Pioniere des Christentums

Aus dem Touristen-Bilderbuch: Grachten und schmale, aber prächtige Hausfassaden. Hier die Magere Brug, eines der Wahrzeichen von Amsterdam, dort das moderne Rathaus. Und Fahrräder, Fahrräder über Fahrräder.

Jeden Freitag probt im Kellergeschoß der Amsterdamer Diakonie der Obdachlosenchor "Straatklinkers".Aus dem Keller eines prächtigen Klinkerpalais dringt Musik hinaus zur Herengracht: Der Gesang rauer, tiefer Männerstimmen. Die Musik sprudelt so über vor Freude und Begeisterung, dass es den Passanten selbst draußen im kalten Nieselregen noch das Herz wärmt. Ein Koreaner mit großem Fotoapparat wagt sich hinein und erkundigt sich, welche Show hier gegeben wird.

Aber es ist keine. Dies hier ist das echte Leben.

Es probt der Chor der »Straatklinkers«. Die Sängerinnen und Sänger sind heimat-, manchmal sogar obdachlos, und die meisten von ihnen haben schon Dinge erlebt, die man niemandem wünscht. Ein bürgerliches Lebensnetz aus Wohnung, Arbeit und Familie hat keiner. Aber einmal pro Woche, jeden Freitag um elf, haben sie eine Heimat, nämlich einen weißgekalkten Kellerraum unter dem Corvershof, dem Sitz der Diakonie von Amsterdam.

Auf einer kargen Bank vor der Wand sitzt Pfarrer Arend Driessen vom »Straatpastorat«, ein Akkordeon geschultert. Die fünfzehn Männer ringsherum blättern in abgegriffenen Notenordnern. Auf dem Probenplan steht das Seemannslied »John Kanaka«. Rob dröhnt ein Solo, Jussuf, den sie alle Josef nennen, schlägt das Tamburin dazu. Er ist ein lustiger Kerl, er steckt andere mit seiner Begeisterung an, beim letzten Diakoniefest war er der Clown im Familienprogramm.

Beim »My Bonnie« taucht eine Drehleier auf, und beim Lied vom »Waterlooplein«, der niederländischen Version von »Champs Elysees«,  ist auch Tom mit seiner Posaune eingetroffen. Kevin, der zum ersten Mal hier ist und kein Wort Niederländisch spricht, kann Gitarre spielen. »Die »Straatklinkers« haben neulich sogar eine CD aufgenommen; heute wird per demokratischer Abstimmung das Coverbild ausgewählt.
Zwischendurch gibt’s einen Psalm oder eine Ansage von Alfredo. Man erkundigt sich nach einzelnen, die heute nicht da sind. Wenn einer fehlt, kann das ein ganz schlechtes Zeichen sein.

Inzwischen hat die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht. Als die Männer das Lied von der »Klok von Arnemuiden« schmettern, schlägt Johannes die passende Glocke dazu,  und bei der »Zuiderseeballade« tanzen die Solisten inmitten des Stuhlkreises miteinander. Wahrscheinlich herrscht in dieser Stadt, die sich so zwanghaft um Kurzweil für ihre aber- und abertausenden Besucher bemüht, in diesem Moment nirgendwo so glückliche Ausgelassenheit wie im Keller unter dem Corvershof.

Etwa zweimal im Monat treten die „Straatklinkers“ auf, in Kaffeehäusern etwa oder im Gottesdienst in verschiedenen Kirchen. „Da treffen Welten aufeinander“, weiß Pfarrer Driessen. Der Chor gehört institutionell zum „Straatpastorat“ der Diakonie, das schon seit zehn Jahren existiert. Das ist ungewöhnlich lange, denn die kirchliche Wohlfahrtspflege hat in Amsterdam schon vor gut 20 Jahren einen radikalen Kurswechsel vollzogen: Aus dem großen Diakonie-Dampfer mit Altenheimen, Kindergärten und Behinderteneinrichtungen wurde ein kleines Lotsenschiff mit nur noch zwölf Hauptamtlichen. Die Diakonie macht kein sozialpolitisches Rundum-Angebot mehr, sondern versteht sich als gesellschaftliches Notfallkommando.

amsterdam-ijburg„Wir helfen dort, wo kein anderer mehr hilft“, sagt Diakoniechef Matthias de Vries. Das aber nur befristet. Wenn ein System steht, muß es ein anderer übernehmen, damit Luft für neue Projekte entsteht. Neulich, mit dem Nachbarschaftsprogramm „Samen wonen – samen leven“ (Zusammen wohnen und zusammen leben) hat´s mit der Weiterführung durch den Staat geklappt, ein andermal geht ein Projekt vielleicht den Bach runter. Das Risiko besteht immer, räumt de Vries ein: „Wir können nicht über allen Problemen den Schirm von Kirche und Diakonie halten.“ Dazu sind beide schlichtweg zu klein: In Amsterdam gehören von rund 800 000 Einwohnern nur noch etwa 20 000 einer protestantischen Gemeinde an – das entspricht etwa 2,5 % der Bevölkerung. Keine andere protestantisch geprägte Metropole Europas ist derart entkirchlicht wie die Hauptstadt der Niederlande.

Um die Relevanz der organisierten Kirche in Amsterdam in der Gegenwart zu erspüren, ist IJburg ein guter Platz. IJburg ist der jüngste Stadtteil von Amsterdam, gut eine Viertelstunde per Trambahn vom Hauptbahnhof entfernt. Die riesigen Wohnblocks aus Klinkersteinen stehen auf künstlichen Inseln, die man dem IJsselmeer erst in den letzten Jahren abgerungen hat. IJburg ist eine sterile Reißbrettstadt, quadratisch, praktisch, gut, ein Kunstprodukt für 45 000 Menschen. Industrie und Gewerbe waren miteingeplant, Schulen, Kindergärten, Straßenbahnhaltestellen. Aber keine Kirchen.

Im Vergleich zu IJburg ist jedes abgelegene Dschungeldorf  in Papua-Neuguinea ein christliches Zentrum. Als Pfarrer Rob Visser im Juni 2010 im Auftrag der Protestantse Kerk in Nederland in IJburg aufkreuzte, bestand seine Gemeinde aus einem einzigen weiteren Mitglied, nämlich seiner Ehefrau, die mit aus Amersfoort gekommen war. Die »pionierkerk« von IJburg, eine von fünf in den Niederlanden, machte ihrem Namen alle Ehre.

Visser empfängt in einer lichtdurchfluteten Lounge in bunten Farben. Sie könnte vielen Organisationen gehören, die Fremde zum Eintreten und Wohlfühlen motivieren wollen: Tourist Informationen, Versicherungen, Bürgerbüros.  Große Schaufenster machen die Räume dauerhaft öffentlich. Blickfang sind ein Kaffeetresen und eine große Tafelrunde, was an die ursprüngliche Konzeption der Räume als Restaurant erinnert. Ein paar Treppenstufen abwärts schließt sich ein Versammlungsraum mit Flügel und Rednerpult an.amsterdam-visser »In der Bibel steht nichts von Kirchen, sondern von  Jesus«, sagt Visser. Aus dem Zwei-Personen-Unternehmen hat er mit charmantem Selbstbewusstsein und ansteckender Jugendlichkeit eine Gemeinde mit gut 50 Aktiven geformt. 150 Leute, schätzt Visser, sind interessiert und schauen gelegentlich vorbei.

Hinter der Glasfassade von »de binnenwaai« finden Flüchtlingsberatungen statt, Glaubenskurse, Kaffekränzchen mit Kinderbetreuung und Gottesdienste, die Visser aber nicht so nennen möchte: »Es sind Feste, keine Dienste«. Die wichtigste Arbeit aber findet für ihn jenseits der eigenen Räume statt.

»Man muß den Menschen in ihrer eigenen Lebenswelt  begegnen«, ist Pionier Visser überzeugt. Der gute alte Hausbesuch ist sein wichtigstes Arbeitsfeld. Es gehe dabei aber nicht um Bekehrung, sondern um die Botschaft, »dass ich dich als Mensch wichtig finde«.

Eine Reise ins protestantische Amsterdam mit Orten wie IJburg ist etwa aus bayerischer Perspektive eine Reise in die Zukunft nach der Volkskirche. Von rund 800 000 Einwohnern gehören hier nur noch etwa 20 000 einer protestantischen Gemeinde an – das entspricht etwa 2,5 % der Bevölkerung. Von einer regelrechten »Säkularisierung« wollen Experten dennoch nicht sprechen,  denn der multikulturelle Schmelztiegel Amsterdam verzeichnete schon um die Jahrtausendwende erstaunliche 350 verschiedene Glaubensgemeinschaften, Tendenz steigend. Manche bestehen nur aus einer Handvoll Leute, die sich einmal in der Woche in einem Wohnzimmer treffen.

Konfessionelle Traditionen dagegen fielen großenteils dem liberalen Selbstverständnis des Landes zum Opfer. Protestantischerseits wurde der Schwund der organisierten Kirchlichkeit noch verstärkt durch eine fatale Neigung zur Zersplitterung, für die es das Spottwort »Zwei Niederländer, drei Kirchen« gibt. Seit 2004 sind die größten Kirchen in der »Protestantischen Kirche in den Niederlanden«  zusammengeschlossen.

Wenn ein umgebautes Restaurant als kirchliche Basis taugt, braucht es dann überhaupt noch sakrale Räume mit Turm, Orgel, Altar und viel Platz für leere Bänke, zumal diese Räume auch noch Unmengen an Geld verschlingen, das nicht mehr da ist? amsterdam-oudekerk

Die Protestanten in Amsterdam haben sich in den vergangenen rund 30 Jahren in einer unvorstellbaren Konsequenz von ihren Kirchbauten getrennt. Willemien Boot, Gemeindeberaterin im zentralen Kirchenbüro an der Keizersgracht, kann die emotionale Überfrachtung, mit der manche deutsche Besucher das Thema angehen, nicht verstehen. Ihre Stadtkarte hat ungefähr 20 blaue Punkte. Jede steht für eine protestantische Kirche. Zwischen den blauen finden sich ungefähr genauso viele graue Punkte: Jeder steht für eine Kirchenschließung seit den 1980er Jahren. Aus (meist reformierten) Kirchen wurden Einkaufshäuser, Kulturzentren, Restaurants oder einmal gar eine marokkanische Moschee.

»Wir haben doch im Protestantismus eine lange Erfahrung mit der Säkularisierung von Kirchen«, sagt Boot mit Blick auf das 16. Jahrhundert, als die Reformation auch in Amsterdam zahlreiche Klosterkirchen überflüssig machte.

Im 20. Jahrhundert begann die zweite Schließungswelle mit der Zuiderkerk, deren Turm seit Jahrhunderten das Weichbild von Amsterdam mitprägt und von Monet gemalt wurde: Hier finden schon seit 1929 keine Gottesdienste mehr statt. Das Portal ist zugemauert, die kleine Eingangstür nur bei Veranstaltungen des Informationszentrums »Bauen & Wohnen« geöffnet. Nur das Carillon auf dem Turm tönt in den Mittagsstunden noch über Dächer und Grachten. Die barocke »Lutherse Ronde Kerk« dient heute als Kongreßzentrum des benachbarten »Renaissance-Hotels«.

Prominentestes Säkularisierungsopfer ist bis jetzt die Nieuwe Kerk am Dam, jene Kirche, in der 2013 die staatliche Huldigung für den neuen König Willem Alexander stattfand. »Schauen Sie sich die Skyline von Amsterdam im Jahr 1650 an«, sagt Boot: »Sie ist geprägt von den Türmen der Kirchen.« Kennzeichen der Gegenwart seien dagegen die modernen Glas- und Betonburgen am Stadtrand.

Am deutlichsten spürbar ist der Abschied der Kirche von ihren gleichnamigen Gebäuden im ältesten Gotteshaus von Amsterdam, der Oude Kerk. Hier wirkte Jan Pieterszoon Sweelinck, der Urvater des europäischen Orgelbarock, hier wurde Rembrandt getraut. Die Oude Kerk ist auf Boots Stadtkarte noch blau. Aber man merkt es nicht.

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In Kirchen, die Heimat einer Gemeinde sind, wird das irgendwo spürbar: An der Fragepinnwand der Konfis, an den Fotos der Täuflinge, am Schriftentisch, an Plakaten mit Veranstaltungen, am Blumenschmuck, egal, irgendwo. Es ist ein Raum, in dem mehr stattfindet als Staunen über den herrlichen Orgelprospekt oder die prächtigen Grabplatten.

Die Oude Kerk hat nur noch das Staunen, sie ist nur noch Monument, übrigens auch auf der entsprechenden website. Folgerichtig kostet der Eintritt fünf Euro. Sicher finden noch Gottesdienste statt, aber es gibt im ganzen Gebäude keinen gesicherten Hinweis darauf.

Als letzte Bastion protestantischer Kirchlichkeit im Stadtzentrum ist die Westerkerk übrig geblieben.  Hier finden gut besuchte Gottesdienste statt, Trauungen, Taufen. Ein hauptamtlicher Organist sorgt für ein reichhaltiges Kulturprogramm. Im Empfangszimmer, das mit den hohen Decken und den üppigen Gemälden an der Wand noch die Pfarrherrlichkeit alter Zeit atmet, sitzt Pfarrerin Fokkelien Oosterwijk, eine gestrenge Autoritätsperson, das vollkommene Gegenmodell zu Rob Visser und seiner Pionierkirche.

»Die Kirche hat zu spät eingesehen, dass sie mit der Zeit gehen muss«, resümiert Oosterwijk den gewaltigen Traditionsabbruch der beiden letzten Generationen. Dabei spüre sie  vor allem in Tauf- und Traugesprächen mit vielfach kirchenfernen Menschen ein großes Bedürfnis, Antworten auf große Lebensfragen zu finden: »Doch die Leute suchen lieber in irgendwelchen Splittergruppen.«

Den einprägsamsten Beweis für den drastischen Abbruch von Kirchlichkeit liefert Ruud Jongbloed, der Mesner der Westerkerk. Sein Namensschild mit dem Untertitel »koster« für »Küster« trägt er nur noch sonntags. Denn die meisten Werktagsbesucher der Kirche können mit dem Titel nichts mehr anfangen. Von Montag bis Samstag hat er sich daher freiwillig säkularisiert. Auf seinem Namensschild steht dann: »R. Jongbloed. facility management«.