Angestaubte Erinnerung (Reportage)

Luther, Bach, Bonhoeffer: Der Protestantismus hat sich seine zeitlosen Ersatzheiligen geschaffen.  Doch nicht alle haben Bestand. Der schwedische König Gustav II. Adolf, der in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert hinein enorme Popularität besaß und Namengeber für das größte evangelische Diasporawerk wurde, steht inzwischen nur noch in der zweiten Reihe. Einmal im Jahr wird die Erinnerung entstaubt, am 6. November in Lützen in Sachsen-Anhalt.  


LZ-Landsknechtevorkapelle

Festakte sind mühsam. Die Choreographie ist exakt getaktet, nichts darf aus der Reihe scheren. Am Schluß atmen alle auf, die Veranstalter, weil alles geklappt hat, und die Besucher, weil es endlich zum Buffet geht.
Die Vorfreude auf die warme Suppe im Gasthaus „Röter Löwe“ macht sich schon fast breit an diesem freundlichen Novembervormittag in Lützen, als es doch noch eine kleine Überraschung zu bestaunen gibt. Die würdigen Herren in Anzug oder Uniform, die Seit an Seit aufgereiht entlang der schnurgeraden Bundesstraße 87 stehen, haben ihre Kränze niedergelegt am Gustav-Adolf-Gedenkstein, der hier außerhalb der Stadt unter einem eisernen Baldachin liegt. Stein und Straße trennt nur ein Gehsteig.
Die Dame am Mikrofon hat eben ihre Routinefrage gestellt, ob sie bei der Aufrufung der Gäste mit Kranz auch keinen vergessen hat („Der Militärattaché der Botschaft von Finnland! Die Reichsvereinigung Schwedenkontakt aus Göteborg! Die Freie Gesamtschule Gustav Adolf in Lützen!“), da nähert sich von der Kapelle her ein bunter Trupp schwedisch-schottischer Landsknechte mit Spieß, Fahne und Hellebarde. Die Spaßgesellen haben einen Kranz dabei, bilden ein Fahnenspalier vor dem Baldachin und hinterlegen den Kranz als Gruß einer gewissen „Grünen Brigade“. Die Zuschauer zücken ihre Smartphones und fotografieren, was das Zeug hält – so ein buntes Bild kriegt man von dieser ernsten Veranstaltung nicht alle Tage. Dieweil Pfarrer und Bürgermeister noch rätseln, wer diese Jungs eigentlich sind, die niemand bestellt hat, löst sich alles auf, die Suppe ruft.

LZ-gemälderäuber

Erinnerung ist ein schwieriges Geschäft. Manchmal gibt es ganz klare Gleichungen: Holocaust = schlecht, Mozart = gut.
Im Falle des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1594-1632) ist die Sache komplizierter. Er war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung unter den damals regierenden Fürsten Europas. Er war intelligent und gebildet; er sprach sieben Sprachen und war vielseitig interessiert, er war nicht trunksüchtig, huldigte nicht der Völlerei oder einem anderen spleenigen Hobby. Er war tiefgläubig und besaß ein schier unwiderstehliches Charisma.
Er führte Kriege, Kriege, Kriege, und zwar schon lange, bevor er mit seiner Landung auf der Ostseeinsel Usedom im Sommer 1630 für zwei kurze, aber folgenreiche Jahre in der deutschen Geschichte aufkreuzte. Gustav Adolf träumte davon, Schweden zur europäischen Großmacht zu machen, ein riesiges Land mit kaum 1,3 Millionen Einwohnern, ohne Industrie und Verkehrswege, ein archaisches Bauernvolk an der Peripherie der Zivilisation. Und das gelang ihm - nicht nur durch seine blutigen Feldzüge, sondern auch durch kluge innenpolitische Reformen.
Was ihm aber vor allem gelang und im evangelischen Bewusstsein Europas unsterblich gemacht hat, war die geschickte Verknüpfung seiner eigenen schwedischen Interessen mit denen des Protestantismus. Die Armee Wallensteins stand 1630, auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges, an der Ostsee. Das kaiserliche Restitutionsedikt legte, wie der berühmte Historiker Leopold von Ranke formuliert hat, „die Axt an die Wurzel der Reformation“, überall im Reich wurde nach Kräften rekatholisiert. Von den unschlüssigen und zerstrittenen deutschen Protestanten, deren Anführer Johann Georg von Sachsen im Kanzleiverkehr schon mal despektierlich „Bier-Jörgen“ genannt wurde, was tief blicken lässt, war nichts zu erwarten.
Gustav Adolf ließ sich als biblischer „Löwe aus Mitternacht“ feiern, der dem bedrängten Volk Gottes zu Hilfe kommt. Innerhalb eines Jahres kehrte er die Verhältnisse um: Nach seinem sensationellen Sieg in der Schlacht von Breitenfeld im Oktober 1631 stand ihm Europa offen. Binnen Wochen besetzte er die Fürstbistümer der „Pfaffengasse“ bis nach Mainz, ein Jahr später marschierte er in München ein, dem Zentrum der Gegenreformation. Seine Truppen gelangten bis nach Memmingen. Schweden hielt mit französischer Hilfe das Heilige Römische Reich im eisernen Klammergriff, bis sich der reaktivierte Feldherr Wallenstein wieder ins Geschehen einmischte.
In Lützen trafen beide Armeen unverhofft aufeinander. Die blutige Schlacht am 6. November 1632 hatte keinen militärischen Sieger, aber den prominentesten Kriegstoten des Jahrhunderts: Vermutlich weil er ohne seine Brille in die Schlacht reitet, verirrte sich der König inmitten von Nebel und Kanonenrauch in die feindlichen Linien und wurde dort niedergemetzelt – ein unfassbar profanes Ende für eine solche Heldengestalt.
 LN-Meuchen                 
„Ziehen Sie sich warm an!“ Das ist, 383 Jahre später, der meistgehörte Appell vor Beginn des Lützener Gedenkmarathons. Die beiden Schauplätze, die Dorfkirche von Meuchen und die Gedächtniskapelle, sind nämlich nicht nicht heizbar.
Das spielt aber diesmal keine Rolle, denn der November meint es milde. Fotos von früheren Gedenkfeiern zeigen lange Spaliere von Uniformierten, an denen die Teilnehmer via Prozession vorbeischreiten.  So ähnlich ist es diesmal auch in Meuchen, aber unfreiwillig. Die Spaliersteher sind die Mitglieder des Akademiska Kören aus Göteborg, die sich draußen in Frack und Fummel noch die Beine vertreten, bevor sie auf die Empore steigen. An der Fassade prangt in Riesenlettern ein Spruch aus Luthers Feste-Burg-Choral: „Das Wort sie sollen lassen stahn!“, davor weht die schwedische Fahne. Die Kirche ist zweimal im Jahr proppenvoll: An Weihnachten und heute.
Nach einer guten halben Stunde wartet draußen der Bus auf die immer fröhlichen Schweden. Ein langer Autokonvoi schlängelt sich durch Lützen und endet drüben an der Gedenkstätte. Dass die vier Blechbläser ihre Noten in einer IKEA-Tasche dabeihaben, ist noch Zufall, nicht aber die blaugelbe Färbung der Lokalität. Lützen gehört heute zu Schweden.
Oben auf der kleinen Empore packt Eberhard Paff die Posaune aus. Er hat noch die großen Festzüge von der Stadt hinaus zum Denkmal gesehen, damals, bis in die 60er Jahre. Er war seither fast immer dabei, erst mit dem Posaunenchor Lützen, den es aber nicht mehr gibt, dann mit dem aus Bad Dürrenberg. Den gibt’s auch nicht mehr. Nun sind sie noch zu viert, ausgeliehen sozusagen vom Posaunenchor Leuna, der die versprengten Reste der anderen aufgenommen hat.

LN-Festaktkapelle
Auch der Kirchenchor, der von unten singt, hat sicher schon bessere Tage erlebt. Der Kinderchor der Gesamtschule Gustav Adolf bekommt zwar Szenenapplaus, aber man ist dann doch froh, dass auch die Schweden wieder ihrem Bus entstiegen sind und einige Volksweisen zum Besten geben.
Nein, diese Kapelle mit den weinenden Engeln auf dem Altarbild, links und rechts gesäumt von Gustav Adolf und Luther, ist nicht als Freudenort gebaut, auch wenn hier regelmäßig Trauungen stattfinden. Das liegt in der Luft.
                     
Augenblicklich nach dem Tod Gustav Adolfs versuchte die protestantische Seite aus dem tragischen Unglück einen Opfertod für die gute Suche zu machen. Aus dem alttestamentarischen „Löwen aus Mitternacht“ wurde der „Pelikan, der für unser Wohl sein Blut vergoss“, wie der finnische Pfarrer Jacob Petrejus dichtete, der Pelikan, der mit einem eigenen Blut seine Kinder nährt - eine den Zeitgenossen vertraute Symbolik für den Tod Christi.
In Lützen karrt schon kurz nach dem Tod ein königlicher Reitknecht zusammen mit 13 Bauern aus dem nahen Meuchen, wo der tote König unmittelbar nach der Schlacht aufgebahrt war, einen Granitfindling an die  Stelle, wo der König umkam. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehren sich Stimmen wie die des schwedischen Schriftstellers Bernard von Beskow, der 1819 nach einem Besuch in Lützen notiert: „Ein Schwede kann sich niemals dem Schlachtfeld von Lützen ohne ein Gefühl des Stolzes nähern“. Die Rührung des Literaten geht so weit, dass er sich einen Vorschlaghammer besorgt, um ein Stück des Gedenksteines mitzunehmen. Beskows Granitkiesel gehört heute zum Inventar der königlich-schwedischen Rüstkammer in Stockholm, derzeit ist er im Schloßmuseum von Lützen ausgestellt.

Genau 200 Jahre nach seinem Tod feiert der König dann eine eine erstaunliche Auferstehung. Gut 20 000 begeisterte Protestanten bejubeln ihn am Lützener Schwedenstein mit Glanz und Gloria. Noch am gleichen Abend entsteht die Idee, dem König ein „lebendiges Denkmal“ zu setzen. Kurze Zeit später wird das Gustav-Adolf-Werk gegründet,  das bis heute von Leipzig aus Protestanten in der Diaspora unterstützt. Fünf Jahre später wird über dem Stein das eiserne Gustav-Adolf-Monument eingeweiht. Die Pläne stammen von Karl Friedrich Schinkel, dem Hofbaumeister der preußischen Könige.
Nun ist kein Halten mehr. Die Schweden feiern Gustav Adolf als Symbol der „großen Zeit“ des Landes, die bis heute in der Nationalhymne von 1844 beschworen wird, die deutschen Protestanten als ihren vornehmsten Glaubenskämpfer. Der Schwedenstein an der Ausfallstraße von Lützen wird zum nationalen Wallfahrtsort, die jährliche Gedenkfeier expandiert zum kleinen Staatsakt, Prozession inklusive. Da ist die Kneipe neben dem Denkmal nicht mehr zeitgemäß: Sie wird ein Stück stadteinwärts versetzt, stattdessen entsteht 1907 am Ort des schicksalhaften Geschehens eine Kapelle. Die Stadtväter genehmigen sich ein neues Rathaus: Vom Erker grüßt ein steinerner Gustav. Lützen heißt jetzt „Gustav-Adolf-Stadt“.

LN-Schwedenstein
Die Verehrung überdauert den Zusammenbruch des Kaiserreiches mühelos. Die Nazis planen ein gigantisches Nationalmonument auf der anderen Straßenseite, schaffen aber nur den repräsentativen Ausbau des Gasthofes „Roter Löwe“ im Stadtzentrum und die Benennung des Schloßparks als „Adolf-Hitler-Park“.
Der Alte Schwede übersteht auch den nächsten Systemwechsel. Die DDR-Funktionäre freuen sich über jede internationale Anerkennung und übersehen geflissentlich, dass die zahlreichen Besuchergruppen aus Annendal bei Göteborg außer Chorsängern auch Bibeln und Bohnenkaffee mitbringen. Ein schwedischer Verwalter namens Svensson hütet das Denkmal so inbrünstig, dass die Mär umgeht, das Gelände sei schwedisches Territorium., „swedish property“, so hat er es auf ein Schild geschrieben.
1989, die Schweden haben sich von ihrem einstigen Nationalhelden längst abgewendet, hat Gustav Adolf letztmals Hochkonjunktur: Gut 42 000 Leute spüren ihm in Lützen nach, wo inzwischen schwedische Holzhäuser die Kapelle säumen. Mit der Wende versiegen die Besucherströme. Nun gibt’s andere Ausflugsziele. Marlies Schwalbe vom Museum Lützen ist froh, wenn es heuer vielleicht noch 7000 Besucher werden. „Seit die Leute wissen, dass die Geschichte von Klein-Schweden eine Legende ist, fehlt der Gedenkstätte das Geheimnisvolle“, sagt Schwalbe. Abhilfe soll das „Massengrab von Lützen“ schaffen, das in den letzten Jahren auf dem einstigen Schlachtfeld gefunden und archäologisch untersucht wurde. Momentan wird es in einer Ausstellung in Halle gezeigt, danach soll es zurückkehren.
                 
Es ist auffällig, dass Pfarrer Armin Pra den Namen Gustav Adolf weder in Meuchen noch in der Kapelle in Lützen erwähnt. Er gedenkt der Toten jener Schlacht, die zu den fürchterlichsten des Dreißigjährigen Krieges gehörte. Das müsse die Zukunftsbotschaft des Lützener Gedenkens sein, sagt er im Gespräch am Tag zuvor: „Friede und Versöhnung.“ Die Breitenfelder, 25 Kilometer weiter, sind schon Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, warum nicht Lützen? „Heldenverehrung ist uns fremd“, sagt Pra. So ähnlich sehen es übrigens auch die Leute vom Gustav-Adolf-Werk. Von der evangelischen Wallfahrt ist etwas schwedische Folklore und das gute Gefühl übrig, dass hier zwei Länder immer Gelegenheit haben werden, sich einander verbunden zu fühlen. Kein Wunder, dass dem schwedischen Botschafter darob später im „Roten Löwen“ das Herz überfließt, wo die Tische mit blauen und gelben Servietten drappiert sind. Wahrscheinlich ist Gustav Adolf nirgendwo in Schweden so populär wie in Lützen.
                      
Die Landsknechte, stellt sich am Ende heraus, haben es weder ironisch noch ewiggestrig gemeint. Sie gehören zum Kostümverein „MacKays Regiment of Foote“, dessen Mitgliedern Geschichte nachspielen. Sie waren tags zuvor in Halle gebucht und haben die Nacht auf dem Schlachtfeld von Lützen verbracht, stilecht natürlich, ohne Zelt – auch eine Form von Erinnerungskultur.