Das calvinistische Rom

Mit »Debrecen« verbindet die große Mehrheit der Deutschen vor allem den Geschmack einer rötlichen Knackwurst. Das ist nicht frei von Peinlichkeit: Denn Debrecen ist nicht nur die zweitgrößte Stadt Ungarns, sondern eine der Herzkammern der reformierten Kirche und die einzige bis heute protestantisch geprägte Stadt Südosteuropas.

debrecen-gottesdienstFestgottesdienst im Nagytemplomban, der reformierten Großkirche von Debrecen.

Kurz vor Schluß erhebt sich die Gemeinde und singt inbrünstig den »Himnusz«: (hier natürlich übersetzt): »Gib dem Volk der Ungarn, Gott / Frohsinn, Glück und Segen / Schütze es in Kriegesnot / Vor des Feindes Schlägen / Ihm, das lange Schmach ertrug / Schenke wieder Freuden / Denn es büßte hart genug / Schuld für alle Zeiten«.

Die Nationalhymne im Gottesdienst?

»Sie gehört bei uns an hohen Feiertagen dazu«, sagt Emre Iszlai, Pfarrer und Referent in der örtlichen Kirchenkanzlei. Auch die rot-weiß-grüne Nationalfahne ist in vielen reformierten Kirchen Bestandteil des Inventars wie Altar und Kanzel. Teofil Kovács, Bibliothekar im Reformierten Kollegium, sagt es so: »Reformiert sein gehört in Ungarn zum Nationalbewusstsein. Das ist die ungarische Religion«. Die Verbandelung von Protestantismus und nationaler Identität ist kaum irgendwo so intensiv wie in Ungarn. Debrecen ist der Ort, um das hautnah zu erspüren.

Im 16. Jahrhundert, als in Europa die konfessionellen Weichen bis in die Gegenwart gestellt wurden, war Ungarn nach der Niederlage gegen die Türken in der Schlacht von Mohács anno 1526 dreigeteilt. In einem schmalen Gebietsstreifen im Westen herrschten die Habsburgerkaiser als Könige von Ungarn. Im Osten des einstigen Königreiches etablierte sich das weitgehend eigenständige, von den Türken geduldete und mehrheitlich reformierte Fürstentum Siebenbürgen. In Zentralungarn herrschten die Türken selbst, ohne sich um religiöse Angelegenheiten allzu sehr zu bekümmern.

debrecen-kollegiumstich

 

 

 

 

 

Während sich die deutschsprachigen Städter und die Siebenbürger Sachsen dem Luthertum anschlossen, verbreitete sich vor allem unter der ungarischsprachigen Landbevölkerung die helvetische Richtung der Reformation. Spätestens seit 1567 wurde Debrecen zu einem Zentralort der Refomierten: Eine Generalsynode verabschiedete eine Kirchenordnung, die zum Grundgesetz des ungarischen Calvinismus wurde. Die reformierten Fürsten Siebenbürgens hielten jahrzehntelang ihre schützende Hand über die unbefestigte Stadt. Das 1538 gegründete Reformierte Kollegium und das  blühende Druckereiwesen verschafften Debrecen eine Führungsrolle in der ungarischsprachigen Kultur. Das Kollegium nannte man »die Schule des Landes«. Wichtigste Persönlichkeit war der Debreciner Bischof Péter Melius Juhász (1532-1572), den zeitgenössische Spötter auch schon mal als »Papst Peter« bezeichneten – ein erster Hinweis auf den Beinamen der Stadt als »calvinistisches Rom«, der sich im 19. Jh. durchsetzte.

Sehr verspätet setzte nach Vertreibung der Türken in Ungarn die Gegenreformation ein. Sie reduzierte zwar den Anteil der Reformierten im gesamten Land von 80 auf rund 20 Prozent. In Debrecen und seinem Umland verfing sie jedoch kaum. Bis heute lebt ein Großteil der ungarischen Reformierten, die etwa 16 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in dieser Gegend.  Das Wappen der Stadt ist identisch mit dem Wappen der reformierten Kirche in Ungarn.

 Schauen wir uns um! Zweieinhalb Stunden fährt der Schnellzug von Budapest, in die Puszta; von hier sind es nur noch 30 Kilometer nach Rumänien und 120 zur ukrainischen Grenze, dem Ende der Europäischen Union.

Man kann sich in dieser Stadt kaum verirren: Es gibt nur eine Straßenbahnlinie, die der alten Hauptstraße folgend vom Hauptbahnhof zum Stadtwald führt. Bei der Haltestelle Kossuth tér weichen die Schienen ehrfürchtig leicht nach Osten aus, um die gewaltige Großkirche samt Kollegium zu umgehen, das Herz der Stadt und das Herz der reformierten Kirche in Ungarn.

debrecen-grosskircheDie Nachmittagssonne taucht die strenge klassizistische Fassade aus dem frühen 19. Jahrhundert mit ihren zwei Türmen in ein besonders intensiv strahlendes Ockergelb. Im Inneren aber geht es betont nüchtern zu, reformiert eben: Die Wände sind weiß, der einzige Schmuck ist die dreimanualige Orgel mit ihrem klassizistischen Prospekt. Man betritt die Großkirche wie durch einen Hintereingang – betont unspektakulär, ohne einnehmende Sichtbeziehungen zum Altarraum. Das gewichtigste Inventar ist profan: In einer Nische des Kirchenschiffs steht, umgeben von rot-weiß-grünem Nationalflor, der Stuhl, von dem aus der Nationalheld Lajos Kossuth im Aufstand von 1849 die ungarische Unabhängigkeitserklärung verlas.

 "Wir sind nüchtern, ja, aber in einem guten Sinne. Nüchternheit bedeutet Besonnenheit, und das hat die ganze Welt nötig«, sagt Gusztáv Bölcskei, Bischof des Kirchenkreises Debrecen – eine Amtsbezeichnung übrigens, die in der reformierten Kirche ziemlich unüblich ist, weil sie nach Autorität und Macht klingt, die aber auch der Bischof von  Debrecen gegenüber den Gemeinden gar nicht hat. Über der Sitzgruppe in seinem Büro hat der gemalte Johannes Calvin jenen Platz, auf den er in der Kirche wegen des dortigen Bilderverbotes verzichten muss.

Der Bischof hat kein leichtes Amt. Ungarns Dörfer sterben, und mit ihnen die Kirchengemeinden. Mancherorts hält eine Handvoll Aufrechter in Kleinstgemeinden von 40 oder 50 Menschen die Kirche am Leben. Und auch die Folgen jahrzehntelanger kommunistischer Demütigungen sind lange nicht überwunden: Von einstmals über 1000 reformierten Schulen in ganz Ungarn war in der roten Zeit nur das Kollegium von Debrecen als letzte geduldete Einrichtung geblieben. Inzwischen sind es wieder 140 Schulen, die unter reformierter Trägerschaft stehen – aber der Weg ist steinig. Ansonsten hat Bölcskei für die kommunistische Ära noch ein launiges Spottwort übrig: »Die Straße des Friedens führte in Debrecen auf den Schlachthof, die Straße der Freiheit auf den Friedhof und die Straße der Roten Armee direkt zur Großkirche.« So gesehen sei Debrecen die »reaktionärste Stadt Ungarns« gewesen.

Es  ist ein Witz, natürlich. Aber die Bemerkung schlägt die Brücke ins Ungarn der Gegenwart, das Land mit den vielen »Großungarn«-Aufklebern, das Land mit der bedrohten Pressefreiheit und der rigiden Kulturpolitik. Ungarn ist im Augenblick das wahrscheinlich reaktionärste Land innerhalb der Europäischen Union, und man fragt sich schon, ob eine Glaubensgemeinschaft, die nach eigenem Selbstverständnis besonders national-ungarisch daherkommt, dafür nicht besondere Verantwortung trägt. Der Bischof bestreitet es: »Unseren Leuten wird oft eine rechte Schlagseite unterstellt. Soziologische Untersuchungen zeigen aber das Gegenteil.«

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Indes, die Frage schwebt auf dem weiteren Weg zu den Stätten der Debreciner Erinnerungskultur, in der die Symbiose von Ungarntum und reformiertem Glauben beschworen wird, natürlich immer mit. Ede Horsai zum Beispiel, Rektor des Internates am Reformierten Kollegium, ist von der reformierten Verpflichtung überzeugt, Verantwortung in der Welt zu übernehmen und in der Politik nicht neutral zu bleiben: »Dazu gehört auch, für die Freiheit zu kämpfen.«

Aber was ist Freiheit? Horsai, ein stiller Intellektueller, der lieber nochmal in seinem Tee rührt, bevor er ein falsches Wort sagt, ist überzeugt, dass viele reformierte Pastoren mit rechtem Gedankengut sympathisieren. Nach der Pleite mit dem Kommunismus habe die Europäische Union den Ungarn die nächste Enttäuschung bereitet: »Wir wollen keine Sklaven sein, nicht von Moskau, aber auch nicht von Brüssel.«

Es ist ein alter Topos, der hier aufscheint: Der Topos des geknechteten Volkes, der seit der Schlacht von Mohacs in der ungarischen Geisteswelt präsent ist, auch in der Nationalhymne anklingt und im 16. Jahrhundert gar in Analogie zum verfolgten, aber auserwählten Volk der Juden gedeutet wurde. Von den Mongolen verjagt, den Osmanen zerrieben, von den Habsburgern unterdrückt, von den Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg zerstückelt (der Vertrag von Trianon, der Ungarn 1919 über zwei Drittel seines Staatsgebietes nahm, ist bis heute ein nationales Trauma), von den Sowjets geknechtet – und nun von Westeuropa betrogen?

Horsai hat sich vom Europäer zum Europaskeptiker gewandelt, statt der erhofften Freiheit für das Volk sei nur eine gewaltige Banken- und Wirtschaftsunion herausgekommen, ein gigantisches Kolonialisierungsprojekt des Westens, dessen Medien zudem dazu neigten, die Vorgänge in seinem Land ungerecht verzerrt darzustellen: »Ich bin total enttäuscht.«

Ähnliche Töne lässt Janos Györi hören, Literaturwissenschaftler am Reformierten Kollegium, einer, der die Unfreiheit des kommunistischen Systems noch am eigenen Leib erfahren hat. Die Politik aus Brüssel erlebt er als kapitalistische Gleichmacherei: »Alles, was ungarisch war, ist verschwunden.« Die heimische Landwirtschaft liegt darnieder, die Ungarn trinken heute Milch aus Österreich.

Und so treibt der Frust viele kluge Köpfe zur rechten Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten Orban, oder gar zu den antisemitischen Rechtsextremen namens Jobbik. Ein Großungarn-Aufkleber ist nicht gleich Zeichen besonders rechter Ansichten, sondern oft eher eine Flucht vor den Enttäuschungen der Gegenwart, eine Flucht in das Idealbild der ungarischen Nation, das es, wie alle Idealbilder, so wunderbar strahlend niemals gab, auch nicht in den großen Jahrzehnten der k&k-Zeit, als Budapest zur Weltstadt aufblühte.

Die Reformierten bedienten die Großungarn-Sehnsucht im Jahr 2009 mit der Gründung einer Gemeinsamen Synode aller Reformierten ungarischer Sprache aus Ungarn und jenen Ländern, die seit dem Vertrag von Trianon ungarische Minderheiten besitzen: die Slowakei, die Ukraine, Rumänien, Kroatien, Serbien und Slowenien. Zum Festakt kamen 15 000 Menschen, um die »spirituelle Einheit« (Bölcskei)  der Ungarisch-Reformierten zu betonen. Und natürlich gab es nur einen Ort, an dem diese Synode – die übrigens keine juristische Bindungskraft besitzt – zusammentreten konnte: In Debrecen. 

debrecen-kollegiumNoch mehr als die Großkirche erweist das monumentale Gebäude des Reformierten Kollegiums das rot-weiß-grüne Selbstverständnis dieser Kirche. Das mächtige Hauptgebäude mit seinem fürstlichen Treppenhaus vereint mit dem Festsaal, dem Oratorium, der Bibliothek und dem Kollegiumsmuseum gleich vier Erinnerungsstätten – die zahlreichen Plaketten und Fresken an der Außenfassade und im Treppenhaus, über 30 inzwischen, gar nicht mitgerechnet.

Im Festsaal huldigt eine Bildergalerie den großen Köpfen des ungarischen Calvinismus: Professoren, Dichter, siebenbürgische Fürsten. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren reformierte Autoren unter den wichtigen Literaten des Landes im Vergleich zum reformierten Anteil an der Gesamtbevölkerung überrepräsentiert – ein Hinweis auf die prägende Kraft, die diese Kirche auf die ungarische Sprache seit jeher ausgeübt hat. 

Die Bibliothek ist ein Wunderwerk für sich: Mit 600 000 Medien ist sie die größte Kirchenbibliothek Ungarns, die Bestände reichen von mittelalterlichen Codices bis zur aktuellen Gegenwartstheologie. An der Stirnseite von einem der zwei Zwillingssäle unter hohen Gewölbebögen grüßen Calvin und Zwingli, die getäfelten Holzböden und langen Emporen mit schmiedeeisernen Gittern, alles getragen von dunkelgrünen Säulen, sind eine einzige Ermahnung zur Hochachtung des Buches. 

Der Saal gegenüber ist wieder betont nüchtern und bilderfrei, eine schlichte Ansammlung weißer Bänke – es kann dies nur ein gottesdienstlicher Raum sein! Unter der Kanzel zeigt eine Plakette den Platz von Lajos Kossuth an, des Wortführers der legendären Nationalversammlung von 1849, die damals in diesem Raum tagte. Kossuth übrigens war ironischerweise ein Lutheraner.

Schier erschlagen von soviel Geschichtsmächtigkeit tritt man aus den dicken Mauern des Kollegiums frischluftheischend ins Freie – doch dort geht die Unterweisung in national-reformierter Identität erst richtig los. An der Straßenecke zwischen Múzeum utca und Füveszkert utca sorgt eine botanische Besonderheit für die legendarische Grundierung. Einstmals soll dort im Streit mit einem Katholiken ein reformierter Pfarrer einen Zweig mit folgenden Worten in die Erde gesteckt haben: »So wie aus diesem Zweig einmal ein Baum erwachsen wird, so wird der calvinistische Glaube wachsen und gedeihen!« Der Strauch ist erst gut 200 Jahre alt, aber die Geschichte sehr einprägsam.

debrecen-gedenksäuleDann die »Säule der Galeerensklaven«: Sie erinnert daran, dass im Zuge der habsburgischen Gegenreformation 1674 viele reformierte Pfarrer und Lehrer als Galeerensklaven verschickt worden waren. Einige von ihnen – die Überlieferung formte die biblische Zahl 40 - konnte der niederländische Admiral de Ruyter befreien. 1991 legte Papst Johannes Paul II. persönlich hier einen Vergebungskranz nieder, der später in Bronze nachgeformt wurde und nunmehr Bestandteil des Denkmals ist.

Ein paar Schritte weiter wacht der siebenbürgische Fürst István Bocskai (1557-1606) über dem Park. Kurz vor seinem Tod legte er in Siebenbürgen, damals revolutionär in Europa, die Religionsfreiheit fest. Bocskais Image ist patriotisch und protestantisch, mithin nach Freiheit strebend. Da ist es wieder, das Leitwort der ungarischen Geschichte: »Die ganze heutige Politik Ungarns ist nur daraus zu verstehen«, sagt Literaturforscher Janos Györi.

Mit jenem Deutschen, den das Leitwort von der Freiheit sogar bis ins Schloß Bellevue getragen hat, dem Pfarrer Joachim Gauck, ist Györi übrigens öfters im Trabbi vom Rostocker Bahnhof zur Ostsee gefahren.

Aber das wäre eine andere Geschichte.