Demutselixier für Wichtigtuer

»Bach ist Anfang und Ende aller Musik«: So charakterisierte Max Reger die historische Bedeutung von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Der berühmteste Musiker der Geschichte, neben Luther die zweite Gestalt des Protestantismus mit uneingeschränkter Weltgeltung, verbrachte 27 Jahre seines Lebens in Leipzig. Nirgends ist sein Erbe so erlebbar wie hier. 

leipzig-bachporträtLudwig Streplitz schielt. August Adolph Schubarth zeigt die rechte Hand, und Jacob Bald hat eine ziemlich große Nase.

Einer mit Doppelkinn schaut nach rechts, der andere nach links.

Aber sonst?

Die dunklen Ölgemälde der Porträtgalerie im Festsaal des Alten Leipziger Rathauses schauen alle gleich aus. Ältere, etwas feiste Herren mit Allongeperücken. Gemalt hat sie der Leipziger Porträtist Elias Gottlob Haußmann (1695-1774).

Die Stadtrichter und Bürgermeister von Leipzig blicken dem Besucher auf bestimmte Weise erstaunlich vertraut entgegen. Denn Haußmann hat auf die gleiche Weise auch ein einziges Porträt für die Unsterblichkeit gemalt.

Es hängt in einem eigenen kleinen Nebenraum, daneben eine Hörstation mit Ruhesesseln und das Gästebuch des Stadtmuseums, was dieses Zimmer als den Höhepunkt des Museumsbesuches ausweist. Das Bild zeigt den Thomaskantor Johann Sebastian Bach im Alter von 62 Jahren.

Es ist das einzige gesicherte Bild von Bach, eine Ikone der Musikgeschichte. Den Maler Haussmann würde ohne dieses Bild kaum noch jemand kennen. Er teilt dieses Schicksal mit anderen Menschen, die Bachs Lebensweg gekreuzt haben: Der Thomasschulrektor Johann August Ernesti zum Beispiel, mit dem Bach Kompetenzstreitigkeiten austrug oder der Schüler Johann Heinrich Geyersbach in Arnstadt, den Bach einen »Zippelfagottisten« nannte.

Wenn, wie vor einigen Jahren, ein bislang unbekanntes Notenblatt mit einer Bach-Arie entdeckt wird, hält die Musikwissenschaft auf dem ganzen Globus den Atem an. Die meisten von uns werden nach spätestens drei Generationen vergessen sein – im Falle Bachs wird nach bald dreihundert Jahren mit Hilfe der Röntgenfloureszenzanalyse ermittelt, aus welchem Bergwerk das Eisenvitriol jener Tinte stammte, mit der die h-Moll-Messe geschrieben wurde.

Ein Besuch bei Bach ist ein Demutselexier für Leute, die sich selber für besonders wichtig halten. Der Meister steht turmhoch über allem, er ist ein universales Phänomen, ein Künstler, der in seinem Metier alle Strömungen bündelte und von dem alles Künftige ausging, eine Kulmination menschlicher Fähigkeit, wie es sie überhaupt nur ganz selten gegeben hat. Man muss nur etwas im Gästebuch des Stadtmuseums zurückblättern, um auf den schlichten Eintrag »Bach is God« zu stoßen, hier von Sarah Carr aus Australien.

leipzig-thomaskircheWer die Thomaskirche besucht, kann sich einer atemberaubenden Kontinuität sicher sein: Jeden Freitag um sechs und jeden Samstag um drei gibt es hochkarätige Chormusik zu hören, meistens Bach und meistens eine der rund 200 erhaltenen Kantaten. Und immer hören wenigstens 1000 Menschen zu. Sie kommen aus Leipzig, Hohenheida und Dölzig, aber auch aus Melbourne, Los Angeles oder Nagasaki. Sie kommen zu Bach, der seit 1949 im Hochchor der Thomaskirche begraben liegt. Auf der Grabplatte liegen immer frische Blumen. Pfarrer Christian Wolff kann in einem Luxus schwelgen, der dem europäischen Protestantismus ansonsten eher fremd ist: »An jedem Wochenende predige ich vor drei- bis viertausend Leuten.«

Hier, zwischen dem evangelischen »Haus der Kirche« und dem unscheinbaren alten Bach-Denkmal, das Felix Mendelssohn Bartholdy in Anwesenheit des Bach-Enkels Wilhelm Friedrich Ernst Bach 1843 errichten ließ, ist das Terrain vollkommen verbacht. Eingerahmt vom Cafe »Johann S.« und dem Restaurant »Bachstüberl« entführt das Bach-Museum in einer modernen Präsentation in die barocke Lebenswelt des Meisters.

Die Bandbreite der Devotionalien, die Bach-Wallfahrer im Museum und im gegenüberliegenden Thomaskirchenshop erwerben können, ist groß, aber geschmackvoll. Renner im Augenblick, sagt Petra Siegert vom Museumsshop, ist ein handgroßes Räuchermännchen mit schwarzem Kittel, das man in diesem Umfeld schnell als JSB identifizieren kann. Es gibt Radiergummis mit dem Bild des gotischen Thomaskirchengewölbes oder T-Shirts mit einer Stimme aus einem bach´schen Violinkonzert. Wer sich die nächsten Weihnachtsplätzchen in den Konturen der Thomaskirche ausstechen möchte – voilà.

Johann Sebastian Bach hatte nach allem, was man weiß, hier kein übermäßig glückliches Leben. Viele Kinder starben in den ersten Lebensjahren. Seinem Schulfreund Georg Erdmann schrieb er nach einigen Leipziger Jahren ernüchtert von einer »wunderlichen und der Music wenig ergebenen Obrigkeit«, unter der er »mithin fast in stetem Verdruß, Neid und Verfolgung« zu leben habe. Im Leipziger Rat hatte man schon Bachs Dienstantritt wenig vielversprechend kommentiert:»Da man nun die Besten nicht bekommen könne, so müsse man mittlere nehmen«. 

leipzig-wieseÜber die Qualität seines jugendlichen Chorpersonals hat Bach einmal selber ein grimmiges Urteil gesprochen: »Summa. 17 zu gebrauchende, 20 noch nicht zu gebrauchende und 17 untüchtige.« Und dann war Leipzig auch noch ein vergleichsweise teures Pflaster, wie Bach in besagtem Brief an Georg Erdmann klagte: »In Thüringen kann ich mit 400 Reichstalern weiter kommen als hiesiges Ohrtes mit noch einmahl sovielen hunderten, wegen der exceßiven kostbahren Lebensarth.«

Wir sind von der überwältigenden Kunst Bachs so geblendet, dass wir uns über derlei Dinge wundern, fast etwas enttäuscht sind, dass der zeitlose musikalische Übervater Bach (als den ihn das Denkmal vor der Thomaskirche darstellt) genau wie jeder andere mit den großen und kleinen Widrigkeiten des Alltags zu kämpfen hatte. Doch nicht zuletzt genau diese Erkenntnis ist das pädagogische Anliegen des Bach-Museums. »Man muss den Leuten erst mal den Respekt vor dem Genie nehmen, dass sie sich überhaupt rantrauen«, sagt Leiterin Kerstin Wiese.

Und so kann man sich dem Meister hier sehr spielerisch nähern, via touch screen und Hörstationen. Möbelstücke oder gar persönliche Wertgegenstände sind rar – es war eine kleine Sensation, als vor einigen Jahren ein aufmerksamer Bachianer an der Deckelunterseite einer Spendentruhe im Meißner Dommuseum das kunstvoll verschlungene Monogramm »JSB« erkannte. Nun steht die Truhe in Leipzig hinter Glas.

In einem lichtdurchfluteten Flügelzimmer in der Villa Thomana mit Blick hinüber zur Thomasschule, einen Kilometer von der Altstadt, sitzt Georg Christoph Biller, seit 1991 der 16. Thomaskantor nach Bach. »Ohne Bach geht es nicht, ohne Bach sind wir nicht denkbar«, sagt Biller ohne Umschweife. Dabei gab es vor und nach Bach prominente Namen unter den Thomaskantoren: Johann Hermann Schein etwa oder Johann Kuhnau, Bachs Vorgänger, später Karl Straube oder Günther Ramin. Leipzig ist Deutschlands erste Musikstadt, man kann kaum einen Schritt durch die Stadt machen, ohne auf den Spuren eines bedeutenden Meisters zu wandeln: Mendelssohn, Schumann, Wagner, Grieg, Reger. Und doch: Bach überstrahlt sie alle.

Weil Bach Musiker und Musikant zugleich gewesen ist, sagt Biller: »Er verbindet Vitalität und Strukturbewusstsein.« Ins Konkrete übersetzt heißt das: »Selbst ein intellektuelles Großwerk wie die »Kunst der Fuge« ist voller musikantischer Impulse.« Bei einer Konzertreise hatten die Thomaner einst Musik von Telemann und eine Bach-Motette dabei. »Der Telemann ging uns mit der Zeit auf den Geist, der Bach nicht«, erinnert sich Biller.

Manchmal sind Dinge so einfach zu erklären.

leipzig-bachgrabMusik ist sinnstiftend und keine bloße Zeremonie«, unterstreicht Biller. Bach wirkt nach ganz innen, und ein guter Beweis dafür ist die Tatsache, dass nur gut die Hälfte der Thomaner aus christlichen Elternhäusern kommt, sich aber im Laufe ihres Thomanerdaseins fast alle taufen lassen. Thomaskirchenpfarrer Wolff hat zum Stellenwert der Musik wenig anderes zu sagen: »Ist doch blöd, wenn manche klagen, dass die Leute nur wegen der Musik kommen.«

Die geistliche Ausstrahlung sei doch die Hauptsache, »wie die Leute das empfinden, ist doch egal, solange sie rausgehen und sagen: Das hat sich gelohnt.«

Mit dem Umweg über das Thomaspfarramt sind wir wieder bei der Thomaskirche angelangt, aus der noch einige Bach-Erinnerungsstätten nachzutragen wären: Das Bach-Fenster des Münchner Glaskünstlers Carl de Bouché aus dem Jahr 1895 auf der Südseite der Thomaskirche. Die Sakristei: Schauplatz einer Ausstellung über Bach. Die Orgel auf der Nordempore: Eigens zusätzlich in die Kirche hineingebaut, um die Werke Bachs besser interpretieren zu können.

So viel Bach! Nur der Drehorgelspieler auf dem Thomaskirchhof macht nicht mit. Er spielt Udo Jürgens.