Abschied von der Geschichte

Das deutsche Luthertum im ukrainischen Odessa ging im 20. Jahrhundert unter. Kann aus den Trümmern der Tradition etwas ganz Neues wachsen, das doch irgendwie mit der Vergangenheit zu tun hat? Das ist die Überlebensfrage der DELKU, der »Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine«.

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Eine Inschrift über dem Eingang der Kirchenkanzlei, Novoselskogo 68, erzählt die Geschichte eines Traditionsbruches, unfreiwillig. Der russische Künstler fertigte im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau von Kirche und Verwaltungsgebäude ein Relief  mit den Insignien des Luthertums.  Aber weil er die Vorlage aus Deutschland nicht verstand sondern nur übernahm, steht dort heute: »EIN FESTEBURG IST UNSER GOTT«. Man versteht´s auch so.
Die Verkehrssprache rund um die ehrwürdige Paulskirche ist heute russisch; das Kanzleirelief wie auch manche Inschrift innerhalb des Gotteshauses sind eine freundliche Verbeugung vor der Vergangenheit.
 Im Jahr 1806 erbauten deutsche Siedler aus Württemberg im nahen Großliebenthal, dem heutigen Welikodolinskoje, die erste evangelische Kirche im Schwarzmeergebiet.  Insgesamt entstanden in der Gegend über 700 deutsche Siedlungen. In Odessa errichteten die deutschen Lutheraner eine herrliche Kirche,die dank ihrer markanten Lage an der höchsten Stelle der Stadt zum Wahrzeichen von Odessa wurde: Alte nautische Karten verzeichnen St. Paul, die »kircha«, als Orientierungspunkt für Seefahrer.
Die »Kathedrale der Schwarzmeerdeutschen« war geistliche Heimat von über 10 000 Deutschen und Zentrum eines blühenden Gemeindelebens mit Diakonie, Bibliothek, Krankenhaus und Schule. Doch die rigide Kirchenpolitik der Bolschewiken, die Deportationen der Jahre 1937 und 1941, der Zweite Weltkrieg und der Stalinismus der Nachkriegsjahre ließ von alledem kaum etwas übrig. Symbolischer Tiefpunkt des Niederganges war der Brand der Paulskirche am 9. Mai 1976, dessen Ursache nie amtlich geklärt wurde.

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Die »kircha« blieb drei weitere Jahrzehnte Ruine, doch die Odessiten liebten sie selbst in diesem Zustand. Das ließ sie überleben.
Mit der politischen Zeitenwende in Europa im Jahr 1989 kam es auch in Odessa zu einem kirchlich-kulturellen Aufbruch: In dem Verein »Wiedergeburt« sammelten sich die Nachfahren jener Epoche, die selbst bei den Deutschstämmigen oft nur noch als vage Ahnung bestand: Bis heute treffen die lutherischen Geistlichen von Odessa auf Alte, die die Sprache ihrer Kindheit zwar verstehen, aber nicht mehr sprechen können.
Was sich im zeitgeschichtlichen Protokoll schnell und schlüssig liest, war in Wirklichkeit ein zäher, ermüdender und teurer Prozeß: Die neugegründete DELKU übernahm das einstige Altersheim neben der Kirchenruine und baute es zum »Haus der Kirche« um. Die Paulskirche wurde um die vormalige Apsis verkleinert, an ihre Stelle trat das »Deutsche Zentrum St. Paul« mit vermieteten Büroräumen -, ansonsten aber wieder aufgebaut. Die Kosten von über 6,5 Millionen Euro trug im Wesentlichen die bayerische Landeskirche.
183 Jahre nach ihrer ersten und 113 Jahre nach ihrer zweiten Einweihung erstand die Paulskirche ein drittes Mal. Heute steht sie wieder stolz auf dem  »Deutschen Hügel«, wunderbar restauriert, prächtig angestrahlt in der Nacht, eines der herausragenden evangelischen Gotteshäuser Europas.
Aber jetzt?
Die missionarische Aufbruchstimmung nach dem Ende des Kommunismus ist verflogen, die Orthodoxie in Glanz und Gloria wiedererwacht, dieweil das Deutschtum am Schwarzen Meer fast vollständig geschwunden ist. Die DELKU ist eine inzwischen fast durchwegs russische Mini-Kirche, die in der ganzen Ukraine etwa 3000 Menschen und in Odessa gerade mal 120 registrierte Mitglieder umfasst.
Andreas Hamburg, Pfarrer an St. Paul, sieht seine Chance in der Besinnung auf reformatorische Tugenden: »Wir sind gehalten, uns ständig zu reformieren, immer den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Für die Orthodoxen ist das nicht so einfach.«

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Natürlich seien Gottesdienst und Liturgie wichtig, sagt der Pfarrer, aber: »Es gibt auch eine Liturgie nach der Liturgie«, ein buntes Gemeindeleben nämlich, das in die Welt hineinwirkt, mit europäischer Schule und Diakoniestation. In der Gesellschaft in der Ukraine, die hunderte von Jahren eng mit dem autoritären russischen Zarenregime verbunden war und zuletzt unter der Knute des Sowjetkommunismus stand, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Uland Spahlinger, bayerischer Pfarrer und noch bis zum Frühjahr Bischof der DELKU, hat über diese Herausforderung lutherischer Theologie in der postkommunistischen und postzaristischen Ukraine einen klugen Aufsatz geschrieben. »Westliche Standards von Transparenz und Achtung der Menschenrechte spielen kaum eine Rolle«, schreibt Spahlinger. Stattdessen: Hierarchisch-feudalistische Strukturen, Konformitätsdruck, Angst. Andrej, der Taxifahrer mit einem Englisch-Wortschatz von maximal 20 Ausdrücken, übersetzt das so: »Politicals all corrupt. Juschtschenko corrupt. Janukowitsch corrupt. All corrupt. Very bad.«
Spahlinger hat in fünf Jahren Odessa mit seiner münsteraner Frohnatur versucht, Gegenakzente zu setzen. Indes, der Erfolg einer solchen Umarmungsstrategie läßt sich schwer messen.
 Der in der in der Ukraine üblichen Unart, dass Chefs ihre Untergebenen duzen, sich selber aber selbstverständlich siezen lassen, hat sich Spahlinger zum Beispiel konsequent entzogen. Und dass er auf dem Heimweg vom Bahnhof den öffentlichen Bus benutzt (der hier lustigerweise »marschroutka« heißt) oder bei der Zugabe in einem Jazz-Konzert in St. Paul auch mal selbst zum E-Baß greift, können viele schon gleich gar nicht verstehen: Ein Bischof! Fährt Linienbus! Spielt E-Baß! Das geht gar nicht! Aber es muß sein, sagt Spahlinger: »Wir müssen uns kleinmachen.«

Odessa-PetrodolinaOdessa ist eine Stadt, in der sich zwei verschiedene Zeitalter gleichzeitig abspielen. Hier die angeberische Stretch-Limousine, aus deren Dachfenster schicke Blondinen mit Sektgläsern winken, prunkvoll sanierte Nobelhotels und allerorten schicke Smartphones; dort bröckelnde Fassaden, bittere Armut und antiquiert ratternde Straßenbahnen, die im Westen jedes Verkehrsmuseum sofort mit Freuden ins Depot aufnehmen würde. Das 21. Jahrhundert hat schon begonnen, während nebenan das 19. gerade erst zuende gegangen ist.
Wie in anderen Gegenden Osteuropas wird das erst so richtig spürbar, wenn man die Stadt hinter sich gelassen hat. Die Dörfer im Hinterland von Odessa hießen einmal Peterstal, Mariental, Josefstal und Neuburg, es waren Gründungen deutscher Siedler aus dem frühen 19. Jahrhundert. Davon ist nicht mehr übrig als eine traurige Kirchenruine in Novogradovka, dem früheren Neuburg.  Alles, alles was hier an kirchlicher Arbeit geschieht, ist Missionsarbeit aus dem Nichts. Die kleine Kirche in Petrodolina ist der einzige evangelische Kirchenneubau der Ukraine. „Hier gibt es keine Tradition mehr, gar nichts“, sagt Pfarrer Alexander Groß.
Die Gemeinde ist selbst nach DELKU-Maßstäben klein: Der Pfarrer kommt auf 14 Leute aus Petrodolina und 12 aus Novogradovka, dazu noch einige Kinder. Die Hauptarbeit aber entspringt einer Bibelschule, die hier ihren Sitz hat: Studenten, zuletzt waren es sieben  aus drei Ländern, wohnen für gut zehn Monate auf dem Kirchdachboden, um sich in Bibelkunde und den Grundlagen praktischer Gemeindearbeit fit zu machen. Die Bibelschule beschäftigt dazu vier Lehrer – zwei Ukrainer, einen Amerikaner und einen Norweger. „Die Heilige Schrift ist alles für uns, ohne die Bibel sind wir nur ein Sozialclub“, sagt Groß.


odessa-schulenovogradovkaFreizeiten und Seminare für Jugendliche betreibt er bis in die Enklave Kaliningrad (das einstige Königsberg) oder nach Georgien, aber natürlich auch auf eigenem Boden, so wie heute in der Dorfschule von Novogradovka. Gut 80 Kinder haben bei Spiel, Sport und Bibelstunden begeistert mitgemacht und treffen sich nun zur großen Verabschiedung. Sie tragen bunte T-Shirts mit dem Bibelschul-Emblem, eine stete Erinnerung an diese Woche.
Ist das die Gemeinde der Zukunft? Alexander Groß schwankt zwischen Gottvertrauen und Pessimismus. Man wisse es nicht, ob sich welche dauerhaft angesprochen fühlen: „Aber sicher ist, wir müssten viel mehr Jugend- und Kinderarbeit machen.“ Etwa die Hälfte der ukrainischen Gemeinden werde es in einigen Jahren nicht mehr geben, argwöhnt der Pfarrer von Petrodolina: „Unsere Kirche stirbt.“
Der Rückweg nch Petrodolina führt an einer traurigen Ruine vorbei, mitten in Novogradovka. Von außen könnte der Bau auch ein Kulturhaus sein, eine Bibliothek, irgendein öffentliches Haus jedenfalls. Es ist eine Kirche, die Kirche der Schwarzmeerdeutschen von Neuburg, die nur deswegen überhaupt noch steht, und sei es als Ruine, weil sie jahrzehntelang als sozialistisches Gemeinschaftshaus genutzt wurde.
Damit ist es aber nun auch vorbei. Wenn  die Trostlosigkeit des Äußern überhaupt noch zu übertreffen war, dann durch die Innenansicht: Abgebrochene Emporen, vom Zahn der Zeit angenagte Stützbalken, Stapel von Bauschutt und Brettern, ein Trümmerfeld von Gesteinsbrocken im Altarraum, Dreck und Staub überall. Auf dem Chorbogen sitzen die Tauben.

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Vier Millionen Grivna bräuchte er, sagt Groß, mehr nicht. Damit ließe sich aus der Abbruchruine ein Kirchenzentrum bauen, mit Gottesdienstraum, Altenpflegestation, Hausaufgabenbetreuung, das ganze Programm: Zukunft mit Traditionsanschuß. Vier Millionen Grivna, das sind ungefähr 400 000 Euro, soviel kostet in Deutschland eine mittelgroße Orgel.  Mit dem Viertel des Betrages könnte man anfangen. Illusorisch, sagt Groß: „Es ist ein schöner Traum.“ Denn ihm fehlt nicht nur das Geld, sondern auch die Gemeinde dazu. Die Kirche von Novogradovka wird weiter verfallen, irgendwann wird das Dach einstürzen und irgendwann werden die Reste verschwinden. Wunder wiederholen sich selten.

Von den vielen Geschichten, die das evangelische Leben am Schwarzen Meer mit Bayern verbinden, muß man wenigstens noch drei erwähnen. Die eine hat mit dem »Bayerischen Haus Odessa« zu tun. Es sollte nach Abschluß der Bauarbeiten am Kirchhof von St. Paul in das neue Kirchenzentrum einziehen, um die bayerische Präsenz in der Stadt zu bündeln. Daraus wurde nichts, was wohl mit einer Mischung aus geplatzten Finanzkalkulationen und gekränkten persönlichen Eitelkeiten zu tun hat.

odessa-biergartenBesser funktioniert hat der Import eines bayerischen Mini-Biergartens direkt neben St. Paul, wo ein Mitglied der Gemeinde  unter Sonnenschirmen mit »Paulaner«-Logo Bier und Limo ausschenkt und obendrein Würste verkauft, die in Odessa nach bayerischem Rezept gemacht werden.
Schließlich die Orgel: Sie ist das einzige konzerttaugliche Instrument ihrer Art in ganz Odessa. Gebaut wurde sie von der Firma Steinmeyer für die Kreuzkirche in Nürnberg-Schweinau, die aber seit Jahren geschlossen ist. Die wöchentlichen Konzerte in St. Paul, die hunderte von Besuchern haben, sind ein erstaunliches Alleinstellungsmerkmal der Evangelischen am Schwarzen Meer.