Bibeln gegen Vogelbeerschnaps

Über 150 Jahre, rund sieben Generationen lang, gaben Bauernfamilien in Österreich ihren evangelischen Glauben im Geheimen weiter. Der »Weg des Buches« führt durch grandiose Bergwelten zu den Schauplätzen des Geheimprotestantismus.

ramsau-peuerbachhaslehnerDer moderne Pilgerweg für Radfahrer und Wanderer, der seit diesem Jahr im bayerischen Ortenburg startet, durch das Salzkammergut und die Weststeiermark führt und  in Agoritschach an der kärtnerisch-slowenischen Grenze endet, folgt in weiten Teilen den Wegen der Bücherschmuggler, die Gebet- und Erbauungsbücher aus Druckereien in Nürnberg und Regensburg zu den Geheimprotestanten lieferten. Viele der evangelischen Gemeinden entlang des Weges haben ihre Wurzeln in den Jahren nach dem Toleranzpatent, das Kaiser Joseph II. 1781 verkünden ließ: Damals bekannten sich in den österreichischen Ländern über 100 000 Menschen zum bis dahin staatlicherseits streng verfolgten Protestantismus. Die »Toleranzgemeinden« bilden die Wurzeln der heutigen Evangelischen Kirche in Österreich, zu der rund 4,7 Prozent der Bevölkerung gehören: Impressionen vom »Weg des Buches«.

 Eine Geschichte beeindruckt Hubert Haslehner besonders. Der Kurator des Schloßmuseums in Peuerbach steht vor einem der vielen Zinnfigurendioramen, die den Verlauf des Bauernkrieges von 1626 nachstellen: Man sieht aufständische Bauern bei der Eroberung von Peuerbach und heranrückende Söldner des bayerischen Statthalters Adam von Herberstorff. Die Bauern überfallen die Söldner. »Der Herberstorff ist ihnen zurück nach Linz entwischt, und auf dieser Flucht hat er drei Pferde zu Tode geritten, so hat er sich vor den Bauern gefürchtet«, sagt Haslehner.

Herberstorff hatte allen Grund, den Zorn der Bauern zu fürchten: Im Jahr zuvor hatte er in Frankenburg die Rädelsführer eines örtlichen Aufstandes unter der Gerichtslinde um ihr Leben würfeln und die Verlierer hängen lassen. Dieses »Frankenburger Würfelspiel« wurde zum Ausgangspunkt des österreichischen Bauernkrieges von 1626, und noch bis ins 20. Jahrhundert hing in vielen protestantischen Haushalten ein Bild des Ereignisses.

Peuerbach, gut 40 km östlich von Schärding gelegen, ist so etwas wie die Hauptstadt der Bauernkriegsereignisse, die, wie alle europäischen Bauernkriege, in einer vollkommenen und entsetzlichen Niederlage der Aufständischen endeten. Die streng obrigkeitsorientierte Habsburgermonarchie musste untergehen, bevor man, meist in den 1920er Jahren, den mutigen Bauern  Denkmäler setzte.

 

ramsau-rutzenmoosAls sich unmittelbar nach dem Toleranzpatent die ersten evangelischen Gemeinden in Österreich formierten, gehörte jene von Rutzenmoos dazu. In dem Dorf am Tor zum Salzkammergut wuchs über die Jahrhunderte nicht nur eines der stattlichsten architektonischen Ensembles der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A.B.) in ganz Österreich, sondern die Gemeinde kann auch mit weiteren Pfunden wuchern: Hier musiziert einer der ganz wenigen Posaunenchöre des Landes, und zwar mit stolzen 40 Mitgliedern, und hier steht seit 2005 das Evangelische Museum Oberösterreich, das anschaulich und professionell Nachhilfeunterricht in Sachen Konfessionsgeschichte gibt.

Einer offensiven Frontstellung gegenüber der katholischen Kirche, wie sie den Evangelischen in Österreich dank der schwierigen Vergangenheit über viele Jahrzehnte zu eigen war, hat man sich wie an den anderen Orten entlang des »Weg des Buches« auch in der Gestaltung des Museums bewusst enthalten. »Wir besinnen uns auf die Gemeinsamkeiten«, sagt Hansjörg Eichmeyer, vordem Superintendent in Oberösterreich und einer der Gründerväter des Museums.

Hallstatt ist anders, schon immer.

Das 700-Seelen-Dorf am Ufer des Hallstätter Sees ist Namengeber für die eisenzeitliche »Hallstatt-Kultur« und besitzt den ältesten Salzstollen der Welt. Beides zusammen, die malerische Lage und die historische Prominenz, führte dazu, dass der Ort 2012 in der chinesischen Provinz Guangdong nachgebaut wurde, spiegelverkehrt, aber im Maßstab 1:1.

ramsau-hallstattDer Anblick Hallstatts vom See her, mit den Häusern am Berg und der Kirche mit ihrem charakteristischen, spitz zulaufenden Turm, ist das wahrscheinlich am meisten fotografierte Bild Österreichs. Die Kirche auf dem Hallstätter Kalenderbild und auch die in China nachgebaute ist, was die meisten Besucher Hallstatts wundert, soweit sie überhaupt mit derlei konfessionellen Fragen etwas anfangen können, die evangelische. In Guangdong dient sie als Ausstellungsraum, nicht als Gotteshaus. 

Weil seit dem China-Coup die Zahl der fernöstlichen Hallstatt-Reisenden sprunghaft zunimmt, wird die Christuskirche zusehends zu einem Info-Fenster in das Christentum. Die Gemeinde hat darauf mit einer kleinen Ausstellung reagiert, die nach Worten von Pfarrer Iven Benck noch ausgebaut werden soll. Tatsächlich ist Hallstatt auch in diesen Sommertagen fest in der Hand von Japanern, Koreanern und Chinesen.  Zuerst waren die Hallstätter empört, als sie von den zunächst heimlich vorbereiteten Kopierplänen hörten. »Inzwischen sind sie stolz«, weiß Benck.

Als in der Gosau, in nächster Nachbarschaft zu Hallstatt gelegen, 1781 das Toleranzpatent verlesen wurde, verbunden mit der Aufforderung an die Bauern, sich gegebenenfalls zum protestantischen Glauben zu bekennen, waren die Einheimischen mißtrauisch und glaubten an eine Falle. Da trat die Holzknechtswitwe Brigitta Wallner mit folgenden überlieferten Worten vor: »Schreibt meinen Namen auf! Von mir weiß es ohnehin jedes, dass ich eine lutherische bin. Dreimal bin ich schon wegen meines Glaubens eingesperrt gewesen. Müßt ihr mich halt noch ein viertes Mal einsperren, wenn es nicht wahr ist, was ihr da sagt.« Prompt folgten ihr über 1000 Menschen, das war fast die gesamte Bevölkerung der Gosau. Eine Gedenktafel  in der Kirche erinnert an die mutige Frau, und dass das kirchengemeindliche Altersheim »Brigittenheim« heißt, ist kein Zufall.

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In der stolzen Kirche sitzt nun Altkurator Franz Lechner und plaudert aus dem Nähkästchen: Wie sich die evangelischen Gosauer einstmals regelmäßig mit den katholischen Rußbachern oben am Pass Gschütt prügelten oder wie schwer man sich in Gosau bis heute mit dem »Dritten Reich« tut, denn natürlich waren auch in Österreich die Evangelischen eine stattliche Portion brauner als die Katholiken. 

Gottlob, manche Dinge haben sich entspannt: Lechner hatte eine katholische Rußbacherin geheiratet; damals gab es in dem Nachbarort einen mittleren Volksaufstand, der katholische Pfarrer verweigerte der Künftigen ihr die Kommunion; heute heiratet seine Tochter wieder hinauf, einen Katholiken natürlich, aber es stört sich niemand mehr dran.

Die Überquerung des Dachsteingebirges ist die zweitägige Königsetappe auf dem »Weg des Buches«. Vom Gosausee geht es vorbei an Bergen, die »Großer Donnerkogel« oder »Große Bischofsmütze« heißen, vorbei an der Hofpürglhütte und unterhalb des Hohen Dachstein über 1000 Höhenmeter hinab in die Ramsau. Die Wege sind authentische Schmugglerwege, selbst in den hochalpinen Abschnitten, glaubt Wolfgang Rehner, bis Herbst 2014 Pfarrer in Ramsau: Denn man weiß, dass die Gosauer Salzträger auf dem Rückweg, wenn die Kraxen leer waren, gerne mal übers Hochgebirge gingen, um Gemsen zu wildern.

Hier oben schlug in den 1990er Jahren die Geburtsstunde des »Weg des Buches«. Von der Ramsau aus wanderten Kurseelsorger und Einheimische auf dem so benannten »Bibelsteig« und erfuhren die Geschichte der Geheimprotestanten, die hier eines ihrer Zentren besaßen: Immerhin hatten sich 1781 127 von 130 Familien zum evangelischen Glauben bekannt. Der heutige Bischof Michael Bünker griff die Idee des Bibelsteigs  auf und verlängerte ihn mit einem Team von Wanderführern, Theologen, Pädagogen und Journalisten bis nach Schärding und Kärnten.

Rehner stammt aus Siebenbürgen, hat aber  die besonderen Anforderungen der Bergwanderung auf einem Weg wie diesem verinnerlicht: Oben auf dem Steiglpaß zieht er stilgerecht eine dicke Bibelausgabe August Hermann Franckes und eine »Praxis Evangeliorum« von Martin Moller aus dem Rucksack, beides Schwarten aus dem 18. Jh., mit denen sich auch die Salzträger abplagten. »Damals lebte der Glaube nur in den Häusern und Familien«, sagt Rehner, womit die Geheimprotestanten, ohne es zu wissen, die Hauptforderung der Pietisten erfüllten: »Es gab es noch kein Outsorcing des Glaubens ins Pfarramt.«

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So wie es heute vielfach geschieht, denn mit Blick auf die alten Traditionen konstatiert er: »Es ist erschreckend wenig davon übrig.« Mit vielen Aktionen erreiche die Kirche nur die Unentwegten, die sowieso immer da sind. Auch die »Ramsauer Toleranzwoche«, die kürzlich zum zweiten Mal stattfand, soll helfen, die stolze Tradition besser mit der Zukunft zu verknüpfen.

Von der Kirche führt der »Toleranzweg« hinauf zum »Predigtstuhl«, einem jener geheimen Orte, an denen bisweilen evangelische Gottesdienste gefeiert wurden. Unterwegs kommt man noch an der Mayerhofer-Scheune vorbei, ebenfalls ein geheimer Treffpunkt: Ein Brett, das an die Wand genagelt ist, diente einstmals als Ablage für die Bibel. Nach dem Bau des ersten örtlichen Bethauses brachte es der Bauer nicht übers Herz, es wegzuwerfen.

Die stolzeste Erinnerung an die evangelische Tradition der Gegend aber ist die Bibel vom Wieserhof. Draußen treibt der Enkel die 18 Milchkühe in den Stall, drinnen blättern Altbauer Hans Wieser das Impressum  auf: Wittenberg 1536, gedruckt von Hans Lufft.  Es ist eine Lutherbibel, erstmals publiziert 1534 in Wittenberg, eine der ältesten, die es gibt, und die älteste in ganz Österreich. Der lederne Einband wird von zwei Metallschnallen zusammengehalten. Die erste Seite fehlt, es geht gleich mit dem ersten von mehreren Vorworten los. Die Seiten sind brüchig, die Frakturschrift ist nur mit Konzentration lesbar.

Die Bibel auf dem Wieserhof wurde von einem Wieserbauern bestellt und bezahlt, wahrscheinlich mit Vogelbeerschnaps. Salzträger aus Gosau bei Hallstatt brachten sie vor beinahe 500 Jahren in Holzkraxen zu Fuß über den Dachsteinkamm. Seither sind dem Bibelkäufer ungefähr 20 Generationen nachgefolgt, noch immer sind der Hof- und der Familienname identisch, und noch immer gehört auch die Lutherbibel zum Hof. Das ist schon deswegen ein Wunder, weil ihr Besitz lange Zeit strafbar und gefährlich war. Beim Abriß des alten Kuhstalls vor gut 90 Jahren, so geht die Familiensage,  konnte man das Bibelversteck, ein Stück doppelten Boden unter dem Vieh, noch sehen.

Inzwischen hat die Bäuerin Hollersaft und  Krapfen mit Steirerkas aufgefahren, evangelische Krapfen übrigens, denn nur oben auf der Ramsau reifte der feine Weizen, dieweil die Katholiken unten im Ennstal mit Roggenmehr backen mussten. Pfarrer Wolfgang Rehner hat beim Durchsehen des Einbandes einige handschriftliche Notizen gefunden, die aber entweder noch ganz jung sind – von 1820 – oder nicht lesbar. Sie führen nicht weit genug in die Vergangenheit, um eine Anknüpfung an die Zeit des Drucks herzustellen.

Das fehlende Titelblatt wundert ihn nicht; fast alle alten Druckwerke, die auf den Höfen in der Ramsau seit der Zeit des Geheimprotestantismus im 17. und 18. Jahrhundert aufbewahrt werden, sind derart kastriert. »Die katholischen Religionskommissäre konnten meist nicht lesen, aber den Schriftzug Martin Luther haben sie dann doch erkannt«, weiß Rehner.

ramsau-wieserbibelVor einigen Jahren wollte sich Hans Wieser seine Hofbibel versichern lassen. Vergessen Sie es, sagte der Mann von der Versicherung: Dieses Buch ist mehr wert als der ganze Hof. So liegt sie in einem sicheren Banksafe und wird nur für angemeldete Interessenten in der Stube aufgeschlagen.  Wäre es denn denkbar, das kostbare Stück in einer Notzeit zu versilbern? Den Wiesers steht schon beim Gedanken das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Es wäre wohl ebenso abwegig, den Papst nach seinen Heiratsabsichten zu befragen. Hans Wieser schüttelt eindringlich den Kopf: »Da denkt man doch gar nicht dran.« 

Über die Schladminger Tauern führt der »Weg des Buches« hinunter nach Kärnten, wo in Fresach noch ein kultureller Höhepunkt wartet: Hier steht das einzige original erhaltene Bethaus aus der Frühzeit des Toleranzpatentes, als es den Protestanten noch  verboten war, ihren Gebäuden die Anmutung einer Kirche zu verleihen. Der Boden und das Gestühl sind roh, die Atmosphäre ist heimelig.

Von der Kärntner Landesausstellung 2011 ist die packende Architektur des neuen Diözesanmuseums geblieben, das zusammen mit  Kirche, Pastorenhaus und Toleranzbethaus das »Evangelische Kulturzentrum« bildet.  Auch in Fresach war die Konfession bis in die Gegenwart derart identitätsstiftend, dass sie ins Gemeindewappen von 1978 Eingang fand: Es zeigt unter anderem einen Abendmahlskelch und eine Hostie.