Akio Takano (Porträt)

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An manchen Tagen ist die Verkehrssprache in den Räumen des Bach-Museums in Leipzig weder Deutsch noch Englisch: Ein Fünftel der Gäste kommt nämlich aus Japan. Kaum jemand von den Bachianern aus Übersee aber dürfte Meister Johann Sebastian so verbunden sein wie Akio Takano, internationaler Pressesprecher des Museums. Sein Leben ist eine Symbiose mit Bach.       

Die Deutschen kaufen Bücher und CDs, hat Margit Bufe vom gläsernen Thomaskirchshop neben der Thomaskirche festgestellt, die Amerikaner und Japaner stehen eher auf kitschige Porzellantellerchen mit altertümlichem Bach-Konterfei. »Da muss nur eine Gruppe Japaner reinkommen, da ist das alles leer gekauft«, hat sie erlebt.

Das Interesse aus Japan ist mehr als beachtlich, wenn man bedenkt, welche Reisestrecke diese Leute auf sich nehmen, um einen Menschen kennenzulernen, der vor 300 Jahren am anderen Ende der Welt gelebt hat und dabei über die Lebensstationen Ohrdruf, Mühlhausen und Köthen nur unwesentlich hinauskam. Japaner unterscheiden nicht zwischen westlicher E-Musik und U-Musik, sagt Akio Takano, internationaler Pressesprecher des Bach-Museums: »Bach, Beethoven, Beatles, das ist eins, wir sind von allem fasziniert.«

Vielleicht kommen ja manche Gäste aus Fernost wirklich nur, um den Vorurteilen der Europäer gerecht zu werden und möglichst viele Fotos mit nach Hause zu nehmen. Doch Bach bietet immer einen Anker für tieferes Erleben, und dafür ist Takano selber das beste Beispiel.

Mit 15 hat er zum ersten Mal Bach gehört, und obwohl er die Geschichte schon so oft erzählt hat, ringt er noch immer mit den Worten, um das Erlebnis zu beschreiben. Er sitzt zwischen Räuchermännchen, Halstüchern und Kaffeetassen im Museumsshop, die Augen leuchten, die Hände formen eine Geste der Anbetung: »Eine Erleuchtung.«

Er hat studiert und gearbeitet, er lernte die Bibel kennen und wurde Christ, hat aber letztlich doch nur ein Ziel im Leben gehabt: die Unergründlichkeit der Bach'schen Kontrapunktik, der er seit über 20 Jahren auf vielen Leipzig-Reisen nachgespürt hat. »Mein Beruf ist Bach«, hat er schon damals versichert, und da konnte er noch wenig andere deutsche Worte außer »Doppelkonzert« oder »Passacaglia«.

Als er kein Zimmer in Leipzig fand, übernachtete er im Pfarrhaus; als er kein Geld für den Flug hatte, da sammelten die Bachianer für ihn; und als er in Japan in eine schwere Depression versank und er nicht mehr weiterleben wollte, schickten ihn seine Freunde nach Leipzig.

»Bach hat mich gerettet«, sagt er heute, und man kann sich kaum ein schöneres Happy-End dieser Lebensgeschichte vorstellen als die Realität: dass nämlich Akio Takano, 51, der keine Noten lesen kann und kein Instrument spielt, heute im Leipziger Bach-Museum angestellt ist - im Dienste des Meisters.

Die Arbeitszeiten sind unvorteilhaft - in Los Angeles arbeiten Kulturredakteure und Reiseagenturen ab 20 Uhr deutscher Zeit, in Tokio um zwei Uhr nachts -, aber man kann sich vorstellen, dass Takano sich darüber keine grauen Haare wachsen lässt. Natürlich, das Violinkonzert BW 1042 oder die großen Orgelpräludien könnte er sich auch in Japan auf CD besorgen, sagt Takano, aber, und das ist der innerste Kern aller Dinge, die sich rund um Bach in Leipzig abspielen: »Bach müssen Sie hier hören, in der Thomaskirche oder in St. Nikolai. Das ist keine Musik für den Konzertsaal oder für die Retorte, das ist Musik für die Kirche, und hier ist sie entstanden.«

Das ist in Leipzig mindestens jeden Freitag und jeden Samstag möglich, bei den Motetten und Kantaten in der Thomaskirche nämlich, und häufig genug sitzt Takano im Publikum. Wenn sich die Leipzig-Reisenden aus Fernost von seiner strahlenden Bach-Begeisterung nur ein bisschen anstecken lassen, muss dem Museum um die künftigen Besucherquoten nicht bange sein.