwerken erwische man die Architekten dabei, »irgendwas passend zu machen, was nicht hinhaut«. Hier aber nicht: Keine Zufälle, keine Kompromisse, durchdacht bis zum letzten steinernen Faltenwurf.
Alles zusammen, die zweischneidige historische Rolle des Domes und seine herausragende architektonische Größe, nicht zuletzt das eigentümliche Zeitreise-Gefühl auf Kaiser Wilhelms Spuren, machen die Faszination für rund 800 000 Menschen aus, die pro Jahr den Dom besuchen. Er gehört zu den meistbesuchten Kirchen in Deutschland. Dieses Bauwerk zu beleben, ohne seine imperiale Pracht zu zelebrieren, ist eine Herausforderung.

BE_Dom nach 1905Die Baugeschichte des heutigen Berliner Doms begann im 15. Jh. als Kapelle eines neu errichteten kurfürstlichen Schlosses. Friedrich der Grosse ließ 300 Jahre später neu bauen: Das vergleichsweise bescheidene Format stieß den aufstrebenden Preußen aber sauer auf, König Friedrich Wilhelm IV. nannte den zwischenzeitlich innen und außen aufgehübschten Bau gar abfällig eine »verunglückte Orangerie«. Kaiser Wilhelm I. kündigte »die Erbauung eines neuen, würdigen Doms in Berlin als der ersten evangelischen Kirche des Landes« an. Doch erst seinem Enkel Wilhelm II. , der die Vollendung des Baues zu seinem »heiligen Vermächtnis« erklärt hatte, gelang, was Generationen preußischer Herrscher vergeblich angestrebt hatten: 1893 begann der Abriss des alten Domes, elf Jahre später, am 27. Februar 1905, dem 24. Hochzeitstag des Kaiserpaares, fand die Einweihung statt. Das »Heilige Evangelische Reich Deutscher Nation«, das der spätere Hofprediger Adolf Stöcker nach der Kaiserproklamation von Versailles bejubelte hatte, war nicht nur politische Wirklichkeit, sondern auch zu Stein geworden.

Nach dem Scheitern des Kaiserreiches anno 1918 wurde die  üppige Hauskapelle der Hohenzollern über Nacht ihres eigentlichen Sinnes beraubt. Mikrogeschichtlich lässt sich dies an der unterbliebenen Sanierung des Aufzuges im kaiserlichen Treppenhaus ablesen. Im März 1918 hatte der Domküster gemeldet, dass der Aufzug, die Kaiserin an Bord, unterwegs steckengeblieben sei und dringend überholt werden müsse. Zwei Jahre später meldete das Domkirchen-Kollegium lapidar: »Bei der veränderten politischen Lage wird dieser Aufzug gar nicht mehr gebraucht. Es ist deshalb eine Prüfung der Anlage vorläufig nicht erforderlich.«

BE-Dom nach 1945Im Zweiten Weltkrieg wurde der Dom schwer zerstört. Als Ruine taugte er wieder als Symbol – für den Untergang des alten Preußen und aller Fürchterlichkeiten, die tatsächlich oder vermeintlich aus den preußischen Traditionen erwachsen waren. Die DDR-Führung sprengte 1950 das benachbarte Stadtschloß und erbaute an gleicher Stelle den glasreichen Palast der Republik. Dem Dom aber, in dessen Trümmern schon bald nach Kriegsende wieder Gottesdienste stattfanden, blieb dieses Schicksal erspart. Man erwog allerlei Nutzungen, etwa als Schwimmbad oder Tonstudio. Doch am Ende wurde er mit westdeutschem Geld wiederaufgebaut – und zwar als Kirche. 1993, das Rad der deutschen Geschichte hatte sich gerade mächtig weitergedreht, wurde der Dom wieder eingeweiht.  

Der Dom ist, kirchlich gesehen, eine exterritorale Zone, die keiner Landeskirche, sondern unmittelbar der Union der Evangelischen Kirchen (UEK) unterstellt ist Wer auf der Museumsinsel oder am Alexanderplatz wohnt und evangelisch ist, gehört zur Gemeinde St. Petri und St. Marien. Der »Gemeinde der Oberpfarr- und Domkirche« muß man ausdrücklich per Unterschrift beitreten. 1500 Menschen haben das bislang getan, Tendenz steigend.
Ihren Sonderstatus, den ein Hauch von großer Freiheit anstelle von amtskirchlicher Gängelung umweht, bezahlt die Gemeinde aber teuer: Der 4,5-Millionen-Jahresetat speist sich zu 97 Prozent aus selbst erwirtschaftetem Geld, nur rund 135 000 Euro kommen aus Kirchensteuern.
Das Leitbild der Gemeinde definiert den Dom als »Kirche für andere«. Und die kommen in Scharen – entweder als Touristen, als Konzertgäste oder als Gottesdienstbesucher. Der Dom sei im Grunde ein »Dreispartenhaus«, sagt Gudrun Seidewitz, die das Veranstaltungsbüro leitet. Ein Stab von 48 Mitarbeitern von der Kassiererin im Museumsshop bis zum Kaufmännischen Geschäftsführer belebt das Gebäude, manchmal 24 Stunden am Stück: Wenn nämlich nach dem Podestabbau nach einem Konzert nachts um drei Uhr die Putzkolonne anrückt.
Anders als die allermeisten anderen Kirchen verfügt dieser Palast Gottes neben dem eigentlichen sakralen Hauptsaal noch über sage und schreibe 515 andere Räume. In den verwinkelten Gängen hinter den Kulissen, wo die Gästezimmer für auswärtige Organisten oder das Besprechungsatelier der Dombaumeisterin liegen, hat man sich schnell verlaufen.

Es ist Donnerstag mittag, kurz vor zwölf. Draußen am Lustgarten entsteigen zwei japanische Reisegruppen ihren Bussen. Bevor irgendjemand auch nur einen wirklichen Blick auf den Bau geworfen hat, sind schon Bilder in galaktischen Datenmengen im Kasten.
Die Japaner reihen sich in den endlosen Besucherbandwurm ein, der sich vom Portal über»den Kirchenraum, das Treppenhaus, das Museum und den Kuppelumgang, dann hinab in die Hohenzollerngruft und via Museumsshop und Café wieder ins Freie windet. Derweil verteilen am Eingang zur Predigtkirche Helfer zweisprachige Liedzettel, gut 100 Leute bleiben zur Mittagsandacht hier hängen. Das Kommen und Gehen ebbt während der Andacht ab, endet aber niemals ganz.

BE-Freischlad
Betont niederschwellig formuliert der Pfarrer die Einladung zum Gebet: »Wer kann und mag, soll einstimmen ins Vaterunser.« Noch ein Orgelstück, dann ist die Andacht vorbei, der Wissenshunger bei vielen Besuchern aber erst geweckt. Nun schlägt die Stunde für Ortwin Freischlad. Der Ruhestandsingenieur aus dem ehrenamtlichen Kirchenführerteam erwartet am Treffpunktschild mitten  unter der gewaltigen Kuppel die Gäste zu einer von zwölf Führungen täglich, und bei den Besuchern haben sich viele Fragen angesammelt.
Wie viele Pfeifen hat die Orgel? Antwort: 7269. Wie hoch ist die Kuppel? Antwort: 98 Meter, obwohl nach dem Krieg schon verkleinert, früher sogar 114 Meter. Wer steht da vorn in Stein? Antwort: Luther und Melanchthon.
Manchmal fragt auch Freischlad zurück: Wer steht eigentlich so auf der Kanzel? Antwort von Besuchern: Vielleicht der Kanzler?
»Viele wissen nichts mehr«, sagt Freischlad. Mal vermittelt er Basiswissen, mal Feinheiten – wie etwa die Frage, wie sich in der Architektur das Prinzip der Kirchenunion zwischen Lutheranern und Reformierten widerspiegelt, nämlich in der Auswahl der Säulenheiligen (neben Luther und Melanchthon sind auch Calvin und Zwingli vertreten) oder in der Gestalt des Altars, eine Kreuzung aus Tisch (reformiert) und Block (lutherisch). Manchmal gebe es auch gar nichts zu vermitteln, ärgert sich Freischlad – gegen die Macht des Smartphones sei bei Schulklassen bisweilen nicht anzukommen.

Man darf nicht in Versuchung kommen, die Wirkung dieses Kirchenraumes durch Pathos nochmal zu toppen«: Vielmehr müssten »Schlichtheit und Innigkeit das Imperiale unterlaufen«. Das sagt Petra Zimmermann, seit neun Jahren Dompredigerin. Vor einigen Jahren, räumt sie ein, habe der Dom wegen seiner besonderen Gemeindestruktur noch »als eine Art UFO« gegolten. Man begegnete bei Kirchens dem Experiment Wiederbelebung mit Skepsis – jeder Mensch, der hier seinen Mitgliedsantrag unterschrieb, war ja für seine Ortsgemeinde verloren. »Das hat sich aber gewandelt«, sagt Zimmermann, weil inzwischen die Strahlkraft des Domes als evangelischer Leuchtturm anerkannt werde. Diese Strahlkraft hat viele Facetten. Liturgisch gesehen geht es im Dom zumeist konservativ zu, bis hin zum Schweigen der Orgel am Karfreitag. Dass sich die Domkirchengemeinde 1993 eine traditionsbewusste Gottesdienstkultur als zentrale Aufgabe vornahm, stieß in der säkularen Gesellschaft Berlins auf Kritik. Doch anstelle des prognostizierten Schiffbruches erlebt der Dom eine liturgische Blütezeit: Zum normalen Sonntagsgottesdienst kommen um die 600 Leute, und der Dom hat seine Rolle als Kanzel des Protestantismus in Deutschland zurückgewonnen. Zwölfmal im Jahr predigen hier die Landesbischöfe und Kirchenpräsidenten der Gliedkirchen der EKD, mitunter höchst nervös und angespannt.

BE-Orgel
Experimentierfreudiger geht es im Kulturangebot zu, das rund 100 Veranstaltungen im Jahr umfasst. Das reicht von szenisch-getanzten Aufführungen von Bachs Weihnachtsoratorium bis zu Laser-Shows mit Bodennebel -  und natürlich immer wieder Orgelmusik, denn die Sauer-Orgel von 1905 zählt zu den berühmtesten Instrumenten Deutschlands.  Die rote Linie zog das Domkirchenkollegium übrigens bei Karl Jenkins´ »Mass of Peace«: Weil dort der Gesang eines Muezzin vorgesehen ist, durfte das Stück nicht gespielt werden.

Es gibt noch einen Platz im Dom, an dem sich das Zeitreisegefühl besonders aufdringlich meldet. Es ist die Kaiserloge gegenüber des Altarraumes mit mit der Wand aus rotem Samt, die vor allem als Fotodekoration diente, wenn sich Wilhelm, vorne an der Brüstung sitzend, ablichten ließ, dazu das goldene Hohenzollernwappen, die Inschrift: »W II«. Fehlt nur ein Post-it von Wilhelm an der Tür: »Bin eben mal rausgegangen«.
Tatsächlich jedoch ist Wilhelm so weit weg wie kein anderer Hohenzollernherrscher, von denen die meisten in der Domgruft beigesetzt sind. Bevor der letzte Kaiser 1941 im niederländischen Exil starb, verfügte er, man möge seine Gebeine erst dann nach Deutschland überführen, wenn dort die Monarchie wiederhergestellt sei.
Damit wird es wohl vorläufig nichts.